Wilhelm von Humboldt: Über die Grenzen der Wirksamkeit des Staates. Verlag Hans Carl, Nürnberg 1946. – "Bernd Tönnies: Wir Deutschen und der Rechtsstaat. Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg 1946.

Nachdem wir den Klauen eines totalitären Staatssystems entronnen sind, aus denen wir uns leider nicht selbst zu befreien vermochten, ist eine politische Literatur an der Tagesordnung, welche die Menschenrechte, die zwölf Jahre vernichtet waren, wieder zur Anerkennung bringen will, Möchten alle Produktionen dieser jetzigen Richtung auf gleich hohem Niveau stehen, wie die angeführten Schriften! Überflüssig, über Wilhelm von Humboldts berühmte Jugendabhandlung viele Worte zu machen. Es ist eine Streitschrift gegen – den altpreußischen Obrigkeitsstaat vor der Stein-Hardenbergschen Reform. Initiative und schöpferische Kraft des Menschen sah damals Humboldt bedroht von den allmächtigen Beamten, denen, er ohne Zimperlichkeit ihre Eitelkeit, Untätigkeit und geistige Dürftigkeit bescheinigte.

Zu noch schärferen Anklagen gegen den Staat gelangt Bernd Tönnies in seinem Buch, welches jedenfalls an geistiger Leidenschaft Humboldts Abhandlung nichts nachgibt. Aber weit Schlimmeres wirft er dem Staat vor als seinerzeit Humboldt, Wo dieser nur über die Lähmung der schöpferischen. Kräfte der Menschen sich beklagte, da muß Tönnies die vollständige Entwertung und Entwürdigung des Menschen dem total gewordenen Staat vorwerfen. Und während Humboldt den Menschen in seinen natürlichen Rechten nur behindert sah, steht Tönnies vor der Tatsache, daß das Recht überhaupt zwölf Jahre bei uns vernichtet war. Während Humboldt nur den beschränkten Bürokraten opponierte, sieht Tönnies den Rechtsstaat von einer weit schlimmeren Sorte Mensch bedroht, von den Machthungrigen; den Geschäftemachern, den Gierigen jeder Sorte" – und daher ist für Tönnies auch die Demokratie nur dann eine Garantie gegen die Herrschaft der Minderwertigen, wenn ihr Hauptziel die Wiederherstellung und die Bewahrung des Rechtsstaates ist. J. A. v. R.