Notizen einer kleinen Reise Esist ein seltsames Gefühl, durch eine völlig erhalteneStadt zu gehen. Da wird einem erst bewußt, wie sehr wir uns an die Ruinenumwelt gewohnt haben und in welchem Umfang diese Trümmerlandschaft unsere neue Wirklichkeit geworden ist, nicht nur äußerlich, sondern als tatsächlicher Ausdruck unserer politischen, wirtschaftlichen und geistigen Situation. Die Menschen in einer wohlerhaltenen Stadt wie Schwerin müssen ein anderes Weltbild haben, sollte man sagen. Oder überschätzt man das Ambiente?

Am Bahnhof allerdings stehen die gleichen Gestalten, wie überall auf den Bahnhofsplätzen, und die Preise der Zigaretten, die tuschelnd angeboten werden, sind die gleichen-wie in Berlin oder Magdeburg oder Hannover. Aber dann geht man durch trümmerfreie Straßen, . an großen Schaufensterscheiben vorbei zum Schloßplatz (und nur was hinter den Scheiben angeboten wird, ist wieder zeitgemäß). Da steht auch noch unverändert das seltsame, spätromantische Schloß, von Schwechten in den See hineingebaut; da ist noch das ehemalige Hoftheater, und auch das Museum ist noch da, das heute Volksmuseum heißt, ein hübscher, spätklassizistischer Bau über einer riesigen Freitreppe.

Diese Freitreppe steigt man hinauf. Das Museum ist wieder eingerichtet, nur ein Teil der wertvollsten Bilder ist noch im Westen verlagert und scheint vorerst nicht zurückzukehren. Aber die Gemäldegalerie präsentiert sich schon wieder recht erfreulich. Schwerin hat nie sehr bedeutende oder gar weltberühmte Gemälde besessen, aber es ist eine schöne Sammlung von Meistern des zweiten Ranges vorhanden, besonders von Holländern des 17. Jahrhunderts. Man ist hier nicht stolz auf einen Rembrandt, höchstens auf einen Hendrik Averkamp, aber auch das kann etwas sehr Schönes sein. Jedenfalls sieht man dergleichen heute selten und geht mit Vergnügen durch eine Welt verfeinerter bürgerlicher Kultur, deren Zeugnisse wie auf einer Insel inmitten Europas erhalten blieben, während der große Krieg Deutschland zerriß

Doch dann steigt man hinab ins Untergeschoß, wo die Landesregierung Mecklenburg in Verbindung mit dem Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands eine Ausstellung von Werken Ernst Barlachs veranstaltet hat. Und man ist mit einem Schlage in einer anderen Welt, angeweht vom Atem einer großen und starken Kunst Unserer Zeit, von einer Formsprache, die uns. in ihrer einfachen Eindringlichkeit heute noch unmittelbarer als je zuvor anspricht, die uns ergreift und zugleich befreit, weil sie die Tragik mit Größe gestaltet. Da ist keine matte Stelle, keine nichtssagende Form, kein Beiwerk Da ist jedes Werk Aussage einer großen und einzelnen Kraft, die in aller Einsamkeit und zuletzt Verstoßenheit den tieferen Leiden und dem tiefsten Glauben ihrer Zeit Ausdruck zu geben vermocht hat.

Besonders die graphischen Arbeiten sind in Schwerin auf größerem Räume ausgestellt und unvergleichliche Zeichnungen aus dem Schatz der über tausend Blätter, die der Nachlaß im nahen Güstrow noch vereinigt. Darunter sind Entwürfe für große Figuren: denen aus dem "Fries der Lauschenden" und von der Lübecker Katharinenkirche verwandt, – Früchte der letzten, leidensvollsten Schaffenszeit, von einer Fülle der Erfindung und einem inneren –

Reichtum der Gesichte, die uns erst erahnen lassen, was durch die Unterbrechung des Lübecker Planes nach 1933 für uns verloren ist. Aber unvergeßlich haftet vor allem der Eindruck jener Holzfigur von 1937 "Der Zweifler". Hier ist das ganze innere Leid, das einen großen Menschen wie Barlach in jenen Jahren ergreifen mußte und ihn ein Jahr später zerbrach, in eine einfache Form gekannt, von erschütternder. Größe. Worte versagen vor dem Ausdruck dieser Gestalt. Wer sie gesehen hat, den verläßt sie nicht mehr-

Alfred Hentzen