Es herrscht überall Bedürfnis nach leichter Unterhaltung – überall, auch in Thüringen. Und es gibt in Thüringen allenthalben "Gastspieldirektionen": die liefern seichte Unterhaltung. Der Unterschied ist der gleiche wie zwischen Rom und Rumaroma. Aber wir haben uns daran gewöhnt, das Surrogat für das Original zu nehmen, auch auf dem Gebiet der Kunst. Die Menschen in den Städten, den Städtchen und Dörfern sehen willig einen Herrn im Frack, der ein paar alte Witze blödelt, für einen Conférencier an. Sie nehmen jede Hopserei für Tanz und eine Folge schmetternder Töne für Gesang. Es ist also zum Geldverdienen nicht viel mehr nötig, als daß man eine Reihe von "Nummern", die nie zur Mangelware werden, von Ort zu Ort verfrachtet. Dabei gibt es ein beliebtes Mittel, den Jahrmarktzauber im Lichte weltstädtischer Kultur erscheinen zu lassen: das ist das Vorspannen eines "Stars". Fritz Kampers, Lucie Englisch. Paul Henckels und Lotte Werkmeister sind als Clous solcher Programme oft gereist und überall gesehen – gern gesehen – worden. Sie sprachen ein paar Gedichte oder spielten-einen harmlosen Sketch. Nein, damit vergaben sie sich nichts. Wohl aber damit, daß sie sich zu Schirmherren des zeitfernen Klamauks aus der Mottenkiste machten, der sich zwar vor reichlich zwei Jahren auch in den Großstädten breitmachte, sich aber heute längst in die Provinz verdrängt sieht.

Rebelliert die Provinz? Im Gegenteil: Sie füllt den Gastspieldirektionen die Kassen. Und dennoch, kommt aus der Jugend ein Protest! Da gibt es in Dessau eine "Junge Bühne". Laien im Alter so um die zwanzig. Sie ziehen über das Land, bereisen – getragen von der Freien Deutschen Jugend – Städtchen und Dörfer Thüringens. Sie wollen Aufrichtung und innere Befreiung geben. eben das, was die knallig plakatierten "Jubel, Frohsinn, Lachen" nicht geben können. Sie sind so jung und sie greifen so hoch, daß eine Lücke bleiben muß: sie spielen "Amphitryon" von Kleist. Natürlich kann die letzte Süße dieser subtilen Köstlichkeit so wenig Schwingung werden wie der derbe Humor. Aber was tut das gegenüber der Tatsache, daß auf der Bühne des Wirtshaussaales in Gehaus, in Stedtfeld, Wutha oder wie die Dörfer alle heißen mögen, Alkmene steht und Jupiter und Sosias, dagegen nicht X Y, "der beliebte Komiker vom Sender Leipzig" und Lizzy Pizzy, "die bezaubernde Soubrette vom Wintergarten Berlin". Die Musik der Sprache Kleists – wie könnten diese jungen Menschen alle ihre Nuancen zum Klingen bringen! Aber wie unwesentlich ist das auch. Sie lassen sie in Treffurt klingen, in Mihla, in Großenlupnitz. Und wenn es Selbstüberschätzung sein mag, "Amphitryon" zu wählen, dann dürfte es die liebenswerteste Selbstüberschätzung sein, wenn heute eine Jugend unter der Devise "Kleist" auszieht, um das Kulturgewissen der Provinz zu wecken. R