Am 1. September 1939 hat der zähe Kampf, den Ciano mit seinem Herrn und Meister um die Neutralität Italiens führt, zunächst mit seinem Siege geendet. "Der Duce istruhig. Er hat bereits entschieden, nicht zu intervenieren. Schon am nächsten Tage aber schreibt Ciano: "Der Duce ist überzeugt von der Notwendigkeit, neutral zu bleiben, aber er ist keineswegs glücklich...Wann immer er kann, wendet er sich zurückzu der Möglichkeit des Handelns." Am 3.September gelangen Grüße Hitlers an den Duce durch Attolico nach Rom, und Ciano notiert: "Der Duce der die deutsche Freundschaft noch schätzt, war glücklich, von Hitlers Geste zuwissen." Und am nächsten Tage: "Der Ducedrückt volle Solidarität mit Deutschland aus, und dies ist es,was er wirklich fühlt. Er gibt meinen. Suggestionen momentan nach, aber später kehrt er, wie es seine Art ist, zu seinen früheren Ideen zurück. Er ist überzeugt, daß Frankreich diesen Krieg nicht führen. will und kann, daß die Franzosen schon müde sind, ehesie zu kämpfen begonnen haben, und er träumt noch von heroischen Unternehmungen gegen Jugoslawien, die ihn zum rumänischen Öl bringen könnten, wobei er vollständig vergißt, wie unsere Lage wirklich ist. Favagrossa sagte heute abend, er wäre glücklich, wenn unsere Vorräte uns erlauben würden, drei Monate zu kämpfen. Zuweilen scheint den Duce die Idee der Neutralität anzuziehen, die es uns erlauben würde, wirtschaftliche und militärische Kräfte zu sammeln, so daß wir im gegebenen Augenblick wirksam intervenieren könnten. Aber unmittelbar darauf gibt er den Gedanken auf. Die Idee, sich mit den Deutschen zu vereinigen, zieht ihn an. Die Schlacht, die ich mit ihm zu kämpfen habe, ist hart, und manchmal möchte ich fast aufgeben, aber ich muß bis zum Ende kämpfen, andernfalls wird es den Ruin des Landes, des Faschismus den des Duce selbst bedeuten."

Aber dieser Kampf geht, unter ständigen Schwankungen zwar, dennoch verloren. Zwar heißt es am 17. Januar 1940: "Mussolini ... ist heute etwas feindselig gegen die Deutschen. Er sagt: Sie sollten sich gestatten, durch mich geführt zu werden, wenn sie nicht wünschen, unverzeihliche Fehler zu machen. In der Politik ist es nicht zuleugnen, daß ich intellgenter bin als Hitler!" Aber bereits am 4. April hat Mussolini auf eine Botschaft Hitlers "eine enthusiastische Antwort vorbereitet. In ihr sagt er, daß von morgen an die italienische Flotte bereit sein wird und daß unsere Vorbereitung in der Luft und zu Lande in beschleunigtem Tempo fortschreitet". Am 29. Mai ist essoweit: "Heute um 11 Uhr wurde im Palazzo Venezia das Oberkommando geboren. Selten habe ich Mussolini so glücklich gesehen. Er hat seinen Traum verwirklicht: den, militärischer Führerdes Landesim Kriege zu werden..."Aber diese Rolle bleibt nicht ohne Bitterkeit. Schon bei den Waffenstillstandsverhandlungen mit den FranzosenstelltCiano fest: "Mussolini ist sehr verwirrt. Er fühlt, daß seine Rolle zweitrangig ist...Mussolini ist sehr gedemütigt, daunsere Truppen nicht einen Schritt vorwärts gemacht haben. Sogar heute haben sie nicht vorankommenkönnen und haben halt gemacht vor der ersten französischen Befestigung, die etwas Widerstand geleistet hat."

Furcht vor Zweitrangigkeit

Immer wieder erhebt sich das Gespenst der Zweitrangigkeit, das den Duce quält.Im Juli 1941 notiert Ciano: "Eine seltsame Sache von Mussolini: er hat Pavolini Vorwürfe gemacht, weil Ansaldo in einem Artikel Bezug nahm auf "den Krieg in Rußland unter der Leitung von Hitler etcetera..." "Auf diese Art", sagte der Duce, "wird das italienische Volk daran gewöhnt, zu denken, daß es nur Hitler sei, der den Krieg leitet." Und im Februar 1942: "Mussolini ist erfreut über den Fortschritt der Operationen in Libyen, aber ärgerlich, daß die Schlacht mit Rommel identifiziert wird und so mehr und mehr als ein deutscher denn als ein italienischer Sieg erscheint..."

Aber die Verstimmungen gegen den deutschen Verbündeten, die sich mehr und mehr bei Mussolini einstellen, finden ihre reichliche Nahrung auch im Verhalten der Deutschen selbst. Die Politik der vollendeten Tatsachen, schon dem Gegner gegenüber nichtimmer unbedenklich, wird dem Verbündeten gegenüber zum Affront. Sie erreichte ihren Gipfel im Juni 1941. "Am 16. Juni war ich mit Ribbentrop in Venedig und diskutierte die Einbeziehung Kroatiens in den Dreierpakt. Die Welt war voll von Gerüchten über einen bevorstehenden Angriffsakt gegen die Sowjets, trotz der Tatsache, daß die Tinte noch nichttrocken war unter dem Freundschaftspakt zwischen den Deutschen und den Sowjets. Ich befragte meinen Achsen-Kollegen darüber in einer Gondel als wir vom Hotel Danieli zu einem Diner fuhren, das durch den Grafen Volpi in dessen Palais gegeben wurde, "Teurer Ciano", sagte v. Ribbentrop mit gekünstelter Überlegung, "teurer Ciano, ich kann Ihnen noch nichts sagen, weil jede Entscheidungin der undurchdringlichen Brust des Führers verschlossen ist. Jedoch, ein Ding ist gewiß: wenn wir angreifen, wird das Rußland Stalins innerhalb von acht Wochen on der Landkarte ausgelöscht sein."

Am schicksalhaften 22. Juni trägt Ciano in sein Tagebuch ein: "Um 3 Uhr morgens bringt mirBismarck ein langes Sendschreiben von Hitler für den Duce, dasdie Gründe für den Einmarsch in Rußland zu erklären sucht, und obwohl der Brief‘mit der ritualistischen Versicherung beginnt,daß England den Krieg verloren habe, ist sein Ton weit davon entfernt, so arrogant wie üblich zu sein ... Morgen will Mussolini seine Antwort an Hitler senden. Die Sache, die dem Duce jetzt am meisten am Herzen liegt, ist die Teilnahme eines unserer Kontingente, aber aus dem, was Hitler schreibt, wird klar, daß er es mit Freuden auch ohne dies machen würde."

Schon acht. Tage später heißt es: "Mussolinimacht wieder einem antideutschen Ausbruch Luft. Er fürchtet, daß die Deutschen sich vorbereiten, Südtirol zu fordern; er sagt, er werde dem mit Waffengewalt widerstehen, aber ich sehe nicht, daß er die Mittel hat, eine solche Drohung auszuführen. Er war besonders beleidigt durch die Art, wie ihn die Deutschen in der russischen Frage behandelt haben. Es war absolutes Stillschweigen auf ihrer Seite und nur ein "Nacht-Alarm", um ihn von der vollzogenen Tatsache zu unterrichten. "Ich störe nicht einmal meine Dienstboten nachts", sagte der Duce, "aber die Deutschen lassen mich zu jeder Stunde aus dem Bett springen ohne die geringste Überlegung." – Der Duce erkennt, daß Hitler die Teilnahme unserer Truppen an der Ostfront nicht willkommen heißt, aber er besteht darauf, sie nun gerade zu senden." Mussolini glaubt, daß der Krieg, wenn er nicht in einem Kompromiß endet, "lange genug dauern wird, um uns zu erlauben, unser verlorenes Prestige durch Waffengewalt wiederzugewinnen. Oh, seine ewigen Illusionen!..."