Von Matthäus Becker

Strichen wir aus den Werken unserer Großen, was in ihrem Hirn zum ersten Male auf einem Spaziergang aufleuchtete – die Verheerungen wären grauenvoll. Die Griechen wußten, daß die Weltweisheit eine Angelegenheit nicht nur des Kopfes, sondern auch der Beine, daß das Spazierengehen für den Philosophen wichtiger als der Schreibtisch ist. Darum baute jede Stadt in Griechenland, die etwas auf sich hielt, ihren Denkern zum Spazierengehen eine Halle, die Stoa, nach deren berühmtester, der athenischen, die Lehre der Stoiker den Namen erhielt. Auch unsere großen Dichter haben es immer mit dem Spazierengehen gehalten, allen voran der gravitätisch schreitende Goethe.

In seinem größten Werk zeigt er uns den philosophischen Spaziergänger, mit dem zu spazieren Gewinn sei. Unzählig die Schriften dieser Zeit mit den Titeln: "Philosophische Spaziergänge", "Litetarische Spaziergänge", "Ästhetische Spaziergänge" Es war die Zeit des klassischen Spaziergängertunis. Aber noch heute hat jeder Spaziergänger etwas aus jener Zeit. Der Mensch unserer Tage bedient sich sonst der Beine als Straßenpassant oder als Ausflügler. Vom Spaziergänger ist er in einem Fall ebenso weit entfernt wie im andern. Unter Verwandlung der Gehwerkzeuge in Stehwerkzeuge wird der Straßenpassant zum Schlangensteher. Einer meiner Freunde behauptet, das Schlangestehen sei dem Philosophieren ebenso förderlich wie einst das Spazierengehen in der Stoa, doch ich fürchte, daß die dabei erzeugte Philosophie nicht diejenige ist, die wir brauchen.

In feierlicher Haltung schreiten in der klassischen Zeit des Spaziergängertums alte und junge Herren durch die Alleen der Städte und durch die Gärten und Felder vor den Toren. Der Spaziergang ist ihnen nicht nur Angelegenheit des Genießens, sondern so etwas wie Pflicht, wie repräsentative Verpflichtung. Der Spazierstock mit der kunstvollen Krücke – ist nicht wegzudenken aus diesem Bild. Man konnte ihn übermütig durch die Luft schwirren lassen oder damit tändeln, konnte damit nach dem Storchenpaar auf dem fernen Dach deuten oder beim angeregten Geplauder Figuren damit in den Sand zeichnen.

Sie sind lange dahin, diese beschaulich wandelnden Herren, die nicht immer frei von Pose blieben und deren jeder irgendwie ein kleiner Metternich war. Stets nahmen sie Anteil an allen Begebenheiten der Straße und wiederum auch wußten sie feierlich Distanz zu wahren. Der Letzte von ihnen hat den letzten Hauch des Biedermeier mit fortgenommen. Eines Tages ist er von seinem Spaziergang nicht heimgekehrt. Wie es seine Gewohnheit war, schritt er auch an diesem Tag gemächlich durchs Stadttor und bog dort, wo die Gärten aufhören und die Felder beginnen, in den schmalen Landweg ein. Man hat beobachtet, wie er kleiner und kleiner wurde. Immer geradeaus ist er gegangen, mitten in die mächtige rote Sonne hinein, und es ist, als hätte sie ihn mit davongekommen.

Bei Marburg an der Lahn, eine Stunde von der Stadt, ist im Eichenwald ein Grabmal anzutreffen. Der hier im Jahre 1820 bestattet wurde, der kurhessische Oberforstmeister von Wildungen, hatte mit einem Freund, dem Obergerichtsrat Knierim, ein merkwürdiges Abkommen getroffen: wer den andern überleben; würde, sollte jeden Tag des Freundes Grab besuchen. Noch ums Jahr 1860 ist mein Urgroßvater dem alten Gerichtsherrn auf – dessen Weg zum Waldgrab begegnet. Vierzig Jahre hindurch ist er jeden Tag, den der Himmel ihm schenkte, den Weg gegangen, Winter und Sommer, bei Regen und in der Sonnenglut,

Freunde, wir haben es leichter als ehedem die philosophischen Spaziergänger mit den repräsentativen Pflichten. Wir brauchen keine Spaziergängerhalle, und nicht einmal Hut und Stock brauchen wir. Die kleinen Metternichs würden diese Hut- und Stocklosigkeit vielleicht für unerzogen und womöglich für’strafwürdig halten, etwa wie sie zu ihrer Zeit das Rauchen auf offener Straße mit einem Straftaler ahndeten. Ihnen wäre nicht klarzumachen, daß wir zwar in einer zertrümmerten Zeit, aber in einer frischeren Luft leben. Freunde, laßt sie uns auf unserm Spaziergang mit Wohlbehagen atmen, diese frische Luft!