Bemerkungen zu Hamburger Premieren

Wasin heutiger Zeit die Theater spielen müßten – darum geht die Sorge. Denn es ist in dieser Zeit wieder einmal die große Umwertung aller Werte im Gange. Und hier ist es keine Frage, daß das, wonach wir uns sehnen, das Ideal einer neuen Menschlichkeit ist. Das Streben aber nach diesem Ideal muß die Spielpläne der Theater bestimmen: das istnicht als lehrhafte Forderung gemeint, sondern als eine Feststellung dessen, was dem Theater frommt – weil das Publikum dies heute erwartet. Zwischen materiellen und geistigen Trümmern ist der Zeitgeist aufder Suche nach Werten, die tief im Menschlichen wurzeln. Im Theater aber sollte dies nicht nur das "Was", sondern auch das "Wie" bestimmen.

Das Staatliche Schauspielhaus, Hamburg, spielt den "Hamlet". Es spielt ihn derart, daß man auf den Gedanken kommen könnte, diesmal sei es das vornehmliche Ziel gewesen, zwei vortrefflichen Schauspielern Gelegenheit zum Spiel zu geben. Und wirklich kamen bedeutende Momente zustande. Will Quadflieg, dem die Natur alles geschenkt hat, was einen großen Bühnenkünstler ausmacht – ein ausdrucksvolles Gesicht, eine schöne Gestalt, harmonische Gesten, eine modulationsfähige Stimme, künstlerischen Idealismus, der nach dem Höchsten greift, und ein feuriges Temperament –, er setzte da er den Hamlet verkörperte, alle seine darstellerischen Tugenden ins Licht, ließ alle seine Talente leuchten und gab, doch dabei mehr Virtuosität als Schicksalsdeutung. Wir hätten wohl einen Menschen sehen wollen, der es um einer Aufgabe, eines Auftrags willen unternimmt, die Gefahrenzone des Wahnsinns aufzusuchen, einen Menschen, der eben daran zerbricht, daß er – zu klug, als daß er unbekümmert, zu fein, als daß er roh handeln könnte – angesichts der dummen Ungerechtigkeit dieser Welt fragend, zagend und verzweifelnd wie gebannt vor jenem Urphänomen steht, das da Leben heißt. Einen solchen Menschen hätten wir sehen wollen - aber wir sehennureinen – allerdings wundervollen– Schauspieler. Der andere Darsteller war Bernhard Minetti – als König Claudius ein hektischer Bösewicht, ein Gejagter: so stark in bewußter Konzentration. es bei der Partnerschaft Quadfliegs, des Schillernden, manchmal aussah, sie spielten nicht dasselbe Stück – ein Eindruck, den die übrigen Mitwirkenden vertieften. Da die Regie Alfred Nollers wohl feinsinnig in Einzelheiten, jedoch nicht einheitlich im Gesamten wirkte,da obendrein die Aufbauten Caspar Nehers keineswegs stimmungsvoll waren – sie glichen mit Treppenund Plattformen eher einer Maschine als einem Bühnenbild – trat sofort das stärkste Belastungsmoment in Erscheinung, unter dem die Staatliche Bühne, die immer noch nicht in ihr erhalten gebliebenes schönes Haus zurückkehren durfte, leidet, die Mangelhaftigkeit des Saales, jenes Versammlungsraumes am Besenbinderhof, dessen Stühle, sobald das Publikum sich nicht genug konzentrieren kann, zu knirschen beginnen. Zwar hat sich, das Publikum – dem Beifall nach zuurteilen – für Quadflieg und Minetti entschieden, aber daß es Gelegenheit hatte, sich für Shakespeare und seinen "Hamlet", dieses gerade heute rätsel- und abgrundvoll erscheinende Stück zu – entscheiden –diesen Eindruck hatten wir nicht.

Die Hamburger Kammerspiele, diereich sind, weil sie in hohem Maße über eines verfügen, was anderwärts heute sehr selten ist: nämlichüber Ensemble-Kunst, haben, da sie in den "Troerinnen" desEuripides das weibliche Personal beschäftigen, gleichzeitig ein"Männerstück" einstudiert: die "Erste Legion" von Emmet Lavery. Es spielt in einem Jesuitenkloster, und Dr. Morell, der Hausarzt, der Wunder übernatürlicher Krankenheilung testiert, an die er selbst nicht glaubt, ist unter geistlichen Herren das einzige Weltkind und doch unter gläubigen Menschen, ja unter den "Militantes dei" nicht dereinzige Skeptiker. Was über die Absicht des Dichters zu sagen ist, hat der Jesuitenpater Werner Barzel in einem dem Programm hinzugefügten Aufsatz gesagt: "Er will in diesem Stück vom Glauben sprechen.... Da der Glaube etwas Geistige" ist, dessen Gegenstand nicht sichtbar gemacht werden kann, so mußte der Dramatiker, da er ja Sichtbarkeit nötig hat, nach einem Symbol dieses Gegenstandes suchen. Er wählte das Wunder ... Er durfte das, weil sich bekanntlich auch heute noch richtige Wunder ereignen, wiewohl sie den Wundersüchtigen zu selten und den Skeptikern zu häufig geschehen."

Wer diese Tendenz nicht verstand – und das schienen unter dem Publikum aus einer der Ratio, ja,dem Skeptizismus ergebenen, großstädtischen Gesellschaft nicht wenige zu sein – wunderte sich, zwischen Kritik, Nachdenklichkeit, Ablehnung und gespanntem Interesse schwankend, über die fremde Atmosphäre eines Jesuitenklosters, die, wie wir wissen, weder ganz getroffen noch, ganz verfehltwar. Neben gedankentiefen Diskussionen auf derBühne, die nur deshalb stören, weil im Publikum nicht alle hinhören, gibt es dramatische Effekte von großer Schlagkraft, wenn sich zuletzt ein echtes Wunder wie aus der Sphäre des berühmten Wallfahrtsortes Lourdes verwirklicht: ein kleiner Junge, der niemals gehen konnte, erhebt sich unter Orgelklangaus seinem Fahrstuhl, (leider ist die Orgel ein. dünnes Harmonium, das statt des vorgeschriebenen gregorianischen "Te deum",dasdeutsche"Großer Gott, wir loben dich" spielt.) Vielen erschien das Stück allzu amerikanisch. Aber amerikanisch ist es tatsächlich nicht nur in der Neigung zu Sensationellem, sondern auch darin, daßdrüben im Rahmen allgemeiner religiöser Erneuerung auch das katholische Element stark in den Vordergrund gerückt ist. Daß in Amerika vor nicht allzu länger Zeit die erste Heiligsprechung vollzogen wurde, ist dafür bedeutsam.

Die Kammerspiele boten dasSpiel von der "ersten Legion Gottes" ein wenig als Lehrstück, sehr diszipliniert (unter Eduard Wiemuths Regie), und so vornehm, wie nur möglich: bei aller Problematik ein Stück aus dieser Zeit und für Menschen dieser Zeit, die um den Glauben – nicht nur um den religiösen – ringen, weil sich’swie wir’sgenug erfahren haben, anders einfach nimmerleben läßt! Josef Marein