Das Werk Gerhart Hauptmanns ist in jene Phase getreten, die zwischen der zeitlichen Existenz des Dichters und der endgültigen Aufstellung seines Bildes im Pantheon des Geistes liegt. Manches, was den Ruhm damaliger Gegenwart besaß, wird möglicherweise verblassen; anderes wird an Eindringlichkeit gewinnen. Das Urteil in dieser Sichtungs- und Läuterungszeit schwankt; was noch nichts besagen will, da auch das Publikum von heute auf schlankem Boden steht, mühsam um Objektivität ringend. Es ist gut, sich des Lichtenbergischen Hinweises zu erinnern: wenn ein Werk und ein Kopf zusammenstießen und es klänge hohl, so müsse nicht unbedingt das Werk die Schuld daran tragen. – In Berlin fanden die poesiegetränkten Alterswerke Hauptmanns nicht die rechte Gegenliebe. Das Thalia-Theater in Hamburg wagte sich an die naturalistische Seite des Dichters: ganz überzeugend war nur die schauspielerische Fülle der Gesichte. Ihr galt auch der starke Beifall, den in erster Linie Gisela von Collande als Rose Bernd auf sich beziehen konnte. In der vegetativen Kraft ihrer Gestaltung überwog das Wurzelhafte und Dumpfe das Blühen und Locken. Neben ihr standen in überzeugender Zeichnung der Streckmann Josef Dahmens und der alte Bernd Adalbert Kriwats. Eine aktive, klare Regie: Klaus Jedzek. Lz

Es war im Oktober 1903, gerade vor 44 Jahren. Aus Agnetendorf war mein Vater zu den Proben von "Rose Bernd" nach Berlin gekommen und ich durfte ihn begleiten. Er wohnte, seiner Gewohnheit gemäß, im Hotel de Rome, Ecke Charlottenstraße und Unter den Linden, die damals noch in vier Reihen bis zum Brandenburger Tor standen. Das Hotel war ein vornehmes, altes Haus, aus dem sich einst – was einen Teil seines Ruhms ausmachte –, der alte Kaiser Wilhelm I. regelmäßig jede Woche die Badewanne ins Schloß hatte bringen lassen, damit er baden konnte.

Man konnte damals in den Zeitungen – und – seither in Literaturgeschichten – lesen, daß der Dichter zu seinem Drama durch eine Schwurgerichtsverhandlung gegen eine Landarbeiterin wegen Kindesmordes und Meineids wäre angeregt worden. Aber ich weiß genau, daß bei jenem Gerichtstag, an dem mein Vater als Geschworener Anteil hatte, gegen einen Weber verhandelt wurde, der wegen Versicherungsbetruges angezeigt worden war. Mein Vater hatte mich nach Hirschberg mitgenommen, und ich verfolgte alles: Die Weber lebten auch damals noch in den kümmerlichsten Verhältnissen, und es ging ein Murmeln durch den Schwurgerichtssaal, als der Staatsanwalt in seiner Anklagerede darauf aufmerksam machte, daß ein Ehepaar mit einem angenommenen Kind sehr gut mit vier Mark die Woche auskommen könnte. Vier Mark war nämlich der Betrag, den das Ehepaar bei fleißiger Arbeit in der Woche verdienen konnte. Der kümmerliche, blasse Mann hatte das Mobiliar in den nahen Wald gebracht, bevor er seine Hütte, die mit 350 Mark versichert war, in Brand setzte. Er mußte bestraft werden; mein Vater erzählte mir jedoch? daß ein Gnadengesuch an die höchste Stelle gesandt worden wäre. Sein Herz war auf Seiten der Weber.

Es war auf einem Spaziergang in Agnetendorf, als mein Vater mir über die Anregung zur "Rose Bernd" durch die kurze Notiz im "Riesengebirgsboten", erzählte. Da war nun freilich von jener Kindesmörderin und Meineidigen die Rede. Er fügte hinzu, er wäre augenblicklich in der Lage, eine große Anzahl derartiger Dramen aus dem Leben des Volkes zu schreiben. Nun war es seine Gewohnheit, nach dem Abendbrot, das spät eingenommen wurde, vorzulesen, was im Laufe des Tages entstanden war, um mit Freunden, die meist zu Gaste waren, über ihren Eindruck zu sprechen. Wir konnten auf diese Weise verfolgen, mit welcher Sicherheit er dieses Drama ohne Unterbrechung niederschrieb. Bei den Proben war das "Deutsche Theater" in der Schumannstraße verdunkelt und leer. Auf dem Regietisch in der Mitte der zweiten Parkettreihe stand eine kleine – Lampe und beleuchtete die darunter liegenden Schriftseiten. Mein Vater saß an diesem Tischchen. Die Lampe zeichnete schnell sich verändernde Lichtflecke auf sein Gesicht, das leidend und eingefallen unter der hohen Stirn lag und die kommende schwere Krankheit ankündigte. Er stand auf, sah über die Lampe hinweg und verfolgte mit Spannung die Schauspieler auf derBühne. Ab und zu wandte er sich an Otto Brahm, den Freund, und Direktor des Theaters, der neben ihm saß, rief zur Bühne hinauf, weil er hier und dort Anregungen zu geben hatte. Er eilte die kleine Treppe zur Bühne hinan, spielte die eine und andere – Szene mit, begab sich wieder an den Regietisch, um mit den übrigen Freunden, die in geringer Anzahl anwesend waren, im Flüsterton zu beraten; während die Probe weiterging.

Im Parkett: Otto Brahm. Er pflegte überall seinen runden Hut auf dem kahlen Kopf zu behalten, da er die Zugluft fürchtete, eine Regel, von der er auch an der Tafel eines vornehmen, Restaurants keine Ausnahme machte, wodurch er oft Aufsehen erregte. Auf der Bühne: Else Lehmann, die "Rose Bernd", mit elementarer Hingabe versunken in ihre Rolle. Rudolf Rittner spielte den Flamm. Er war Schlesien wie man weiß, und stand vielleicht schon dadurch meinem Vater nahe. Aus Weißbach bei Jauernick stammend, einem kleinen Dorf dicht an der österreichischen Grenze, wo seine Vorfahren seit Generationen Gemeindevorsteher waren, war er ein großer Schauspieler geworden. Seine helle, metallene Stimme wird mir immer unvergeßlich sein. Aber unvergeßlich ist er auch, weil Lovis Corinth ihn als "Florian Geyer" malte. Schon mit jungen Jahren übrigens hat Rittner sich von der Bühne zurückgezogen und begonnen, seinen Kohl im Heimatdorf zu bauen. Das kam, weil er bei der Premiere der "Jungfern vom Bischofsberg" auf offener Szene ausgepfiffen wurde. Dieser Pfiff galt weniger ihm, als dem Dichter Gerhart Hauptmann-, Sein harter Bauernschädel aber überwand diese Kränkung nicht. Damals, als es um "Rose Bernd" ging, wurde der Streckmann von Albert Bassermann gespielt. Noch heute gilt der ruhige, vornehme Mann, der den Ifflandring trägt und unlängst aus Amerika zurückkehrte, als der bedeutendste lebende deutsche Schauspieler.

Die Spannung auf den Premierenabend war ungeheuer. Der Reichtum der Brillanten blitzte von den Rängen dem armen Bauernmädchen auf der Bühne zu, das mit seinem Schicksal rang. Und auf der Bühne stand mein Vater, der sich leicht verneigte und den man immer wieder vor den Vorhang rief ...