Von Claus Woldemar Schrempf

Auf dem Zifferblatt der Uhr begegnet uns. in der Bewegung des Zeigers die Zeit als ein geheimnisvolles Wesen, dem eine gleichmäßige und gleichförmige Beschaffenheit innezuwohnen scheint; aber sobald wir uns einen durchlebten Zeitabschnitt, eine Weile, vergegenwärtigen und mir anderen Zeitabschnitten vergleichen, bemerken wir, daß die Zeit sehr variabel ist, bald kurzweilig, bald langweilig, je nachdem. Erlebnisreiche Zeiten erscheinen kurz, erlebnisarme lang. Unser Zeitbewußtsein ist vom Erlebnisinhalt abhängig.

Es war die bahnbrechende Erkenntnis Immanuel Kants,/daß er Zeit und Raum als bloß formale Bedingungen unserer Erfahrung, erklärte: die Zeit also ist eine apriorische Anschauungsform, die der Mensch mit auf die Welt bringt. Sie ist eine Tatsache seines Bewußtseins, die es ihm überhaupt erst ermöglicht, über das, was in der Welt stattfindet, Erfahrungen zu machen. Und was uns als Zeit zum Bewußtsein kommt, ist etwas Subjektives und Ideales, das nicht in den Dingen als solchen, Jahre auszudehnen, sondern die Vollkraft der sogenannten besten Jahre möglichst weit hinaus zu verlängern. Mit vierzig Jahren wie dreißig, mit sechzig wie fünfzig, mit achtzig wie sechzig zu sein, darauf kommt es an. Dies ist in den letzten hundert Jahren tatsächlich auch mehr und mehr gelungen. Den Beweis liefert die Statistik, aus der hervorgeht, daß die Lebenserwartung in allen Altersklassen, nicht bloß in den kindlichen, sondern auch in den mittleren und höheren um eine ganze Reihe von Jahren gestiegen ist, Und die Ursache? Unser Lebenstempo ist heute bedeutend langsamer als vor hundert Jahren. Wir haben mit Erfolg die Uhr unseres-Lebens gebremst. Deshalb bleiben wir heute auch länger jung.

Diese Verjüngung erstreckt, sich über unsere gesamte Lebensdauer, da sie die Folge einer Verzögerung ist. Wenn der Mensch in Zukunft generell mit vierzig wie dreißig sein wird, muß er auch in Kauf nehmen, daß er mit dreißig wie zwanzig, mit zwanzig wie fünfzehn, mit fünfzehn wie zwölf ist.