Über die Gründung des Kommunistischen Informationsbüros, der "Kominform", die in Belgrad ihren Sitz haben wird, ist in der Welt ein lebhafter Streit entstanden. Staatsmänner und Parteiführer der Westmächte haben ebenso wie die Presse ihrer Länder erklärt, daß es sich "in ein Wiederaufleben der Dritten Internationale handele, die im Jahre 1943 von Stalin aufgelöst worden war. Diese Auflösung sei. so Wird behauptet, nur zum Schein erfolgt. In Wirklichkeit habe diese Organisation weiterbestanden. Der Leninismus sei niemals tot gewesen; nur aus taktischen Gründen seien seine Forderungen zeitweilig- zurückgestellt worden, und die Weltrevolution sei immer noch das Ziel der sowjetrussischen Politik, Man sei eben seinerzeit auf Stalin hineingefallen, dessen Doppelzüngigkeit und Schlauheit die westlichen Staatsmänner nicht gewachsen gewesen wären.

Von den kommunistischen Parteiführern und ihrer Presse. wird dies voller Empörung als barer Unsinn und eine böswillige Verdrehung der Tatsachenbezeichnet. Die das Zentralorgan der russischen Kommunisten, hat offiziell erklärt, daß die Kominform durchaus nicht mit der früheren Komintern verglichen werden könne und keineswegs eine Weltorganisation unter einheitlicher Führung sei. Die Komintern wäre seinerzeit aufgelöst worden, weil ihre Aufgabe, eine brauchbare kommunistische Führerschicht zu erzielen, erfüllt gewesen wäre. Die Auflösung, habe sich auch als richtig, erwiesen, denn seit diesem Zeitpunkt hätten sich die kommunistischen Parteien in den einzelnen Ländern vorzüglich entwickelt; So steht Behauptung gegen Behauptung, und man muß versuchen, zu einem sachlichen Urteil zu kommen.

Die Dritte Internationale, die Komintern, war von Lenin bereits 1914 proklamiert worden, ohne daß ihre Gedanken bei den Arbeitermassen Europas irgendeinen Widerhall gefunden hätten. Erst im März 1919, also nach der russischen Revolution, wurde sie formell, auf dem ersten Kongreß in Moskau gegründet, und erst der zweite, Weltkongreß im Juli und August 1920 sah wirklich eine repräsentative Vertretung der Mehrheit der europäischen Arbeiter und wichtige Delegationen aus anderen Erdteilen. Dieser Kongreß stellte 31 Bedingungen auf, die jede Partei anzunehmen habe, die Aufnahme in der Dritten Internationale finden wolle. Diese Bedingungen, ebenso wie alle späteren Beschlüsse und Aktionen der Komintern, entsprechen russischem Denken – und sind weitgehend von der außen- und innenpolitischen Situation Rußlands her zu verstehen. Es kam Lenin gar nicht darauf an, die moralische Leitung der internationalen Arbeiterklasse zu gewinnen, was damals, als man weitgehend das Heil in Moskauerblickte, leicht zu erreichen gewesen wäre. Lenins Streben ging nur dahin, den Ring der Einkreisung zu sprengen, in dem die kapitalistischen Mächte die Sowjetunion hielten... Daher sollte möglichst schnell eine sozialistische Revolution in einem der führenden Länder Europas herbeigeführt werden, um so von der neuen Regierung die wirtschaftliche, moralische und vielleicht auch militärische Hilfe zu erhalten; die nötig schien, um innenpolitisch die unzufriedenen Bauern niederzuhalten.

Diese Revolution aber über die Arbeitermassen herbeizuführen, widersprach Lenins russischem Denken. Die bisherige Tradition der europäischen Arbeiterschaft war fast einmütig demokratisch gewesen in dem Sinne, daß das freie Selbstbestimmungsrecht. der Massen entscheidend sein sollte. Jetzt sollte in jedem Land eine revolutionäre Parteizentrale mit diktatorischer Gewalt über die Mitglieder und unbedingte Autorität über die Massen geschaffen werden; sie sollte die Revolution leiten. Wer die 21 Bedingungen nicht, annahm, war automatisch aus der Partei, ausgeschlossen, wie es die siebente Bedingung festlegte. "Die Parteien, die der Kommunistischen Internationale anzugehören wünschen, sind verpflichtet, den vollen. Bruch mit dem Reformismus und mit der Politik des ,Zentrums‘ (der mittleren Richtung der Sozialisten) anzuerkennen und diesen Bruch in den weitesten. Kreisen der Parteimitglieder zu propagieren. Die Kommunistische Internationale vermag sich nicht damit abzufinden, daß notorische Opportunisten, wie sie jetzt durch Turati, Kautsky, Hilferding, Hillquit, Longuet, Macdonald, Modigliani u. a. repräsentiert werden, das Recht haben sollen, als Angehörige der Dritten Internationale zu gelten." Diese Bedingung war eine Kampfansage an alle Sozialisten, die sich der russischen Diktatur des Kremls nicht unterwerfen wollten. Lenins Idee des revolutionären Kampfes war rein russisch, und in Europa, wo zu ihrer Verwirklichung die psychologischen Voraussetzungen fehlten, mußte dies zum Scheitern führen, wie sich bei den Märzkämpfen der deutschen Arbeiter im Jahre 1921 zeigte.

Mit dem zweiten Kongreß war der Höhepunkt der Komintern bereits überschrittein. Der dritte, im der 1921, brachte nicht, wie erwartet, den Aufruf zu einer verschärften Fortsetzung des – revolutionären Kampfes, sondern eine vernichtende Kritik über die Aktion der deutschen kommunistischen Partei, die schwere Fehler begangen habe. Die erste Periode der revolutionären Bewegung wurde für abgeschlossen erklärt. Das Proletariat sei in die Verteidigung gedrängt und müsse sich auf Teilkämpfe und Teilforderungen beschränken. Hatte sich die Weltlage so grundsätzlich geändert? Keineswegs, die internationale Verschuldung, die Folgen der Friedensverträge von 1919, die Zerrüttung der Währung, die Arbeitslosigkeit, die Erhebung der Kolonialvölker, all dies war 1921 ebenso Vorhanden wie im Jahr zuvor. Geändert hatte sich nur die Lage in Sowjetrußland. Hier hatte Lenin durch die Politik des NEP (Neue ökonomische Politik) die Wendung vom Kriegskommunismus zum Staatskapitalismus vollzogen. Die russische Wirtschaft erlebte nach sieben Jahren des Niedergangs einen neuen Aufschwung. Das staatskapitalistische Rußland war auf ein schnelles Vordringen der Weltrevolution nicht, mehr angewiesen. Ausländisches Kapital und ausländische Unternehmer würden aufgefordert, am Wiederaufbau Rußlands teilzunehmen. Eine Reihe fremder. Mächte erkannte Rußland offiziell oder stillschweigend an; der Ring der Einkreisung war zerfallen. Damit war die aktive revolutionäre Periode abgeschlossen. In den Jahren 1919 und 1920 war die Mehrheit der europäischen Arbeiter für Moskau gewesen. Durch die von Lenin aufgezwungenen Methoden der russischen Diktatur, die russischem Denken entsprachen, wären die kommunistischen Parteien in Europa. in einer Minderheit geworden.

Die Weltrevolution herbeizuführen, war ursprünglich das Programm der Komintern gewesen. Jetzt erhielt sie eine neue Aufgabe, die einzige, die ihre Existenz für den Kreml noch wichtig machte, den Mythus wachzuhalten, daß Moskau der Vorkämpfer der proletarischen Revolution sei und zu verdecken, daß Rußland in Wirklichkeit den Staatskapitalismus eingeführt hatte, und so wurde auf dem dritten Kongreß eine Resolution gefaßt, die der Politik der russischen kommunistischen Partei die Bewunderung der Komintern aussprach und ihr. bescheinigte, daß sie getreu den Grundsätzen des revolutionären Marxismus immer Mittel und Wege gefunden habe, alle Gefahren zu meistern. Der Kampf gegen die anderen sozialistischen Parteien wurde zwar offiziell beibehalten, zugleich aber die Parole der Einheitsfront, des Zusammengehens mit den anderen Arbeiterparteien, ausgegeben

Diese Periode in der Politik der Kommunistischen Internationale dauerte bis zum Jahre 1928. Der sechste Weltkongreß brachte einen neuen Kurs. Jetzt begann die "Dritte Periode". Die Sowjetregierung verachtete auf jede reale Beeinflussung der internationalen Arbeiterbewegung und der nationalen Freiheitskämpfe der kolonialen Länder. Damit war auch die Politik der Einheitsfront überflüssig geworden. Der Sozialdemokratie wurde bescheinigt, daß sie als direkter Helfer des Welt-Kapitals aufträte und in gewissem Sinne faschistische Züge angenommen hätte. Das einzige, was die Dritte Internationale noch tat, war, die Minderheit der internationalen Arbeiterschaft zusammenzuhalten, die noch an Moskau glaubte, und die Legende von dem revolutionären Rußland zu pflegen.