Vor der Entscheidung über den Afrikabesitz.

Am Anfang dieses Monats begann in London die Konferenz der Außenministerstellvertreter, welche die Aufgabe haben, die vorbereitenden Arbeiten für die Entscheidung über die Zukunft der italienischen Kolonien auszuführen. Bei den Verhandlungen über den Friedensvertrag mit Italien hatten, sich die Großmächte geeinigt, daß Italien auf seine afrikanischen Besitzungen Tripolitanien, Cyrenaika, Eritrea und Italienisch-Somaliland verzichten soll. Ferner sollte innerhalb eines Jahres nach Inkrafttreten des Friedensvertrages über die zukünftige Verwaltung der italienischen Kolonien eine gemeinsame Entscheidung getroffen oder, wenn es nicht dazu käme, die Angelegenheit der UNO-Vollversammlung überwiesen werden.

Obwohl Italien gemäß dem Friedensvertrag auf seine Kolonien verzichten soll, hat es bereits im Januar die großen Vier gebeten, bei der Lösung der Kolonialfrage gehört zu werden: Rom versucht gegenwärtig die Großmächte davon zu überzeugen, daß die beste Lösung wäre, wenn Italien die Treuhandverwaltung über seine früheren Kolonien (mit einer Verantwortlichkeit gegenüber den Vereinten Nationen) bekäme. Bisher hat sich auf der Konferenz der Außenministerstellvertreter noch nicht gezeigt, welche Haltung jede einzelne der vier Großmächte einnehmen wird. Während und nach den Verhandlungen Über die Friedensverträge der ehemaligen deutschen Verbündeten haben sich aber maßgebende Staatsmänner dazu geäußert, so daß man heute schon darüber Vermutungen aufstellen kann, mit welchen Anträgen sie jetzt hervortreten werden.

Die Vereinigten, Staaten verfolgten bisher die UNO-Linie, das heißt, sie versuchten die Interessen der einzelnen Großmächte in einer internationalen Treuhänderschaft auszugleichen. Frankreich dagegen, das sich seit Kriegsende um eine vollständige Versöhnung mit Italien bemüht, setzt sich dafür ein, daß Italien von den Vereinten Nationen das Mandat über diejenigen seiner Kolonien erhalte, – die es bereits in vorfaschistischer Zeit besaß. Großbritannien wird Unabhängigkeit für die nordafrikanischen Gebiete und Treuhänderschaft – durch eine einzige Macht ausgeübt – für die ostafrikanischen Kolonien, unter Berücksichtigung der abessinischen Ansprüche, befürworten. Schließlich, nachdem die Sowjetunion zunächst ihren Anspruch auf eine Treuhänderschaft in Tripolitanien geäußert. hatte, scheint Moskau jetzt bereit zu sein, die italienischen. Ansprüche auf Rückgabe seiner früheren Kolonien zu unterstützen. Wie es in einem Bericht des "Daily Herald" aus Rom heißt, wird die Sowjetunion wahrscheinlich vor allem in jenen Fragen auf der Seite Italiens stehen, in denen sich dessen Ansprüche in einem Gegensatz zu den Interessen Großbritanniens in Cyrenaika und Somaliland befinden.

Natürlich bleiben Überraschungen im Bereich des Möglichen. Die Großmächte werden sicher, bis das Problem gelöst wird, ihre Stellungnahme noch manchmal wechseln; besonders muß in Betracht gezogen werden, daß die Vertrauenskrise unter ihnen an einem Punkt angelangt ist, an dem auch die einfachste Einigung nur mit größter Schwierigkeit zu erreichen sein wird.

Es ist verständlich, daß in einer so durch und durch agitatorischen Epoche wie der gegenwärtigen fast ausschließlich nach außen hin, moralische Argumente bei der Verteilung der Siegesbeute gebraucht werden. Bei etwas nüchternerer Betrachtung aber könnte es nicht schwer sein, Verständnis für die italienische Forderung zu finden, wenn man sich vor Augen, hält, daß für Italien das Problem der Übervölkerung immer, und heute noch mehr als je, obenan steht. Italien hat sich sehr spät unter die Kolonialmächte gereiht, als es nur noch wenig zu verteilen gab. Sein Kolonialbesitz war an Bodenschätzen sicherlich der ärmste. Wenn es in den letzten beiden Jahrzehnten einen bedeutenden Impuls zur Entwicklung seiner Kolonien entfaltete, so lag es sicher nicht nur an den Tendenzen der Machtpolitik, die auf eine Vergrößerung des geschlossenen italienischen Sprachgebietes am Mittelmeer abzielte. Wenn machtpolitische Ziele, das heißt, die Abschnürung des Mittelmeeres am mittleren Teil, maßgebend waren, so sind sie nach dem Erdrutsch dieses Krieges jedenfalls kaum mehr wesentlich, ja, sie erwiesen sich auch während des Krieges – die erfolgreiche Verteidigung Maltas beweist es – als nicht stichhaltig; Bleibt also der Versuch, die Ernährungsbasis Italiens, die, wie man Weiß, schmal genug ist, zu verbreitern.

Die Italiener hatten unter einem bedeutenden Aufwand von Kosten und Energien, hinter denen teilweise wirklich das faschistische Propagandageschrei zurückblieb, in wenigen Jahren Ergebnisse erreicht, die für die Ernährungsbilanz Italiens schon spürbar ins Gewicht fielen. Und das war erst der Anfang. Nach all dem, was eingeleitet und zum Teil ins Werk gesetzt war, eröffneten sich sehr schöne Aussichten. Man kann von dem Antrieb und der Lenkung des damaligen – italienischen Staates, ganz absehen, aber vor den Anstrengungen. den Opfern und den Mühsalen, welche die italienischen Siedler aufwandten, um einer trostlosen Landschaft und einem schwierigen Boden Erträge abzugewinnen, sollte man Achtung haben. Und diese Achtung sollte denen, die zu entscheiden haben, die Erkenntnis erleichtern, daß es sich bei dem, was Italien in Nordafrika aufbaute, nicht nur um eine italienische, sondern um eine europäische Position handelt, eine Position, die, wenn sie Italien erhalten bleibt, bedeutend zur Beruhigung und Stabilisierung Italiens, also, wegen der Wichtigkeit dieses Landes für die europäische Struktur, auch des übrigen Europas beitragen kann.

Bisher sind in der Debatte über das künftige Schicksal der italienischen Kolonien meistens strategische Forderungen und Erwägungen aufgetaucht. Obwohl man nicht unbedingt leugnen kann; daß sich auch in strategischen Erwägungen aufbauende Absichten finden lassen können, so wird man schwerlich bestreiten können, daß der italienischen Argumentation der Vorzug zu geben ist. A. B.