Rheinisch-westfälischer Spielzeitbeginn

Von Hans Georg Fellmann

Der Beginn der neuen Theatersaison ist in Westdeutschland mit besonderer Erwartung begrüßt worden – schon der weitgespannten Spielpläne und des fast überall herrschenden Eindrucks wiegen, daß man endlich aus dem Zustand der Improvisation herauskommt und festes Ufer gewinnt. Und wirklich sah man Aufführungen von schöner künstlerischer Geschlossenheit und eindringlicher Ensemblewirkung: Vorteile, auf die sich die westdeutschen Theater zweifellos im wesentlichen stützen werden.

Dortmund eröffnete im hergerichteten Saal des Lehrerseminars unter dem neuen Intendanten Dr. Herbert Junkers (vordem Krefeld) mit einer Inszenierung von Mozarts "Zauberflöte", die unter der Stabführung Professor Siebens hoffnungsvolle Aussichten vermittelte. Bei zwei Bühnen stand der "Don Carlos" am Anfang der Schauspielsäison: in Hagen und in Köln, wo Herbert Maisch, unterstützt durch eine Garnitur bester Darsteller, ein von Leidenschaft erfülltes, glänzend durchgearbeitetes Theater bot. Das Stadttheater in Oberhausen eröffnete mit einer in den Einzelleistungen bemerkenswerten Einstudierung der "Räuber". Man wird aber auch auf die Theater am Randgebiet der großen Städte künftig sein Augenmerk richten müssen. Denn sie werden am künstlerischen Auftrieb in dieser arbeitsamen und bewegten Theaterprovinz Anteil haben müssen, wenn sie nicht auf der Strecke, bleiben wollen.

Den starken Auftrieb wird, ohne Zweifel Gustaf Gründgens in Düsseldorf geben. Diese Kunst- und Landeshauptstadt hat in dem erhaltengebliebenen Theatergebäude gegenüber den anderen Städten, deren schöne Theater und Konzerthäuser in Schutt und Asche sanken, ohnehin einen außerordentlichen Vorteil. Der "Oedipus" des Sophokles in der Regie, von Stroux und der "Figaro" in der Inszenierung von Gründgens, boten wahrhaft erfülltes Theater. Aber für den Stand der wiedererwachten Düsseldorfer Theaterkunst zeugten im Neuen Theater auch eine klar durchgeformte, werkdienende Wiedergabe von Grabbes "Scherz, Satire. Ironie und tiefere Bedeutung", unter der Regie von Hans Schalla, und in den Kammerspielen die Liebeskomödie "Das Lied der Taube" des Amerikaners John. van Druten, der Alfred Polgar eine entzückende leichte deutsche Übersetzung gab.

Auch Essen begann, gegen die ursprüngliche Absieht, klassisch. Freilich Goethes "Clavigo" ist gewiß kein günstiger Spielzeit-Auftakt, denn stofflich und gefühlsmäßig hängt diese Selbstbeichte des 25jährigen Dichters doch zu sehr mit der Welt ihrer Entstehungszeit zusammen, durch die noch das Werther-Erlebnis zittert, als daß sie uns unmittelbar ergreifen könnte. So wurde denn erst die zweite Inszenierung, die zunächst als Eröffnungspremiere vorgesehene westdeutsche Erstaufführung von Werfels "Jacobowsky und der Oberst" zum eigentlich starken Theatereindruck und zur Bestätigung, daß auch Essen mit dem Gewinn neuer Kräfte am Anfang einer hoffnungweckenden Aufwärtsentwicklung seines Theaters steht. – Dieser Jacobowsky ist. die leibhaftige Demonstration des gesunden Menschenverstandes, aber man spürt deutlich auch die "O Mensch"-These hindurch, mit der nach dem ersten Weltkrieg der Lyriker Werfel sein großes Bekenntnis ablegte. Diesmal will er den Egoismus und den Altruismus jüdischen Temperamentes zeigen. Und wie der Dichter die Eigenschaften in der Person seines Helden bindet, der so gar kein Held im herkömmlichen Sinne ist, und wie er trotz des eigenen bitteren Fluchterlebnisses, das, diesem Stück zugrunde liegt, es fertig bringt, über Grauen und Verzweiflung der Zeit den Schalk der Komödie siegen, zu lassen, das macht den Wert und die Wirkung dieses Dramas aus. Dieser Wert des Stückes wurde in Essen – sehr zum Unterschied Ton Berlin, wo es bei einer Reihe von Aufführungen zu seltsamen Demonstrationen kam – durchaus verstanden. Es tröstet und erheitert, und das wiegt viel angesichts der dramatischen Tendenz unserer Tage und des kärglichen Anteils der deutschen Produktion am Gesandtschaften. Essen war allerdings in der Lage, das Werk ganz ausgezeichnet besetzen zu können." Max Noack war in Mimik und Gebärde ein glänzender Darsteller der menschlich durchwärmten Jacobowsky-Rolle, Hans-Ernst Jäger als Oberst nicht minder wirksam, ein prim’oumo des Schauspiels, und Theodor Haerten gab als Spielleiter dem Stück alle Spannkraft und abschattierende Dichte bis zur wirksam gemachten Pause, wobei er sich im ganzen doch mehr für die Komödie in der Tragödie entschied.

Am Beginn der Essener Spielzeit stand also ein wirklicher "Treffer". Demnächst wird er mit Düsseldorf ausgetauscht werden, das dafür die "Oedipus"-Aufführung mit Gründgens als Gastspiel nach Essen abgeben wird – erste Verwirklichung einer neudiskutierten künstlerischen Planwirtschaft zwischen, den Theatern am Rhein und Ruhr.