Während die Wogen auf dem Berliner Schriftstellerkongreß hoch gingen, und die politischen Spannungen der Welt Abgründe auch zwischen den Schreibenden in Deutschland aufzureißen drohten, erwog die amerikanische Militärregierung für ihren Sektor in Berlin ein. Verbot des "Kulturbunds zur demokratischen Erneuerung. Deutschlands". Das wäre ein alliierter Eingriff in Auseinandersetzungen, die auf deutscher Seite seit langem im Gange sind. "Politisch" sei seine Betätigung geworden, das macht man dem Kulturbund zum Vorwurf. Und "politisch" heißt in diegern Falle: einseitig politisch. Der Kulturbund würde fraglos gegen ein Verbot protestieren. Er könnte darauf hinweisen, daß in seinem Vorstande, paritätisch verteilt, nicht nur SED-Mitglieder, sondern auch CDU- und LDP-Funktionäre sitzen. Er wird nachweisen können, daß zu seinen lautesten Förderern der bekannte stellvertretende Bürgermeister Dr. Friedensburg und der Bürgermeister Dr. Wittgenstein gehören. Er wird die Reihe der Pfarrer und Universitätsprofessoren anführen können, die sich in den einzelnen Gruppen betätigen. Und er wird vor allem meinen, daß Kultur heute nicht trennbar sei von ehrlicher, demokratischer Politik und insofern der Vorwurf der amerikanischen Militärregierung gegenstandslos sei.

Es werden viele und gewichtige Gründe sein, die gegen ein Verbot sprechen, ganz abgesehen davon, daß eine solche Teilentscheidung zu dem vielen Streitstoff in der Stadt Berlin neuen hinzutragen würde. Und doch zeigt dieser Fall, zu welcher alarmierenden Entwicklung wie in Deutschland durch das Hin und Her der Mächte gekommen sind. Gewiß, der Kulturbund ist im Jahre 1945 in Berlin von russischer Seite genehmigt worden, als die westlichen Alliierten noch nicht am Zuge waren... Die Initiative zu ihm hatten, wie zu jeglicher neuer Betätigung in der Stadt, seinerzeit die Kommunisten. Der aus der russischen Emigration wiedergekehrte Dichter. Johannes R. Becher war der Inaugurator dieses; Bundes, zu dem sich Schriftsteller, Schauspieler, Verleger, Prediger und Professoren in einem ersten gemeinsamen Willen gesellten. Ob damals die kommunistischen Initiatoren bereits nur daran dachten, die "bürgerliche Intelligenz" zur Lockung für größere Wirkung um sich zu versammeln, oder ob sie ehrlich an einer gemeinsamen demokratischen Verbindung zum Nutzen neuer geistiger Entfaltungen Deutschlands glaubten, dies vermag die Gerechtigkeit von heute nicht mehr objektiv nachzuzeichnen. Es ist jedoch keine Frage, daß in der Folgezeit und in den letzten Monaten immer spürbarer im Kulturbund die politischen Gewichte der Kommunisten stärker zu drücken begannen als die der übrigen Intelligenz. Ob diese wachsenden Tendenzen durch die Schwäche der nichtkommunistischen Kräfte oder aber durch eine bewußte Taktik an Kraft gewannen, steht auf einem anderen Blatt: der Kulturbund geriet jedenfalls deutlich in ein politisches Gefälle. Die Zeitschrift des Buhdes, "Der Aufbau", richtete sich vorwiegend auf Themen ein, die marxistischen Gedankengängen nahelegen, und sie vermied mindestens die Erörterungen von Problemen, die dem Marxismus feindlich, begegneten. In der Ostzone selbst versickerten, alle "neutralen" Bemühungen ohnedies gegenüber der Macht der unverschminkt marxistischen Linienführung.

In Berlin Jedoch flackerten die Debatten immer wieder auf, soweit sich das Interesse an den Kulturbund-Veranstaltungen überhaupt regte. Ein Zentrum kultureller Sammlung war in Berlin das Klubhaus des Kulturbundes in der Jägerstraße im sowjetischen Sektor geworden: ein Haus, das mit seiner Anziehungskraft des markenfreien Essens seinen Besuchern Konzession um Konzession im Laufe der Monate abrang. Niemand konnte die "Neutralität" der hier verkehrenden Mitglieder in Zweifel ziehen, aber jedermann empfand wachsend die Einflüsse, die hier von draußen her hereinströmten.

Als daher vor einigen Wochen in einer Versammlung des Kulturbundes im britischen Westen: Berlins die kommunistischen Debatteredner sogar zu Tätlichkeiten gegen ihre nichtkommunistischen Kollegen übergingen, verlor die neutrale Fassade des Kulturbundes für Stunden jenen schwankenden, (schillernden Anstrich, hinter dem sich der eindeutige politische Anspruch und die deutliche politische Bemühung mehr oder weniger verborgen hatten. Die Erwägung eines Verbots im amerikanischen Sektor zeigt die Krise, in die das deutsche Leben durch die größeren weltpolitischen Gegensätze geraten ist. Der Kulturbund war ein Experiment. Er war der Versuch, ein Grenium der geistig Tätigen zu sein, so jedenfalls war er von dem gutwilligen Teile derer gedacht, die sich, ihm zur Verfügung gestellt hatten. Er ist, gewollt oder ungewollt, zur politischen Tribüne geworden. Wenn die kommunistische Seite geglaubt haben sollte, die neutrale Gestalt des Bundes als Tarnmantel gebrauchen zu können, so könnte sich das in der herben Luft der Berliner Gegensätze als trügerisch erweisen. Wenn die Gruppe der Gutwilligen aber gemeint hat, im Kulturbund wirklichem Instrument geistiger Sammlung und Aktivität zu begründen und zu fördern, so ist auch das problematisch. Die Objektivität einer Bemühung in diesem Deutschland nach 1945 scheint, wie dieses Beispiel erweist, eine Utopie. Der parteipolitische Machtanspruch bohrt sich mit allen Mitteln der öffentlichen oder heimlichen Taktik in jede Arbeit, die die Sache um ihrer selbst willen erstrebt. Daß hierbei die Besatzungsmächte zu Dekreten greifen könnten, wäre Von allen beschämenden Ereignissen auf diesemGebiete das ärgerlichste. Auch diese Krise wird sich vermutlich verschärfen, je mehr die Spannungen zwischen den Mächten zunehmen.K. W.