Vor gut einem Monat ging die Ausgabe der "Zeit"an die Leser heraus, in der wir, unter der Überschrift "Auf ein Wort, Mr. Stokes!" den bekannten. britischen Labourabgeordneten apostrophiert hatten: er möge, so regten wir damals an, doch eine Prämie von präter propter fünf Pfund Butter für den aussetzen, der, nachdem Straffreiheit zugesichert worden sei, zuerst den Nachweis für die Richtigkeit des üblen Gerüchts erbringen werde, wonachdeutsche Lebensmittel, zumal Butter, in großen Mengen nach England verbracht werden sollen. Wir waren, als wir dies schrieben, auf eine Fülle von Leserzuschriften gefaßt. Um das Ergebnis vorwegzunehmen, der Brief, auf den wir mit Spannung gewartet hatten, der Brief mit dem dokumentarischen Nachweis der Richtigkeit jenes Gerüchts, ist bisher immer noch nicht eingegangen... Was ja schließlich auch nicht anders zu erwarten war. Eine eifrige Rundfunkhörerin schrieb zwar, sie habe, wenn ihre Erinnerung nicht trüge, "irgendwann in der Zeit zwischen November und Februar", im "Nordwestdeutschen" gehört, daß nun die ersten Sendungen überschüssiger deutscher Butter in England eingetroffen seien. Sie war von Dr. Heitmüller dahin zu belehren, daß natürlich niemals eine solche oder eine ähnliche Nachricht übers Radio gegangen sei, das lediglich jenes abwegige Gerücht dementiert habe. – Eine ganze Reihe weiterer Zuschriften beschäftigt sich mit allen möglichen Einzelfällen, in denen Angehörige der Besatzungsmacht, bei der Ausübung der Jagd und der Fischerei oder bei der Nutzung von Hausgärten, die an ihren Unterkünften und Messen liegen, in den Besitz beschränkter Mengen an Lebensmitteln kommen. Auch von (offensichtlich ohne Wissen der Vorgesetzten) betriebenen Tauschgeschäften – Eier, Obst, Gemüse gegen Zigaretten – auf dem Dorf war die Rede: Geschäfte, wie sie wohl das Kantinen- und Küchenpersonal betreibt, um etwas mehr Abwechslung in den fiskalischen Speisezettel hineinzubringen. Aber, wie gesagt, "die" große Nachricht blieb aus.

Im Gegenteil: wir haben sogar die (indirekte) Bestätigung dafür, daß jene üble Butterlegende völlig unzutreffend ist. Wie uns ein westdeutscher Leser schrieb, war unser Vorschlag, eine Butterprämie für den einwandfreien Nachweis des Vorliegens von Butterexporten nach Großbritannien auszusetzen, durchausnicht originell. Der Vorschlag ist nämlich vor einigen Monaten bereits in die Praxis umgesetzt worden, indem der Bürgermeister von Bielefeld verkünden ließ, er wolle zwei Pfund Butter (marken- und kostenfrei) demjenigen geben, der ihm die Beweise für deutsche Butterlieferungen nach Großbritannien auf den Tisch legen könne. Der Effekt war, wenn unser Gewährsmann uns recht unterrichtet hat, daß ganz Bielefeld drei Tage lang über die Frage diskutierte "Wo hat man bloß unser Bürgermeister die viele Butter her?" Von der Butter aber, die nach England gegangen sein sollte, sprach nun kein Mensch... Und so ist gekommen, daß in Bielefeld berühmt-berüchtigte Butterlegende keinen rechten Roden mehr hat. Denn jeder Bielefelder weiß: Die Butter liegt noch immer im Stadthaus; nicht einer ist gekommen, um sie sich ("Ware, gegen Dokumente", wie es in der Kaufmannssprache heißt) abzuholen!

Wir können also das Fazit ziehen und feststellen, daß, da kein Beweis für das Gerücht geliefert werden konnte, offenbar der Beweis gegen das Gerücht erbracht ist: Es gibt keine Lieferungen an Lebensmitteln aus der britischen (und der amerikanischen) Zone in Richtung England. Wo dies dumme und unsinnige Gerücht trotzdem wieder auflebt, sollte es von allen vernünftig und rechtlich, denkenden Menschen mit Keulen totgeschlagen werden" – und eine solche Keule ist bereits die Entgegnung: "Woher wissen Sie das? Haben Sie, haben Ihre Gewährsleute wirkliche, stichhaltige Beweise? Und wenn ja – warum haben Sie die Unterlagen nicht nach Bielefeld geschickt und sich damit zwei Pfund Butter verdient?"

Freilich, auch das muß gesagt werden: anderswo ist es anders. Aus der französischen Zone gehen, wie man weiß, laufend erhebliche Mengen an Lebensmitteln (und auch an Wein) heraus; außerdem lebt die Besatzungstruppe und was zu ihr gehört, einschließlich ihrer in großer Zahl zugezogenen Familienangehörigen, "aus dem Lande"; dazu kommen nochdie vielen zur Erholung nach Süddeutschland geschickten Kinder. Und mengenmäßig noch erheblicher sind, wie wir mehrfach berichtet haben, die Abzüge an Lebensmitteln aus der sowjetischen Zone zugunsten der Besatzungsmacht. Das ist, angesichts unzureichender Lebensmittelversorgung auch, und speziell in jenen Gebieten unerfreulich genug, ja, geradezu schmerzlich. Es ist aber auch ein Grund mehr, die baldige wirtschaftliche Vereinheitlichung für alle vier Zonen zu wünschen und zu fordern, unter Beibehaltung jenes Prinzips, das heute einstweilen nur für die vereinigten Westzonen gilt. J. P. H.