Die Idee war ausgezeichnet. Wenn alle Versuche, der Wirtschaftsnot mit "großzügigen" Plänen zu begegnen, aussichtslos erschienen – warum sollte da nicht der Versuch einer "kleinzügigen" Lösung unternommen werden? Bedarfsartikel des Alltags, von den Streichhölzern angefangen bis zu Schnürsenkeln, Zwirn, Briefpapier und Verbandstoff, deren Fehlen das Dasein so sehr erschwert, Waren, die Pfennige oder allenfalls ein paar Groschen-kosten, sollten "zunächst" in ausreichender Menge hergestellt, vom Schwarzen Markt wieder in die Läden und auf die Verkaufsstände des ambulanten Gewerbes gebracht werden. Aber die Wirtschaftsverhältnisse, letzten Endes bedingt durch die – Währungssituation, waren stärker als die besten Absichten...

Die fast einjährige Geschichte des Pfennigartikelprogramms, das im Oktober 1946 von dem Zweizonenausschuß für Wirtschaft aufgestellt wurde, ist reich an Enttäuschungen. Sie offenbart in besonderer Deutlichkeit das Unvermögen, selbst "nebensächliche" und billigste Erzeugnisse in einem Umfange herstellen zu können, daß sie – beileibe nicht etwa in beliebigen Mengen – aber, wenigstens in geringen. Quantitäten an alle Verbraucher auf besondere Karten abgegeben werden könnten. "Damals", d. h. vor etwa einem Jahr, hieß es ganz positiv: "Eine Verbraucherkarte soll für beide Zonen zu Beginn des kommenden Jahres ausgegeben werden", und im Anschluß daran wurde gesagt, welche wertvollen psychologischen Wirkungen das Programm – mit Schwung durchgeführt – auslösen und wie es von der Bevölkerung als ein Beweis dafür gewertet werden würde, daß endlich etwas geschehe.

Nach einem Jahr aber ist nichts geschehen Vielleicht konnte auch nichts geschehen. Die am 29. Oktober 1946 angeordnete Herausgabe einer Verbraucherkarte wurde hinausgeschoben und schließlich mit der Begründung unterlassen, es sei nicht einmal das Papier für diese Karten verfügbar. Gegen Vorschläge, auf freibleibende Abschnitte der Lebensmittelkarten – einige Artikel abzugeben, wurde geltend gemacht, die Produktion sei zu klein. Wo die Erzeugung aber immerhin so reichlich war, daß, wenn auch unter Schwierigkeiten, doch fast, jeder zu seinem Recht kommen konnte, so bei Rasierklingen, wurde dann die Bewirtschaftung eingeführt, mit dem Erfolg, daß Rasierklingen auf Raucherkarte zunächst fast gar nicht, am "freien". Markt dagegen immer noch reichlich zu haben sind.

Streichhölzer wurden auch früher schön nur nach Aufruf ausgegeben. Hier hat sich mit oder, ohne Programm nicht viel geändert. Dagegen können monatlich 190 t Papier nicht freigemacht werden, die notwendig wären, um jedem Verbraucher – im Jahr! – 20 Briefumschläge; so Blatt Briefpapier und 70 Faltbriefe zuteilen zu können. Mit einer Ausgabe von Nähgarn ist in nächster Zeit nicht zu rechnen. Stopfgarn wird nach wie vor nur in geringen Mengen und auch nicht in allen Ländern der Doppelzone ausgegeben. Näh- und Stecknadeln sind zwar hergestellt worden, konnten aber nur zum Teil ausgeliefert werden; weil auf die Papierschecks kein Packmaterial zu bekommen war. Schuhcreme kann mangels Hartwachs nicht in ausreichender Güte fabriziert werden. Selbst der Nagel für die Wand wird eine Rarität, bleiben. Die Produktion an Heftpflaster reicht nicht einmal für Krankenhäuser und Ärzte; viel weniger für den allgemeinen Bedarf,

Wie mit diesen Erzeugnissen, so geht es ähnlich mit den übrigen, deren Verteilung im Rahmen des Pfennigartikelprogramms vorgesehen war. Wir sind also so arm – oder dank der "Befehlswirtschaft" so unfähig? – geworden, daß nicht einmal das "Programm der Armut" durchgeführt werden. kann. st.