Am 28. Oktober fährt sich zum 25. Male, der Tag, an dem mit Mussolinis "Marsch auf Rom" die faschistische Ära ihren Einzug in Italien hielt. Sie fand fast elf Jahre später in der Machtergreifung des Nationalsozialismus ihr Gegenstück in Deutschland. Das Geschichtsbild beider Diktaturen ist gefährdet durd Legenden, die noch aus der Zeit stammen, als totalitäre Propagandamaschinen am Werk waren: Es kommt viel darauf an, hier in objektiver historischer Forschung vorzudringen. In diesem Zusammenhang ist die Vollständigkeit der Quellen wesentlich. Die Aufzeichnungen führender Männer während der Jahre ihrer Macht sind, wenn sie kritisch ausgewertet werden, Geschichtsquellen ersten Ranges. Das gilt auch für die Tagebücher, die Graf Ciano, der Schwiegersohn Mussolinis und Außenminister des faschistischen Regimes, geführt hat.

In der Zelle des Gefängnisses von Verona, im Angesicht seiner bevorstehenden Hinrichtung, hat der ehemalige faschistische Außenminister, Graf Galeazzo Ciano, das Schlußwort zu dem politischen Tagebuch geschrieben, das er in den Jahren 1939 bis 1943 geführt hat. "In diesem Zustand der Seele, der jede Falschheit ausschließt, erkläre ich, daß nicht ein einziges Wort, das ich in meinem Tagebuch geschrieben habe, falsch oder übertrieben oder, von selbstsüchtiger Abneigung diktiert ist." Und selbst wenn man annimmt, daß dieses Tagebuch das bereits während des Krieges einmal von dem amerikanischen Außenminister Sumner Welles gelegentlich seines Besuches in Rom eingesehen wurde und jetzt durch diesen im Vorwort als echt bestätigt wird, schon bei seiner Niederschrift dem Wunsche persönlicher Rechtfertigung, entsprungen wäre, wäre damit sein. Wert nur wenig vermindert. Die unretuschierte Impulsivität, mit der hier Tag für Tag Eindrücke und Ereignisse wiedergegeben worden sind, bildet einen Wahrheitsbeweis in sich. Um so mehrmals im Ergebnis die Entgötterung einer Ära bleibt, der Graf Ciano bis zuletzt selbst gedient hat, und eines Mannes, von dem er noch bei seinem Scheiden aus dem Außenministerium im Februar einträgt: "Unser Abschiednehmen war freundschaftlich, und dafür, bin ich dankbar, denn ich habe Mussolini gern, habe ihn sehr gern, und was ich am meisten vermissen werde, ist mein Kontakt mit ihm." –

Kann also der Träger – dieser Sympathie dafür, daß seine Eintragungen wenig von dem großen Cäsaren übriglassen, wenn die Nachwelt, die noch seine Mitwelt war, ihn betrachtet? Spricht nicht gerade dies für die Ehrlichkeit der Eintragungen, daß trotz aller persönlichen Verbundenheit und der bis zuletzt immer wieder durchschimmernden -Verehrung die Intelligenz des Schreibenden nicht den Versuch gemacht hat, all das auszumerzen, Was den Vergötterten zertrümmert? Was aber bleibt übrig von dem Begriff durchdachter und verantwortungsvoller staatsmännischer Kunst angesichts soviel Handelns aus momentanen Aufwallungen, persönlichen Impulsen, Eitelkeiten, Befürchtungen? Angesichts einer Politik, die immer, Wieder den primitiven Beutestandpunkt zum Inbegriff ihrer Moral hat? Der staatsmännische Abstieg unseres -Zeitalters findet seine getreue Wider-Spiegelungen dem Abstand, der die Durchdachtheit und Geistesfülle eines Bismarck oder Disraeli von den brutalen Impulshandlungen Mussolinis und Hitlers trennt.

Da ist der "Stahlpakt", der zwei Völkern zum Schicksal wurde. Er wurde so wenig "stählern", wie Mussolini es war, den Cianos Tagebuch als eigentlich ständig schwankend schildert. Und deser Pakt verdankte seine schicksalsschwere Geburt nicht reifer Staatsmannschaft, sondern einer Laune. Ciano schreibt rückblickend: "... Das Bündnis war im Mai unterzeichnet worden (1939). Ich bin stets dagegen gewesen, und für lange Zeit hatte ich es vermocht, die hartnäckigen deutschen Angebote treiben zu lassen. Es gab meiner Ansicht nach keinen Grund für uns, auf Leben und Tod an das Schicksal Nazi-Deutschlands gebunden zu werden: Der Entschluß, das Bündnis abzuschließen, wurde plötzlich von Mussolini gefaßt, während ich mit Ribbentrop in Mailand war. Einige amerikanische Zeitungen hatten, berichtet, daß diese Stadt der Lombardei den deutschen Minister mit Feindseligkeit empfangen habe und daß diese Tatsache ein Beweis für das verminderte persönliche Prestige Mussolinis sei. Daher sein Zorn. Ich erhielt telephonisch die bestimmtesten Befehle, den deutschen Wünschen nach einem Bündnis nachzugeben, die ich für mehr als ein Jahr im Stadium der Suspendierung gehalten und dort noch für viel längere Zeit zu halten gehofft hatte." So wurde der Siahlpakt‘ geboren. Eine Entscheidung, die einer so düsteren Einfluß auf das ganze Leben und die Zukunft des italienischen Volkes hatte. ist lediglich der grollenden Reaktion eines Diktators auf die unverantwortlichen und wertlosen Äußerungenausländischer Journalisten zuzuschreiben."

Ein für einen Staatsmann – und für diesen Staatsmann – fast unbegreifliches Handeln aus Stimmungen und momentanen Aufwallungen heraus zieht sich wie ein einziger Faden durch die ganze Geschichte des deutsch-italienischen Verhältnisses, wie es Ciano schildert. In der Einschätzung der Deutschen schwankt der Duce nicht minder. Seine Sympathien besitzen die Deutschen auf militärischem Gebiet. Am 30. Januar 1939 erklärt er, daß "1 400 000 000 Mann nötig sein würden, um 60 Millionen Deutsche zu schlagen. Der Grund liege in dem strengen preußischen Militärischen Training, das den preußischen Soldaten unbesieglich gemacht habe. Als er aber im März von dem Berliner Botschafter Attolico fort, daß das deutsche Volk, indem es den Führer unterstütze, dennoch vorziehen würde, jede Kriegsgefahr zu vermeiden, notiert Ciano: "Der Duce (bemerkt dazu: ‚Die Deutschen sind ein miliärisches Volk, kein Kriegerwolk. Gib den Deutschen eine Menge Bratwurst, Butter, Bier und einen billigen Wagen, und sie werden, niemals wünschen, ihre Haut zu riskieren."