Die Art dieses Mannes, Politik zu treiben, schildem-, insbesondere Cianos Aufzeichnungen zum Ausbruch des polnischen Konflikts, "...jedoch, das Bündnis hatte eine Klausel, wonach für eine Periode von drei bis vier Jahren weder Deutschland noch Italien Streitigkeiten schaffen durften, die denFrieden Europas bedrohen könnten. Statt dessen brachte im Sommer 1939 Deutschland seine antipolnischen Forderungen vor, natürlich ohne unsere Kenntnis. Vielmehr hatte Ribbentrop wiederholt unserem Botschafter gegenüber. Deutschlands Absicht geleugnet, die Polemik ihrer endgültigen Lösung zuzutreiben. Trotz dieser Abkugnungen war. ich etwas ungläubig, wünschte mich zu vergewissern und ging am 11. August nach Salzburg. Es war in seinem Wohnsitz in Fuschl, während wir darauf warteten, zum Diner Platz zu nehmen; daß Ribbentrop mir den deutschen Entschluß mitteilte, das Streichholz an das europäische Pulverfaß zu legen. Er sagte mir das in dem gleichen Tone, den er füreine, belanglose administrative Einzelheit gebraucht haben würde. "Gut, Ribbentrop", sagte ich, während wir durch den Garten gingen, "was wollt ihr: den Korridor oder Danzig?" "Nichts mehr von alledem", sagte er, indem er mich mit seinen kalten, metallischen Augen ansah. "Wir wollen den Krieg!" – Vorher hatte Ciano über den11. August zusammenfassend geschrieben: "Ribbentrop ist ausweichend, wann immer ich ihn nach Einzelheiten über die deutsche Politik, frage. Sein Gewissen beunruhigt ihn. Er hat zu oft über Deutschlands Absichten gegenüber Polen gelogen, um sich jetzt nicht unbehaglich zu fühlen angesichts dessen, was er mir sagen muß und was sie wirklich: zu tun planen. Der Entschluß, zu kämpfen, ist unerbittlich. Er weist jede Lösung zurück, die Deutschland Genugtuung geben – und den Kampf vermeiden würde. Ich bin sicher, daß selbst, wenn den Deutschen mehr gegeben würde, als sie fordern, sie genau so angreifen würden, denn sie sind besessen vom Dämon der Zerstörung.

Zuweilen wird unsere Unterhaltung sehr gespannt. Ich zögere nicht, meine Gedanken-mit brutaler Offenheit auszudrücken. Aber das rührt ihn nicht; Ich werde gewahr, wie wenig wir in den Augen der Deutschen gelten.... Tatsächlich, ich fühle, daß, soweit es die Deutschen angeht, ein Bündnis mit uns lediglich bedeutet, daß der Feind genötigt ist, eine gewisse Zahl von Divisionen uns gegenüber zu halten undso die Lage der deutschen Fronten zu erleichtern. Sie fragen nach nichts anderem. Unser Schicksal interessiert sie nicht im geringsten. Sie wissen, daß die Entscheidung mehr durch sie; als durch uns erzwungen wird. Und zuletzt versprechen sie uns nur einen Bettelbrocken."

Dennoch kommt Mussolini aus dem Bannkreis dieses Bündnisses nicht mehr frei. Zwar bleibt der persönliche Groll über die erlittene, Behandlung, stets wach, so etwa, wenn er zu deutsch-japanischen Reibungen unter deutlicher Anspielung auf seine Erfahrungen – vom 22. Juni. 1941 bemerkt: "Die Japaner sind nicht Leute, mit denen die Deutschen sich Freiheiten herausnehmen können, wie etwas den Kaiser oder den Premierminister um zwei Uhr morgens aus dem Bett zu klingeln, um ihnen Entscheidungen mitzuteilen, die bereits getroffen und ausgeführt worden sind." Aber auch die Illusionen halten bis zuletzt an, und noch nach der Winterkatastrophe der deutschen – Ostfront verzeichnet Graf Ciano in seinem Tagebuch am 21. Januar 1943: "Mussolini ... versicherte in noch stärkeren Formulierungen als gestern seinen Entschluß, mit Deutschland bis ans Ende zu gehen. Außerdem hofft er, daß 500 Tiger-Panzer, 500 000 Mann Reserve und die neue deutsche Kanone die Lage wandeln werden..."

Inzwischen hat sich jedoch, allen trügerischen Hoffnungen und Selbstsuggestionen zum Trotz mit den am 8. November 1942 erfolgten anglo-amerikanischen Landungen in Algier und Marokko für jeden nüchternen Beobachter längst der Vorhang über dem Schlußakt, der großen Tragödie zu heben begonnen. Der Stoßgegen "den Weichen Unterleib der Achse", wie Churchill dasUnternehmen gegen die südeuropäische Front nannte, ist eingeleitet. Auch hiervon erfahren die Italiener, wie von allen wichtigen Entscheidungen, durch einen telephonischen "Nachtalarm" Ribbentrops. "Um 5.30 Uhrmorgens telefonierte Ribbentrop, um – mich von amerikanischen Landungen in algerischem und marokkanischen Häfen zu unterrichten. Er war recht nervös und wünschte zu wissen, was wir zu tun beabsichtigten. Ich muß gestehen, daß ich, un-– vermutet überfallen, zu verschlafe" war, um eine sehr befriedigende Antwort zu geben. Des Duces Reaktion war lebhaft wie stets. Er spricht sofort von einer Landung auf Korsika und der Besetzung Frankreichs ..." Die Art, wie man jetzt zu Werk geht, entspricht jener Tradition, die mit dem unglücklichen Hacha in Prag, seinerzeit ihren Anfang nahm. Konferenz Hitler, Göring, Ribbentrop und Ciano mit Laval. "... Hitler behandelt ihn (Laval) mit kalter Höflichkeit. Die Unterhaltung ist kurz. Der Führer spricht als ersten-und fragt geradeheraus, ob Frankreich in der Lage ist, uns Landungsplätze in Tunis zuzusichern, Laval würde, wie ein guter Franzose, es gern diskutieren und Vorteile aus der Gelegenheit ziehen, Konzessionen von Italien zu erlangen. Ich habe keine Zeit, zu unterbrechen, da Hitler mit der größten Entschiedenheit erklärt, er beabsichtige nicht, zu dieser Zeit die Diskussion italienischer Forderungen aufzunehmen, die mehr als bescheiden seien. Laval kann nicht für sich selbst die Verantwortung dafür übernehmen, Tunis und Bizerta der Achse gewährt zu haben, und er selbst rät, einem Fait accompli gegenübergestellt zu werden; kurz, wir sollten eine Note für Vichy entwerfen, in der festgestellt werde, was die Achse zu tun beschlossen habe. Der arme Mann konnte sich das, Fait accompli nicht einmal vorstellen, vor das ihn die Deutschen zu stellen im Begriff waren. Nicht ein Wort wurde zu Laval über die bevorstehende Aktion gesagt; die Befehle, Frankreich zu besetzen, wurden gegeben, während er seine Zigarette im Nebenzimmer rauchte und sich mit verschiedenen Leuten unterhielt. Ribbentrop sagte mir, Laval werde lediglich am nächsten Morgen um acht Uhr unterrichtet werden, daß Hitler auf Grund von in der Nacht erhaltenen Informationen zur totalen Besetzung des Landesverpflichtet gewesen sei. Laval verdankt es mir, daß ein Kommuniqué nicht veröffentlichtwurde, welches den Eindruck vermittelt, daß Laval den durch die Achse beschlossenen Maßnahmen seine Zustimmung gegeben habe. Und dodi sind die Worte Loyalität und Ehreständig auf den Lippen unserer teuren Deutschen.

H. A. v. Dewitz