Von August Scholtis

Mein altes, zerbrechliches, geliebtes Vaterhaus ist nicht mehr. In seiner letzten Zuckung vor dem endgültigen Ende schlug das böse Rache der des Krieges auch nach ihm. Zerstampfte es mit seiner Tatze, zerfetzte es mit seinen Krallen und züngelte giftigen Brodem in die Ruinen. Die Winkel und Truhen, die Geister und Gespenster haben sich ins Nichts verdampft. Die Kisten und Kasten am Dachboden, rund um den Schornstein sind auch nicht mehr. Die tausend guten und schlechten Gerüche der Duft nach Kuchen, nach Kinderwindeln und Katzendreck, nach gedörrten Zwetschgen und nach Äpfeln, nach Saatgut, Mehl und frischen Broten, nach Würsten, Schinken, Quark und Stallmist sind vergangen. Wo soll ich mich in Zukunft für den Rest des Lebens mit guten Geistern, unterhalten, mit liebenswürdigen Gespenstern, mit Hunden, Katzen, Ziegen, Kühen, Enten, Gänsen und dem bunten Hühnervolk? Unsere Tauben sind auch heimatlos, und die Pfosten mit den geheimnisvoll eingeritzten, altväterlichen Notizen sind verbrannt. Die Schwalben werden nicht mehr wiederkommen, denn der Kuhstall ist eingestürzt. Unsere Katze hat sich über die ganze Welt und ihr frivoles Treiben buchstäblich zu Tode geärgert und tüchtig ausgestreckt. Unser Schornstein ist umgekippt.

Mir ist, als sei damit ganz Schlesien vom Erdboden verwischt... –

Der traute Herd, um den wir versammelt saßen, Gänsefedern zupfend, lustige Geschichten erzählend, gezuckerte Mehlzapfen essend (unsere guten, schlesischen Bobaken voll Erinnerung ans liebe alte Österreich Maria Theresias) ist zerquetscht – Das – Stäbchen und die Betten, vor denen Vater und Mutter inbrünstig beteten, in denen sie eingingen zu Gott, sind zermalmt. Unsere Scheune ist verpulvert und in Rauch verwandelt. Unser Brunnen ist versiegt/ Unser Birnbaum, ist verdorrt, und der Starkasten ist angeschwelt. Pflug, Egge, Kastens wagen und Sense sind zerbrochen, die Kühe sind geschlachtet, das Hühnervolk. zerflattert, der Hund verreckt. Niemand mehr wird auf unserem Dachboden das Saatgut und in den Kellern die Saatkartoffeln mustern.

Ich aber werde verharren neben der Erinnerung Unsere beiden Kühe werden über die Ackerkrumen ziehen. Der alte Pflug wird seine Furchen hinterlassen. Die Eggen werden die Krumen emsig zerbröckeln, sie werden ihre Spiralen beschreiben, kreuz und quer über die Saat. Mit umgehängtem Saattuch wird mein Vater majestätisch über die Krumen schreiten. Und mit freigebiger, königlicher Gebärde wird er seinen Ackerkrumen den köstlichen Regen der Saatkörner spenden, die aufrauschen wie wundersamer Flügelschlag, und ins Erdreich versickern. Den Blick zum Himmel gerichtet, die Hand harmonisch gewinkelt, wird er sein heiliges Werk verrichten, und Mutter wird ihn in seinem befruchtenden Werk ablösen. Wir Kinder aber werden indessen die Zügel der beiden Kühe halten. Denn wir sind noch sehr klein und schauen den Lerchen nach, die in den Himmel steigen und darin verschwinden. Und mein letzter Bruder, wird auch zugegen sein, der in seinem Grabe liegt, in weiter russischer Erde. Und die Körner werden keimen. Sie werden sprießen und wachsen, grünen- und fächeln, reifen und duften.

Und sie werden uns trösten und mit neuer Hoffnung erfüllen...

Stein um Stein wird sich aneinanderfügen, wo jetzt Ruinen starren. Das Haus wird auch wieder wachsen, die Scheune wird sich dehnen und weiten. Der Brunnen wird fließen. Der Birnbaum wird blühen. Die Schwalben werden zwitschern, die Stare werden jubilieren. Das kreuchende und fleuchende Getier des Hofes wird sich vermehren, wird garten, surren, krähen, bläken, brüllen, meckern und grünzen. Das Leben wird sich wieder entfalten, die Kirchenglocken werden läuten und die Prozession wird mit Trompeten, Bässen, Klarinetten und Pauken Gott, den Herrn, preisen.