Die Wahlen zum saarländischen Landtag am 5. Oktober waren mit die wichtigsten deutschen Wahlen der Nachkriegszeit. Die Kommunisten erhielten 8,4 v. H., alle anderen Parteien 91,6 v. H. der abgegebenen Stimmen. Der neugewählte Landtag hat über die Verfassung und damit über das wirtschaftliche und politische Statut der Saar zu entscheiden. Ein Verfassungsentwurf wurde von einer vorläufigen Verwaltungskommission ausgearbeitet, der Vertreter der Parteien und der Besatzungsbehörde angehörten.Dieser kurz vor den Wahlen veröffentlichte Vorschlag Sieht die politische Trennung der Saar von Deutschland sowie den wirtschaftlichen Anschluß und eine politische Anlehnung an Frankreich vor.

Folgende Grundsätze würden bei Annahme dieser Verfassung das Gesicht der Saar bestimmen: 1. Das Saargebiet – wird vom Deutschen Reich politisch unabhängig. 2. Das Saargebiet, wird ein "autonomes, demokratisches und soziales Land, das wirtschaftlich an Frankreich angeschlossen ist". 3. Die französische Republik übernimmt die Verteidigung und die Interessenvertretung der Saar im Ausland. 4. Ein Vertreter der französischen Republik erhält auf wirtschaftlichem Gebiet gesetzgeberische Vollmachten und sonstige Kontrollrechte. 5. Diefranzösischen Zoll- und Währungsgesetze werden im Saargebiet eingeführt.

Das Ziel der französischen Republik ist offensichtlich die politische Angliederung der Saar, aber die geringe Bereitschaft der Saarländer, Franzosen zu werden, läßt es Paris angebracht erscheinen, den "Anschluß in Etappen" durchzuführen, wie es der Führer des MRS (Mouvement pour le rattachement de la Sarre à la France) Dr. W. Sender, formuliert hat. Für dieses von Frankreich mit allen Mitteln, geförderte MRS ist der im Verfassungsentwurf vorgesehene wirtschaftliche Anschluß nur eine Etappe auf dem Weg zum politischen Anschluß, denn ohne, diesen wird Frankreich, wie Dr. W. Sender kürzlich ausführte "seine Wirtschaftspositionen an der Saar nicht wirksam verteidigen können und die Saarwirtschaft nicht die ihrigen in Frankreich und in der Welt".

Die Trennung von Deutschland wurde im Rahmen dieses Programms sehr brüsk vollzogen. Der Eiserne Vorhang ist engmaschiger als in der Ostzone. Der Umtausch in die neue Saarmark war ein besonders bedeutsamer Schritt. Die wirtschaftliche Angliederung an Frankreich wird aber nur zögernd vollzogen. Die Zoll- und Währungsgrenze besteht noch, und es ist nicht ganz klar, ob unter "Einführung der Zoll- und Währungsgesetze" auch eine Zoll- und Währungsunion verstanden wird. Frankreich scheint die Konkurrenz der saarländischen Industrie sehr zu fürchten.

Frankreich läßt sich sonst den Anschluß viel kosten. Die Saarländer sind der besternährte Teil der deutschen Bevölkerung. An Fett gibt es seit vielen Monaten mehr als 600 g und an Fleisch 500 g monatlich. Die Kolonien liefern Datteln, Bananen und ähnliche in Deutschland nicht/mehrbekannte Früchte. Ein noch stärkeres Lockmittel ist die Ansiedlung industrieller Betriebe. Die Saar kann auf die Dauer nicht von Kohle allein leben. Die Kohle ist zwar der jetzt am meisten gesuchte Rohstoff, fast wichtiger als Gold, aber für normale Zeiten keine ausreichende-Basis eines Wohlstandes. Hohe Löhne können nur in der Fertigwaren-Industrie bezahlt werden. Diese wird nun zielbewußtnicht nur aus der französischen, sondern auch ausandern Zonen nach der Saar verlagert. Genaue Zahlen sind zwar nie veröffentlicht worden, aber man weiß, daß sich die-einstigen Großbetriebe der deutschen Fertigwaren-Industrie. in der Saar ein Stelldichein geben. Der Fall Bosch hat dabei das meiste Aufsehen erregt. Die Arbeiter sind in der Saar sozialpolitisch besser gestellt als in Frankreich. Die Renten der Sozialversicherung und die Wohlfahrtsgelder werden voll ausgezahlt. Saarbrücken bietet kulturell mehr als französische Provinzstädte – was allerdings nicht viel besagt.

Die Saar hat von dieser Politik viele Vorteile gehabt. Bedauerlicherweise, hat dies zu einer Schwächung der prodeutschen Front geführt. Inallen Parteien ist zwar immer noch eine starke prodeutsche Strömung, aber mit Ausnahme der KPD sind sie auf den wirtschaftlichen Anschluß festgelegt und erlahmen im Widerstand gegen den politischen. Die Kommunistische Partei ist bisher als einzige offen "für Volk und Heimat" eingetreten und steht damit im scharfen Gegensatz zur Schwesterpartei in Frankreich. Prodeutsch ist die Haltung des Klerus.

Die für den wirtschaftlichen Anschluß eintreten-, den Saarländer rechtfertigen ihre Haltung nicht nur mit Hinweisen auf die gegenwärtige Notlage, sondem auch mit Hoffnungen, daß die Entscheidung auf internationalem Gebiet eine andere sein, und der Saar die Rolle als Mittler geben wird.