Von Egon Vietta

Die Marionetten des Meisters Jacques Chesnais, der sein Gewerbe in Paris ausübt, erfüllen genau das, was Heinrich von Kleist in seiner Betrachtung über das Marionettentheater beobachtet hat: sie sind Ihres Bewußtseins entledigt und darum vollkommene Geschöpfe, wie es der Mensch einmal vor seinem Sündenfall ins Bewußtsein war. Meister Chesnais hat diese Jongleure, Leichtathleten und Tänzer, die Virtuosen des Klavierspiels, der Geige und der surrealistischen Magie in der alten Unversitätsstadt Freiburg im Breisgau gezeigt, und es war, wie wenn die Zuschauer in Götter verwandelt wären, die dem menschlichen Schöpfungsakt beiwohnten. Er hieß die Sterne tanzen, er tauchte unter den Meeresspiegel und ließ sogar einen künstlichen Zauberer sein Werk verrichten – und es war stets, als würde auf der winzigen Bühne ein bißchen Natur- und Geistergeschichte getrieben. Man denke sich, unsere planetarischen Sorgen auf eine Miniaturbühne zusammengedrängt (und nicht viel größer müssen wir einem Siriusauge erscheinen); wie höchst possierlich müssen sich die Fronten und Grenzen ausnehmen, die von der menschlichen Marionette durch die plastische Erdoberfläche gezogen worden sind.

Nicht nur das. Am Ende wird der Spiritus rector, der Schöpfer, den Vorhang von der Schöpfungsgeschichte wegziehen und die Drähte, Leitseile und Hängebalken, an denen das vielfältige Puppengewirr befestigt ist, der Neugier seiner Zuschauer preisgeben. So Meister Chesnais. Plötzlich waren wir aller Illusion beraubt und einer neuen, noch kühneren Illusion preisgegeben: An den Schnüren zappelt die Meisterpianistin herein, und schon beherrschten ihre Finger die Tasten. Natürlich war es ein Klavier, das keinen Laut gab, aber die Töne waren so perlenrein synchronisiert, wie wenn sie aus dem kleinen hölzernen Kasten hervorgelockt wären.

Und ist es im Leben nicht ebenso? Wir handeln und wissen nicht, daß wir die Wirkung weit entfernter, "kolossalischer" Ursachen sind, die hoch über uns die Drähte durchs Weltall dirigieren.

Wie bedeutsam, bei Meister Chesnais zu sehen, wie jede Marionette von der Sehnsucht nach Wahrheit gepeinigt ist! Da gesellt sich Paganini zu einem weiblichen Gieseking und streicht den Bogen so beherrscht wie nur irgendein Philharmoniker. Die beiden harmonierten meisterhaft zusammen, weil ihr Spiel vom Wahren, Guten und Schöner – oder sagen wir es offen: aus den Wolken – diktiert ist. Doch plötzlich stürzen Noten, fremde Noten auf das entsetzte Paar herab und – jazzen die Harmonie in Grund und Boden, so, daß das Konzert mit einem schnöden Mißklang enden muß. Denn die Musik hat sich vom Menschen losgesagt und das Wohltemperierte Klavier ist zerschmettert. Dabei konnte jeder Zuschauer verfolgen, wie die Drähte wanderten, wie die Puppen ins Spiel hineingeschoben wurden, wie ein Hebeldruck den Fidelbogen hin- und herjagte.

Ein Schöpfer, der alle seine Karten aufdeckt, meint es gut mit den Menschen. Das ist, als würden die Geschichtswerke der Ranke, Mommsen. Thukydides und Herodot vor dem Beginn der Geschichte, nicht nachher verfaßt und veröffentlicht, so daß endlich jeder prüfen kann, ob’s stimmt. Die Philosophen würden schreien: wo bleibt die Willensfreiheit? Aber was hier geboten wird, das ist genau das, was alle Menschen erstreben: darum rennen sie zum Astrologen, zum Handorakel und Graphologen, zur Kartenlegerin und weisen Frau, heute mehr denn je, Marionetten ihres überzüchteten Bewußtseins! Darum sind sie selig, wenn sie die Spur auch nur eines Drahts verfolgen dürfen, die sich im Unendlichen verliert; darum wünschen sie sich, Marionetten mit dem zweiten Gesicht zu sein, damit sie die riesige, apokalyptische Hand sehen könnten, die so über ihnen wogt. Sie wollen nichts wissen von der Last, die dieser Hand aufgebürdet ist. Denn: nicht genug, daß sie ihrer selbst bewußt sind, sie möchten auch all der Drähte bewußt werden, an denen die Menschheit hängt sie hungern nach dem Ozean von Drähten, der durchs Gewölk auf die Erde herabregnet, ein Orkan von zerrenden, sausenden und zappelnden Schnüren, vom Windstoß der Geschichte bewegt. Wehe aber, wem diese Welt aufgetan! Er verirrt sich in der Falle des Bewußtseins, er taumelt von Draht zu Draht und wird doch niemals ins Jensens aller Drähte hinaufreichen, wo die eigentliche Geschichte gespielt wird

Das Ensemble des Meisters Chesnais war vollkommen. Hand, Draht und Puppe gehorchten dem einen freien Willen, dessen Gesetze noch heute unerforscht sind. Wenn wir also den Marionetten den freien Willen absprechen – und das müßten wir wohl –, bleibt doch noch eine Unbekannte, nämlich der freie Wille des Meisters Chesnais, bleiben seine Einfälle, seine Ideen und Zweifel, mit denen er die Puppenbühne, belebt. Wir freuen uns, daß er Orpheus und Puppenlenker in einem ist, daß er die Stille und Einsamkeit und da? Schweigen von den Marionetten nimmt, die auch unsere Welt bedeuten. Einmal illustrierte er Volksweisen mit ein paar Puppengestalten, und es klang wohlgetan. "Was für eine hübsche Erde", könnten wir einander beglückwünschend – sagen, was für eine sanftgetönte Welt! Die Marionetten haben die Schwerkraft überwunden: sie fliegen. Sie regieren über, unter und auf dem Wasser. Sie erfinden Feen, Geister und was das Herz begehrt. Sie atmen im Oberonsreich der Musik. Sie geben sich gelöst dem Spiel des Lebens hin – welch eine Lust, nach ihrem Spiel den Hohlköpfen ins Auge zu scheuen!