Es gibt in der Geheimbuchhaltung unserer Seele eine Rubrik: – "verlorene Jahre". In einstigen Zeiten war diese Rubrik leer oder wenig benutzt. In unserer Generation ist sie mit Ziffern dicht besetzt. Die Addition kann ein verlorenes Leben ergeben. Vor dieser Addition scheut man zurück.

Die vor uns lebten, hatten auch Epochen ihres Lebens, die sie als "verlorene Zeit" zählten. Sie taten es mit Hinblick auf einen besseren Hintergrund. Was nachkam, war ertragreicher gewesen. Beispielsweise rechnete ein Mann, der sein Glück in einer -großen Stadt machte, die Zeit, die er vorher in einer Kleinstadt verbracht hatte, als verloren. Oder es wechselte-eine Sängerin von einem schlechten zu einem guten Lehrer, und sie sagt daß. die Monate, die sie bei dem schlechten Lehrer vertrödelte, "verloren" waren. Es wird sozusagen die Ernte einer vorherigen Zeit mit der besseren Ernte einer nachfolgenden verglichen.

Wo aber ist unsere bessere Ernte? Unserer Generation blieb es vorbehalten, die verlorenen Jahre" als einen zähen Brei serviert zu bekommen, aus dem es kein Entrinnen gibt. Dabei haftet diesen unseren "verlorenen Jahren" durchweg nichts Privates mehr an; sie sind ein allgemeines Ereignis, – wie ein Gewitter, wie eine Dürre; sie sind ein generelles Verhängnis, für das die Schuld oder Verantwortung des einzelnen in vielen Fällen zum mindesten zweifelhaft ist.

Hier, die Klage eines Kriegsgefährten: "Menschenskind, wie komme ich eigentlich dazu? Ich bin 44 Jahre alt, zehn Jahre davon waren Krieg; – die beiden Weltkriege zusammengerechnet. Und Krieg bedeutet von vornherein verlorene Jahre. Beinahe jedes vierte Jahr meines Lebens einfach gestrichen! Ohne daß mich jemals jemand gefragt hat, ob es mir recht ist!" – Hinzukommen: Arbeitslosigkeit, Krankheit, (auch oft als Folgeerscheinung des Krieges), Elend, Verwirrung, unklare Verhältnisse, Hoffnungslosigkeit, Hunger, Aussichtslosigkeit. Alles dies Faktoren, die einen Menschen veranlassen können, Monate oder Jahre seines Lebens als verloren zu rechnen.

Dies sind Punkte, über die die Menschen Auskunft geben, wenn man mit ihnen darüber spricht. Dann sind immer auch noch andere Faktoren Ja, mehr, privater, persönlicher Art: die sind mehr geheim. Sei es, daß ein Mann, der glücklich verheiratet ist, die Zeit als verloren ansieht, die er vor-, her ohne die Frau verbrachte. Sei es, daß eine Frau, die den falschen heiratete, die Zeit seit Beginn dieser mühsamen Ehe als verloren rechnet. Sei es, daß ein Ehepaar, das sich nach zehnjähriger Ehe gütlich trennt, die gemeinsamen Jahre in trauter Übereinstimmung als "verloren" ansieht. Im Grunde aber spielt solch persönliche Misere nicht mehr die gleiche Rolle gegenüber den allgemeinen, objektiven Verhängnissen, die vielfach keinen Raum mehr für derlei "Luxus der Seele" übrig lassen. Wer beide Sorten von Verhängnissen hat. ist doppelt geschlagen. Obwohl schon eine Sorte völlig ausreicht.

"Verlorene Jahre" rechnen zum normalen, seelischen Gepäck des Menschen von heute, als handle es sich um ein allgemeines Handicap. Und dies, wiederum hängt mit dem Verhältnis zur Zeit als abstraktem Phänomen zusammen. Wir sind wie Hasen, die in der Nacht im Scheinwerferkegel eines fahrenden Autos vor dem Kühler des Fahrzeugs flüchten und von der Straße nicht herunterkommen! weil sie meinen, die Dunkelheit rechts und links des Lichtkegels sei eine Wand. Der Engländer T. H. Lawrence hat in seinem seltsamen Buche "Apokalypse" das Phänomen folgendermaßen umschrieben: "Unsere Vorstellung von der Zeit als ewige, gradlinige Kontinuität hat unser Bewußtsein grausam verkrüppelt. Die heidnische Auffassung, nach der sich die Zeit in Kreisen bewegt, ist viel freier; sie gestattet jeden Moment völlige Veränderung des Geisteszustandes. Ist ein Kreis vollendet, können wir auf einem anderen Plan herab- oder heraufsteigen und uns sofort in einer neuen Welt befinden. Unsere Auffassung einer gradlinig verlaufenden Zeit zwingt uns, müde, über einen Grat zu ziehen!" Es besteht kein Zweifel, daß de Verlustrechnung von den "verlorenen Jahren" zum Teil auf diesem Bewußtsein von der ,,Kontinuität" der Zeit beruht. Daher brauchen wir nicht nur bessere Zeiten, sondern was wir ebenso dringend brauchen, ist die Völlige Veränderung des Geisteszuständig!

Manche haben sich der Lehre vom "gewonnenen Tag" verschrieben; sie sagen: "Heute ist noch kein Krieg, heute mittag bin ich leidlich satt geworden, Zahnschmerzen habe ich auch nicht, also bin ich heute glücklich." Dies ist die künstliche Verengerung des zeitlichen Horizontes auf einen Stundenkreis. So wenig der Pessimismus immer recht hat, so wenig kann uns ein billiger Optimismus helfen. Er mag eine Hilfe sein, eine Lösung ist es – wie ich meine – nicht. Denn so schrumpft die Zeit schließlich zu einem Freßnapf zusammen, nach dem der Mensch schleicht. Andererseits hilft es aber, solange wie in tiefer Nachdenklichkeit keinen Ausweg. aus dem Dilemma finden, dem Problem in kühler Beobachtung näher zu rücken.