Eine Ankunft in Dresden fängt nicht unbedingt jedesmal mit einer Leibesvisitation an. Aber diesmal ist es doch der bewußte Anblick: Auf dem Bahnsteig stehen rund achtzig preisgegebene Koffer. – Und die Polizei ist emsig bei der Arbeit. Sie nimmt einem Halbwüchsigen drei Schachteln Süßstoff ab, einer mageren Frau zwei Aale, die sie sich um den Leib gebunden hat. Und so weiter. Undso weiter. Was müssen die Dresdner unter solchen Umständen von ihrer Polizei denken! – "Gar nicht so schlimm", sagt einer – ein jungerBursche, dem sie soeben eine Packung amerikanischer Zigaretten abgenommen haben. "Halb soschlimm! Ich war schon einige Male auf dem Revier eingesperrt. Wenn die Polizisten abgerufen wurden, ließen Sie mich aus der Zelle raus, gaben" mir zu rauchen und sagten: ‚Wenn’s läutet, geh ans Telefon, Genosse.‘ Da saß ich. ‚Nee, es ist niemand da. Rufen Sie später an. Hier ist bloß der Gefangene.‘ Nee, ungemütlich ist es nicht bei unserer Polizei, allerdings die Zigaretten, nehmen sie einem immer ab. Gehen Sie mal zum Polizeipräsidium. ans Elbufer. Was sie dort für dicke Zigarren rauchen! Und die Beamten, wenn sie aus dem Dienst kommen – jeder hat seine Zigarette im Mund. Das duftet! kann ich Ihnen sagen. Die anderen Männer in Dresdenrauchen einen stickigen Tabak von den organisierten Ballen ... wissen Sie – als die Fabriken abbrannten und der fürchterliche Qualm den Tabak durchzog und dann das Löschwasser drauf kam."

Das klingt doch alles ein wenig so, wie wir uns einst. Wildwest vorstellten. Und richtig: – am Schalter, wo die Zulassungen ausgegeben werden, stützt ein Mann einen taumelnden, entkräfteten Burschen, dessen Gesicht notdürftig verbunden ist; der Anzug ist fleckig von geronnenem Blut. Der Begleiter kämpft um eine Zulassungskarte und schreit klirrend wie auf dem Exerzierplatz: "Der Mann muß sofort ins Lazarett. Ich werde dem Major sagen, daß man nach Dresden nur noch mit der Pistole in der Tasche fahren kann. Da, sehen Sie sich den Mann an, wie er die Nacht zugerichtet worden ist." – Major? Pistole? Wir schreiben 1947!

Hinter den Elbbrücken erstreckt sich das riesige Trümmerfeld der Altstadt. Eine bleierne Stille liegt über dem kilometerlangen wüsten Steinhäufen. Hier saß vor der ältesten Festungsanlage Dresdens, der Brühlschen Terrasse, von der einst – nach den Festlichkeiten – die goldenen und silbernen Teller in die Elbe geworfen worden sein sollen. ein Mann auf einem Feldstuhl und malte die Trümmer. "Na, historisch beglaubigt ist das mit den Tellern wohl nicht", sagte er. "Wenn sie wirklich soviel Gold und Silber in die Elbe geworfen hätten, so wäre ganz Sachsen wohl schon herangezogen worden, alles wieder rauszubuddeln, Das ließen die sich doch, nicht entgehen." Dieses Wörtchen "die" hängt in der Luft. Ich sehe mir die Leinwand an: Ruinen und ein meilenweit entfernter Himmel. Und da wir gerade über die Kunst reden: – Für westliche Augen ist das Denkmal der Roten Armee noch immer ungewohnt. Aber die Dresdner legen viele Kränze nieder. "Wir danken unseren Befreiern, der siegreichen Roten Armee. Bäckermeister Erich Müller und Frau." Ein Berg solcher Kränze, mit roten Schleifen und.solchen. Inschriften. Ein Mann an. einem Stock, es könnte ein Lehrer sein, erklärt: "Die Russen, haben andere Ansichten über Denkmäler. Als in Dresden das Bismarckdenkmal zerstört wurde, fragte mich einrussischer Offizier: ‚Du. mir sagen, warum zerstörte Bei uns in Rußland Bismarck ganz, ganz großer Mann‘..."

Die Menschen aus dem vernichteten Stadtkern haben sich am Rand der Stadt festgesetzt. Überall sieht man spitze, graue Gesichter. Diese Leute werden erst offenherzig, sobald sie merken, daß einer nicht sächsisch spricht. "Hunger? Bei uns ist organisierte Friedhofsruhe. Der Minister hat gesagt, der Ertrag der Ernte sei durch die Dürrekatastrophe nicht so hoch, wie man angenommen hätte. Wie schön sie reden! Im August haben wir zwei Kilogramm Kartoffeln bekommen, ein vielversprechender Auftakt für den Winter. Es geht eben--von Jahr zu Jahr schlechter. Im vorigen Jahr hatten wir um die Zeit wenigstens das große Fischsterben. Das ganze Elbufer stank pestilenzisch von den krepierten Fischen. Das war ein Ansturm! Mit Körben kamen sie gerannt. Und Sie glauben gar nicht, wie ein Fisch ruhig stinken kann, wenn man nur den richtigen Hunger hat!"

Abends zu Besuch bei einem alten Bekannten: "Schicken Sie mir bloß keine Westzonenzeitungen mehr", sagt er. "Und wenn Sie unterwegs sind, machen Sie sich keine Notizen, Man kann nie wissen. Wie? Zum Meisenberg wollen Sie noch? Wozu? Siekofnmen doch nicht rein in die Villenstadt! Der erste Posten in dem grün-weiß gestrichenen Schilderhaus-, chen hält Sie schon an. Dort oben wohnen der Landtagspräsident und der Parteivorsitzende und lauter solche Kanonen, die die Schwerarbeiterkarte und die russische große Zulagekarte und die Schukow-Pakete kriegen. Eine Regierung des schlechten Gewissens! Eben sind sie dabei, die Kultur zu organisieren. Es soll viel mehr ernste Kunst geboten werden, weg mit der leichten Unterhaltung! Vor kurzem sagte mans noch umgekehrt. Aber das Volk ist mit jeder Art von ,Kultur‘ zufrieden, was ihnen auch geboten – wird. In – meinem Bierlokal gibt. es beispielsweise jede Woche einen Billardabend. Ein paar Männeken haben einen Klub gegründet und tragen an dem Abend knallgelbe Mützen mit einem blauen Streifen. Darunter blühen die Gesichter richtig auf. Nach Schluß setzen sie die Deckel wieder ab und-sind wieder verarmte, verhungerte, versorgte Bürger."

"Und wie kommen Sie selbst so durch in diesen Zeiten?"

"Mit ein bißchen Grips kommt man schon durch. Als damals die Russen anmarschierten, wohnte ich in einem kleinen Häuschen auf einem Berg. Unten ging der Krieg vonstatten. Erst nachein paar Tagen kamen die Russen zu uns herauf, rund vierzig Mann. Ich hatte aus einem Buch ein Bild von Karl Marx ausgeschnitten und, mit roter Aktendeckelpappe -eingerahmt, an die Wand gehängt. Meine Familie zitterte, Ich sagte zu dem Offizier und deutete auf das Bild: ‚Kennst du den da?‘ – Alle starrten auf das Bild, der Offizier wurde geradezu begeistert. ‚Ich ihn kenne sehr gut, das ist Karrel Marx‘ – ‚Das ist mein Großvater’, sagte ich. – ,Waas?‘, schrie er, ,dein Großvater!" Er umarmte mich, und alle schüttelten mir die Hand. Ein fürchterlicher Trubel. Wir kriegten einen Schutzbrief, der ans Häuschen gemacht wurde. Immerfort gab es Besuche, vor Essen und Schnaps konnten wir uns kaum noch retten."