Eagle Lion Ltd. übernimmt Filmverleih

An Stelle des großen Bedauerns, daß bisher von England nicht die besten Filme herübergesandt werden, kann das deutsche Kinopublikum eine neue Hoffnung setzen: In der britischen Zone hat die Militärregierung, in enger Zusammenarbeit mitder amerikanischen Zone, den Filmverleih, der Privatinitiative übergeben. Eine britische Firma, die "Engte Lion Distributers Ltd" des allgewaltigen Filmunternehmers Rank, wirdden Vertrieb englischer Filme übernehmen, "Motion Picture ExportAssociation ofAmerika" wird amerikanische Werke Verleihen, und einer Anzahl deutscher Filmverleiher wind allein der Vertrieb deutscher Produktion obliegen. Von nun in kann der deutsche Lichtspiel- – beritzer in der britischen (und amerikanischen) Zone also auch wieder ein Programm nach eigener Wahl, zusammenstellen.

Als erster Film eines ausländischen Verleihs wurde in Hamburg (Waterloo) der englische Spitzenfilm "Great Erpectation" (Geheimnisvolle Erbschaft) gezeigt nachdem er vorher schon in einem Kino für die englische Besatzung gelaufen Var. Ein Teil der Premierenbesucher fand zwar euch diesmal seine großen Erwartungen und Hoffnungen getäuscht, aber es steht fest, daß dieser Film, in England und auch in Amerika die größten Erfolge hatte, und kein Geringerer als Charles – Dickens hat die Idee geliefert. Daß der Film bei uns kein ganz großer Erfolg werden konnte, mag daran liegen,es wir in der letzten Zeit mit dem Anblick alter englischer Filmschlösser allzu häufig bedacht wurden – zumal die Spinnweben, die in diesem muffigen, düsteren Gemäuer immer wieder und mit besonderem Genuß von der Kamera eingefangen waren, symbolischen Charakter bekamen. Sichtbar wurden leider mehr Spinnweben als der Schmelz Dickensscher Dichtung.

So gelang es der Regie David Leans nicht, die großen Erwartungen, die er mit der erregenden Atmosphäre und der kühnen Eindringlichkeit der ersten Szenen erweckte, zu befriedigen,obwohl Mörder im grauen Moor. Sklavenschiffe. Menschenfeinde. Schurken und viele Galgen, ein mutiger liebreizender Knabe und last not least. das verwunschene Schloß zur Verfügung standen.

Aber es ist etwas anderes, Dickens’ meisterhafte Darstellung.schadhafter Verstrickung und echter Menschlichkeit zu lesen oder einen für unser Empfinden kolportagehaften Bildstreifen von quälender Länge und Sentimentalität zu sehen. Doch sind Szenen von großer Schönheit und geladener Spannung darin und ganz hervorragende schauspielerische Darstellungen (Bernard Miles, Francis L. Sullivan, Finlay Currie), die echte Bewunderung hervorrufen.Erika Müller