35 Dem Dichter und Frauenfretmd Anatole France wird nachgesagt, daß er als Achtzigjähriger beim Anblick eiiies hübschen jungen Mädchens im Ltixembttrg Garten den Stoßseufzer tat: "Zehn Jahre jünger sollte, man sein!" Offenbar ist auch die- englische Presse dieser Macht de Glaubens erlegen, seitdem sie sidi mit den neueste Veränderungen im Kabinett befaßt. Der Zauber des Wortes "Verjüngung" beherrscht jedenfalls die Koiamentare der englischen Presse, und die Aitersangaben der britischen Minister stehen plötzlich im Mittelpunkt des Interesses. Eine Erwägung, daß man zu wenig Linkshänder im Kabinett besäße oder eiae einheitliche Kahlköpfigkeit anin Schweden eine Fußballelf antritt, die B schließlich aus. Rothaarigen besteht), hätte nicht auf so viel Publikujnsinteresse und Zustimmung rechnen können. Zur Beschwichtigung wachsender Unzufriedenheit und lauter werdender Kritik ist das Stichwort "Überalterung" nicht unglücklich ge "wählt. Man hat also, vorbehaltlich weiterer Ver ärderungen, Mr. Harald" Wilson zum Handelsminister gemacht, der mit seinen 31 Jahren ridi versucht fühlen könnte, unter den sechzig- Bpd Siebzigjährigen Kollegen das Steckkissen sl Amtstiacht zu wählen.

Nicits läge uns ferner, als etwa im Gegensatt zur englischen Pressemcinung Minister Wilsons Päliigkeiten wegen seiner großen Jugendlichkeit anzuzweifeln. Aber wir gebrannten Kinder haben ein empfindliches Ohr für die- prinzipielle Fanfare solcher Strömungen. Es war der italienische F Schismus, der iö der Jugend "an sich" einen, politischen Wert sah. Es war der Nationalsozialismus, de r mit seinen Parolen gegen "die Greise" und für die lugend diegefährlichsten Instinkte entfesselte. Eines der- damals- umlaufenden ironischen- Worte lautete: Bei der Ernennung zum Regierungsrat erfolgt automatisch das Ausscheiden aus der Hitler Jugend Sollen wi r es womöglich eines Tages erleben, daß die, altcbrwürdige "Times" die For derung "Gefährlich leben!" erhebt? Über die Vorzüge uad Nachteile von Jugend und Alter haben Plutarch, A4ontaigne, Fraacis Eacon, Goethe und unzählige andere Ihre Be- trachtungen angestellt. Wir sollten es, was den derzeitigen politischen Verjüngungsauber ia England anbetrifft, mit zwei Sätzen des Francis Bacon halten: "Die Irrtümer junger Leute sind das Verderben der Geschäfte, während die Fehler der Alten sich mir darauf belaufen, daß mehr hätte getan und schneller jzu Werke gegangen werden ücönnte " Und anschließend heißt es: "Es ist daher durchaus wünschenswert, beide Lebensalter sammen arbeite zu lassen; den Vorteil davon hat die Gegenwart, da die Vorzüge beider auch beiderMängel ausgleichen können " : So dürfte es sich die Regierang wohl audt