Als ich den kleinen, verlassenen Dorfbahnhof hinter mir hatte und in der herbstlichen, stillen Landschaft allein war, überkam mich eine tiefe Mutlosigkeit. Das Wetter war diesig. ein bleicher, verhangener, grauer Herbstmorgen; das, Braun, Gelb und Rot der restlosen Büsche leuchtete auf eine kalte, leblose Art, die Landschaft schien zu schlafen oder in einer öden Verschlossenheit erstarrt. Dies alles waren schlechte Vorzeichen für mich, traurig klang das Krächzen der Raben in der tiefen Stille, es kam mir vor, als riefen sie immerzu "Grab, Grab, Grab", diese dunklen Herbstbewohner. Auf den Äckern standen Blaukrautköpfe, vergilbte Maisstauden, ach, ich würde wohl schon mit dieser Stimmung fertig werden, wenn sie mich – erst ganz eingehüllt hatte, ich würde durch diese tiefe, herbstweite Stille ziehen wie durch eine unendliche und verlorene Erinnerung. Aber wie würde Fräulein Holl dieses Wetter aufnehmen?

Ich ging zwischen brachen, schwarzerdigen Äckern den ansteigenden Weg hinauf, es war noch eine gute Stunde bis zu der Ruine des halbverfallenen Turms auf dem Kamm der baldigen Höhe. Natürlich hoffte ich, daß sie käme. Aber ich hatte eigentlich nicht den geringsten Grund zu dieser Hoffnung. Ich kannte das stille, große Mädchen gar nicht näher, ich hatte sie ein einziges Mal gesehen und hatte nicht mit ihr gesprochen, nicht einmal, als mich Frau Krüger vorgestellt hatte. Wermann hatte mich zu diesem zwanglosen literarischen Abend in die kleine Vorstadtvilla geschleppt, wo man Gedichte und Prosasachen gelesen und Tee getrunken hatte. Ich überwand meine Scheu, zumal Wermann’ mir versicherte, wir würden dort viele Bekannte treffen. Ich traf nur eine Menge fremder Leute, in zwei geräumige Zimmer verteilt, ich wurde allen vorgestellt und befand mich in der größten Verlegenheit. da ich mit niemandem reden konnte, weil mir wirklich niemand gefiel. Als ich dann Fräulein Holl vorgestellt wurde, konnte ich noch nicht einmal die wenigen förmlichen Worte murmein, die man doch sonst im Schlaf sagen kann.

Sie gefiel mir gut, schon als sie mit der Gastgeberin auf mich zukam, ich erschrak richtig, weil sie mir so gut gefiel, ich hatte sofort das sichere Gefühl, daß sie mir verwandt war, es war so stark, daß ich versucht war, ein geheimes Zeichen zu machen, das – Ich selbst nicht kannte und das sie verstehen würde. Aber als sie dann vor mir stand und wir uns höflich lächelnd ansahen, während unsere Namen genannt wurden, lächelten wir schon nicht mehr höflich und sahen uns verwundert an; wie im Traum hob ich meine Hand, hinter mir lobte jemand einen Dichter, auch Fräulein Holl sprach nichts, ihr Mund öffnete sich leicht, es war, als hätten wir beide die gleiche Erinnerung an eine lange vergessene Hoffnung. *

Sie war ein wenig größer als ich, und das schöne, knappe schwarze Kleid vertiefte den Eindruck ihrer stillen Wesensart, zumal, da sie dunkles, wohl dunkelbraunes Haar und ruhige, dunkle Augen hatte. Plötzlich mit ihr im Zimmer allein gelassen, wäre es mir vielleicht ebenso... schwergefallen, etwas zu reden wie jetzt in diesen überfüllten, großen Räumen. Vor allen Dingen überfiel mich wieder eine tiefe Scheu. Ich fürchtete ängstlich, mein sonderbarer Zustand könnte von irgend jemandem bemerkt werden. Ganz unvernünftigerweise haßte ich jetzt alle übrigen Leute hier, außer ihr. In dieser ungewöhnlichen Befangenheit würde ich sicherlich stottern, wenn ich öffentlich mit ihr. reden wollte, von Zeit zu Zeit zwang ich mich, nach ihr hinüberzugehen, die in ruhiger Unbefangenheit mit einem angenehmen, älteren Schauspieler sich unterhielt. Als wäre sie jedesmal davon unterrichtet oder von meinem Blick angerufen worden, wandte sie leicht den Kopf im Gespräch und sah nun auch mich an, verwundert, frauenhaft still, aus einer vertrauten, dunklen Stille.

ich ging drei Tage unter dem Eindruck dieser Begegnung umher und wußte mir gleichsam nicht mehr zu helfen. Dann schrieb ich ihr. Und am. Schluß des Briefes schlug ich diesen Spaziergang vor; man sah den Turm auf der bewaldeten Hohe schon von dem kleinen Dorfbahnhof aus, wir konnten uns dort oben treffen und die andere Seite des Hügels hinuntergehen durch die stille, verlassene Talschlucht mit den alten Mühlen nach einem anderen kleinen Dorf, von dem man bequem wieder in die Stadt zurückkehren konnte.

Caroline Holl, Bessunger Weg 7. Sie mochte wohl sechsundzwanzig, siebenundzwanzig Jahre alt sein; dieser Brief hatte sie gestern früh erreicht. Es war so diesig zwischen den Büschen und Nußbäumen hier, daß ich es manchmal für Nebel hielt. Krah-rah – krächzte es über den Wiesen hinter mir. Ein bleiches, uferloses, stilles Grabeswetter. War das die Verabredung eines Phantasten? Was würde Caroline Holl von diesem mutlosen Briefschreiber denken? Ich hatte gar nichts überlegt, man konnte sich hier, wo man keiner Seele begegnete, mit einem stillen Menschen treffen und in der schweigenden Unverstörtheit dieser herbstlich weiten, verlassenen Landschaft ein Stück Weges nebeneinander gehen. Wenn es nur nicht so endlos still hier gewesen wäre! Es war.-als hätte das Jahr hier auf seiner Reise eingehalten und alles ringsumher, Baum und Strauch und die Verlassenen, feuchten, sandigen Wege mit einer undurchdringlichen Stille überzogen.

Es war noch früh am Vormittag, ich war zwei Stunden früher gekommen, als ich in meinem Briefe vorgeschlagen hatte. Ich konnte mich nun mit diesem Schweigen, mit diesem vagen Zwielicht: vertraut machen und durch geduldiges Schauen dem verborgenen Wesenszug dieser Stimmung näherkommen. Allmählich wurde mir dieses Grabeswetter leichter, es war gar nicht mehr so düster und traurig, wie es mir am Anfang schien, die Stille breitete eine feierliche Friedlichkeit aus, und der Herbsttag ruhte in einer lautlos verklärten, namenlos vollkommenen Eintracht.