Man kann die Lage Chinas, nicht von Tientsin aus-beurteilen, will sagen: man kann es von keinem festen Punkt aus. Aber die Lage in Tientsin ist für vieles typisch, was die Situation Chinas charakterisiert. Tientsin ist augenblicklich in Verteidigungszustand gesetzt. Man hat einen Erdwall Von zwei Meter Höhe, davor einen Wassergraben Von zwei Meter Tiefe und fünf Meter Breite um die ganze Stadt gezogen. Das scheint zu genügen, die Kommunisten, die 40 Kilometer entfernt ihre Dauerquartiere errichtet haben, von einem schnellen Überfall auf die Stadt abzuhalten.

Ein Kuriosum bildet der Flugplatz. Er liegt außerhalb – des Grabens, etwa 15 Kilometer von der Stadt entfernt. Niemand, hält diesen Flugplatzbesetzt, weder die Kuomintang-Truppen noch, die Reste der einst so großen amerikanischen Besatzung. Diese ist auf einige hundert Mann "Service Regiment" zusammengeschmolzen. Der Flugplatzalso ist eine Art Niemandsland. Aber könnten die Roten Truppen nicht dorthin plötzlich einen Vorstoß machen? Man weiß sich zu helfen: Wird nämlich ein Flugzeug der Amerikaner gemeldet, so rasselt der Tank – es ist nur noch einer in Tientsin verfügbar – mit höchster Geschwindigkeit los, hinter ihm zwei Lastwagen mit schwerbewaffneten Soldaten, vornweg ein, Wagen der Militärpolizei, dessen heulende Sirene überall den Verkehr stoppt. Mit Donnergetöse geht’s bis zum Flugplatz, der so lange besetzt wird, bis das Flugzeug wieder gestartet ist, dann kehrt die ganze Kohorte ebenso donnernd in die Stadt zurück, und der Flugplatz ist wieder preisgegeben.

Inzwischen haben die Amerikaner auch den Sommerplatz von Tientsin am Meer evakuiert. Dort hatten einige Weiße ständige Wohnsitze. Die Amerikaner holten sie mit einem der am Bugmit einer Tür versehenen Landungskähne ab. – – Die Ereignisse scheinen, nun überhaupt lebhafter zu werden. In den vergangenen. Monatenzogen immer mehr Weiße aus Tientsin ab, die ganzeKolonie schwindet dahin. Für die Zurückgebliebenen ist das geschäftliche Leben sehr schwierig geworden. Niemand kann mehr exportieren. Der katastrophale Sturz des Chinadollars auf dem Schwarzen Markt vernichtet alle Ausfuhrmöglichkeiten.Dagegenbringt jeder Import, den man im Dollarzwangskurs bezahlen kann, großen Gewinn Erstaunlich ist, daß bereits wieder Waren aus Italien anlangten: Fiat-Wagen, Stoffe und Uhren. Auch Belgien importiert wieder, selbst Japanbeginnt sichzu rühren. Nur Deutschland schweigt. Es kamen wohl Briefe aus München,Pforzheim und vor allem aus Hamburg, aber meist enthielten sie nur die neuen Adressen der ausgebombten Firmen. Dagegen bekamen Geschäftsleute in Tientsin zu ihrem Erstaunen von einer englischen Firma ein Angebot aus Deutschland, ein Originalangebot in Reichsmark auf dem Originalbriefbogen der deutschen Fabrik. Es handelte sich-, um Gerbereimaschinen, nach denen angefragt worden war. Sollte die deutsche Ausfuhr etwa über den Umweg England in Fluß kommen, so fragenheute die Kaufleute. in Tientsin. –

Im übrigen glaubt man hier, daß die kriegerischen Wirren bald das Schicksal Tientsins entscheiden werden. Schon heute wirkt sich die Tatsacheaus, daß Tientsin, das bedeutende Einfallstor Nordchinas, abgeschnitten ist. Das Hinterland fehlt. Sollte Tientsin in die Hände der Kommunisten fallen, muß jeder Weiße vorher rechtzeitig die Frage entschieden haben, ob er sich und seine Existenz von der übrigen Welt isolieren läßt. L. B.