Immer wieder wird den Zeitungen der Vorwurf gemacht, daß sie viel zuviel über die bevorstehende Währungsreform schrieben. Damit würde, so heißt es, nur Unruhe in die Bevölkerung getragen; das Vertrauen zur Reichsmark werde noch weiter geschmälert, die Flucht in die Sachwerte und das Horten von Ware verstärkt

Ist das richtig? Die Presse muß schließlich, wenn sie ihre Aufgabe, die Öffentlichkeit zu unterrichten, recht erfüllen soll, von den vielfältigen. Äußerungen Notiz nehmen, die zur Frage der Geldreform erfolgen. Es ist nicht ihre Schuld, wenn deutsche Politiker und Vertreter der Besatzungmächte ebensogut wie auch Männer der beteiligten Verwaltungen in-diesem Punkte so, redselig sind, daß es immer wieder neue; Schlagzeilen zum Thema Geldreform; in den Zeitungen – gibt, Noch weniger ist es der Presse zur Last zu legen, daß sich die Verlautbarungen nur zu oft widersprechen und so dem Leser unlösbare Rätsel aufgeben. Völlig abwegig ist schließlich der Vorwurf, daß die Öffentliche Behandlung dieser Dinge in den Zeitungen ein Akutwerden der latenden Geldkrise fördere.

Selbst, wenn die Währungsfrage für die Presse tabu wäre, würden die Gerüchte über geplante, beabsichtigte, beschlossene, bevorstehende oder vertagte Maßnahmen auf. diesem Gebiet – mehr noch als heute – die Gemüter beschäftigen. Und die Überfülle an Geld, jene unheilvolle Erbschaft des Hitler-Regimes und seiner Methoden der Rüstungs- und Kriegsfinanzierung, würde weiter wirksam bleiben: mit all jenen zersetzenden und auflösenden Folgen, für das wirtschaftliche Geschehen, die sich in einem immer weiter fortschreitenden Prozeß seit mehr als zwei Jahren vor unsern Augen ergeben.

Die Knappheit an Lebensmitteln und der totale Mangel an lebenswichtigen Gütern aller Art auf der "Warenseite", und die Überliquidität auf der "Geldseite", in ihren Wirkungen sich potenzierend, führen dazu, daß das Geld seine normalen Funktionen mehr und mehr einbüßt. Es ist nicht mehr das allgemeine Tauschmittel: der Tausch "Ware gegen Ware." (oder "Leistung gegen Ware"), wird vorgezogen, Es ist nicht mehr der (alleinmaßgebende) Wertmaßstab: Viele Dinge sind für Geld allein ohne Hinzufügung eines "zweiten Papiers" nicht zu; kaufen. Es ist nicht mehr Mittel der Werterhaltung; Geldkapitalien, einst sorgfältig als Rentenquelle gehütet oder, für Investitionen in Reserve gehalten, werden ohne Bedenken, für den laufenden Bedarf eingesetzt, oder aber sie werden – ohne Rücksicht auf das Verhältnis zwischen Aufwendungen und zu erwartenden Erträgen, da jede Kalkulation ja heute hinfällig ist – auf gut Glück investiert, verbaut, in "Sachwerten" angelegt.

Dieser Prozeß der "Geldzersetzung" (wie wir ihn einmal nennen wollen) ist unaufhaltsam. Sein Ablauf ist weder dadurch zu beeinflussen, daß man sich darüber einigt, künftig nicht mehr über die Reformbedürftigkeit des Geldwesens zu sprechen, noch dadurch, daß man, – nach der Gesundbetermethode – versichert: Die Währung sei stabil, alles sei in bester Ordnung, und das, was noch am – guten Funktionieren der Wirtschaft fehle, werde allmählich "von selber? kommen. Mit anlaufender Produktion, so sagen die einen, werde "der Geldüberhang von selbst verschwinden". Wenn die Produktion – erst angelaufen sei, so meinen die andern, dann – aber keinesfalls früher – könne man vielleicht daran denken, vorsichtig an eine Währungsreform, eine möglichst milde natürlich, heranzugehen. Aber die eine Auffassung ist genau so verfehlt wie die andere, keine von beiden hält einer realistischen (geschweige denn einer theoretischen) Prüfung gegenüber stand. Es ist gar nicht daran zu denken, daß die Produktion in diesem Zustand der Geldzersetzung wieder "von selber" in Gang kommen könnte, und selbst wenn sie es täte, so entspricht jeder Vermehrung des Sozialprodukts ja doch ein (Geld-) Einkommen gleicher Höhe: der sogenannte "Überhang" an altem Geld wird also niemals kleiner!

In der öffentlichen Diskussion sind wir nun, endlich!) auch so weit, daß allgemein anerkannt wird: erstens, es muß eine Reform erfolgen, und zweitens, die Lage erlaubt keinen längeren Aufrufe mehr. Gewöhnlich wird dabei die Formulierung von der "sofortigen" Reform gebraucht Das ist. freilich mißverständlich. Wenn Minister N. N. die Notwendigkeit einer sofortigen Reform betont, so heißt das nicht, daß er die Reform für bald ankündigt, sondern nur, daß er die bisherige, These negiert, die besagte: die Reform könne erst erfolgen, wenn "gewisse Voraussetzungen" (es gibt einen ganzen Katalog solcher Verzögerungsargumente!) erfüllt’seien. Schönwandt hat, wohl als erster, überzeugend. nachgewiesen, daß die angeführten "Voraussetzungen" wohl für den Erfolg der Reform wichtig sind – nicht aber für ihren Beginn. Und seine Auffassung, hat sich durchgesetzt.

Radikal, aber auch sicher