Das "Nachträgliche Tagebuch eines Journalisten, Dramaturgen und Soldaten 1933-1945", das Wolfgang Drews unter dem symptomatischen Titel "Die klirrende Kette" im Verlag P. Keppler, Baden-Baden, hat erscheinen lassen, liefert einen über das Individuelle hinaus gemeingültigen Rechenschaftsbericht von der Situation und Fatalität derer, die an einer "inneren Front" der Berliner Publizistik, des Theaters, der Literatur und anderer Künste gegen Byzantinismus und Barbarei geistigen Widerstand leisteten. Wie bewußt und konsequent Drews in jenen Jahren die nicht eben bequeme Tugend innerlicher Selbstbehauptung. übte, erweist sich als untrügliches Signum in der ihm eigenen Sicherheit, ja Meisterschaft, mit der er Zitate aus dem so unvergänglichen wie unanfechtbaren Vorrat klassisch gewordener deutscher Überlieferungen verwendet. Konnte doch in jener Zeit geistiger Unfreiheit oftmals nur mit einem Wort Goethes, Schillers oder anderer ihresgleichen noch unverhohlen ausgesagt werden, was die Zensoren der Tyrannis ohne solche schützende Autorschaft sonst als unerwünschte Wahrheit rigoros unterdrückten! Auch bei der Darstellung der ihm zugemessenen soldatischen Fährnisse bezeugt Drews eine bestechende Kraft spiritueller Durchdringung. Man darf seinem Tagebuch nachrühmen, daß es nicht allein von Seite zu Seite anziehender und plastischer zu lesen ist, sondern auch in seiner unprätentiösen Aufrichtigkeit als ein notwendiges Werk gelten kann.

"Wenn in fünfzig Lebensjahren zwei Kriege fallen, die Zeit der Weimarer Republik, die Nazizeit und die Emigration, und sich an sie die Rückkehr nach Deutschland anschließen soll, dann kann man einen Strich machen und die Summe ziehen." – so resümiert Wilhelm Necker im Vorwort zu einem Erinnerungsbuch, dem er ungeachtet der darin festgehaltenen harten Widerfahrungen in Frieden und Krieg nicht ohne Programmatik den Titel "Es war doch so schön!" gegeben hat. Necker war Syndikus des Weimarer Bauhauses, Redakteur am "Berliner Börsen-Courier" und in mancherlei anderen Positionen der Journalistik und der Wirtschaft tätig, ehe er, nach seiner Flucht vor der Gestapo in die Tschechoslowakei, schließlich nach England ging. Mit realistischem Blick für die Erfordernisse der Stunde und viel Lebenskraft begabt, spricht hier ein sozialistisch orientierter Emigrant, der keinerlei Verbitterung, kennt; der vielmehr die Fügung seines persönlichen Schicksals als Gelegenheit nimmt, "mehr von der Zeit zu sehen, als wenn er zu Hause geblieben wäre", und als Chance, "etwas mehr zu lernen".

Gleichzeitig legt Necker (ebenfalls im Werner-Degener-Verlag, Hannover) einen phantastischsatirischen Roman "Die Bewegung" vor, worin, im Anschluß an eine kuriose Patentanmeldung des Jahres 1932, mit den Mitteln eindringlicher Belletristik eine Art politischer Utopie entwickelt wird. Mit scharfen, lehrhaften Streiflichtern wird geschildert, wie in dem Berlin von 1932 mit Hilfe der Arbeiterschaft schon damals jener "Kampf um die Macht" zu wesentlich anderem Ende hätte geführt werden können, als er verhängnisvollerweise mit der Installierung des totalen Regimes tatsächlich genommen hat.

Darf man die Bücher von Drews und Necker unter die "Literatur des Widerstandes" rubrifizieren, so gilt dies in einem schwerwiegenden Sinne auch von den Erzählungen, die Reinhold Schneider unter der Überschrift "Die dunkle Nacht" (im Alster-Verlag Curt Brauns, Wedel in Holstein) zusammengefaßt hat. Personifiziert in Thomas Morus und Leo dem Neunten, Johannes vom Kreuz, Friedrich von Spee, Benedikt Joseph Labre und anderen geistlichen Gestalten manifestiert sich hier tief bewegend der Gläubige der "Ecclesia catholica" – unanrührbar für jegliche diesseitige Despotie. Die bildgespeiste und abgeklärte Sprache des Erzählers beglaubigt solche Beschwörungen vom Dichterischen aus.

Sprachliche Zucht ist auch zwei Veröffentlichungen Walter Bauers nachzusagen. Der Band "Das Geschenk der Ferne", (beim C.-Bertelsmann-Verlag, Gütersloh) bringt Erzählungen und Skizzenblätter aus der Erlebnisspanne von Jugend und Kindheit, aus Wander- und Soldatenjahren des Mannes bis an die Schwelle des Heute – schlichte Gebilde von unmittelbar einleuchtender Menschlichkeit.

Anekdotisch-biographische Novellen aus dem Leben Giorgones und Rembrandts, Michelangelos und Goyas, Caspar David Friedrichs und Pestalozzis, Hölderlins, Hebbels und Goethes vereinigt der Band "Die größere Welt" (im Verlag, Kurt Desch, München), dessen vielleicht am nachhaltigsten beeindruckendes Stück der Erinnerung an den eilenburgischen Pfarrer Martin Rinckart gewidmet ist – einen fast völlig vergessenen Dichter geistlicher Schauspiele und ebensolcher Lieder, von welchen der Choral "Nun danket alle Gott" auch in der Gegenwart noch gesungen wird. Daß der Verlag dem kenntnisreichen und durchaus nicht von Künstelei angekränkelten Band. den plakathaften und darum verstimmenden Untertitel ."Europäische Erzählungen" verliehen hat, schiebt dem Buch einen Anspruch zu, um dessentwillen es offensichtlich nicht geschrieben wurde, sosehr es auch immerhin angeregt erscheint von einem legitimen Wissen um die Lebens- und Schaffensprobleme des schöpferischen Menschen.

Weitab von derartiger Problematik liegt ein Roman wie der (von Hans Köhler, Hamburg, verlegte) Erstling Erich Kühns "Der Hammerwurf". Wüßte er es nicht eigens, daß der Verfasser, ehe er seinen erzählerischen Ehrgeiz entdeckte, bereits manches Jahrzehnt routinierter journalistischer Tagesarbeit hinter sich hatte, der Leser würde gleichwohl solchen Sachverhaltes unschwer inne – so absolut ist das Buch auf Gespanntheit und handgreifliche Attraktion abgestellt. Alle episch entwickelnde Beschreibung und Charakteristik ist durchaus vermieden. Rasant jagen einander die Dialoge. Und das ein Menschenalter währende Ringen zweier verhärteter, kantig, ja ungeschlacht stilisierter bäuerlicher Eheleute um ihren spätgeborenen einzigen Sohn und dessen nicht unbelastete Reifezeit, welche den Inhalt ausmachen, werden in den glatten Lineaturen des Messerholzschnittes und in dessen eingänglicher Psychologie veranschaulicht. Hansgeorg Maier