Von Francois Barde

In Deutschland – wir wissen es – lebt man nicht "wie Gott in Frankreich". Aber man lebt auch in Frankreich nicht mehr so. Der Reichtum Frankreichs vor dem Krieg war mit allen Zahlen der Nationalökonomen über seine Ein- und Ausfuhr, seine Handels- und Produktionszahlen, seine Schätze, die ihm aus seinen Kolonien aus allen Teilen der Welt, zuflössen, leicht zu belegen. Für den harmlosen Beschauer aberfand dieser Reichtum überall, wo auch immer er sich in diesem gesegneten Land aufhielt,seinen sinnfälligen Ausdruck. Welche Fülle, welcher Überfluß, welche Vielfalt war nicht auf den improvisierten Ständen der Märkte aufgespeichert! All die Sorten Salat, von--der dunklen Kresse, den zerfranzten Endivien bis zu dem fetten Chicorée, dann der Porree, dick wie ein Arm und von der zarten Blässe einer Mädchenhaus der lachende Blumenkohl, violette Eierfrüchte – ach, man wird wehmütig in der Erinnerung! Und die Früchte! Weiße, rosa, rote und schwarze Trauben, Feigen und Mandeln, Melonen, Bananen, Orangen, Mandarinen, Pampelmusen, Zitronen, Pfirsiche, Aprikosen und die in anderen Ländern kaum bekannten Neffeln und Sorben, Granat und Kaki. Es folgten die Stände mit Eiern, Käse und Butter. – Die Marktfrauen gingen die Butter mit silbernen Drähten an und sägten dicke Scheiben oder klobige Ecken heraus. Dann die Stände mit Wild und Geflügel! Schnepfen und Kapaunen, Truthähne und Fasanen, Reh und Wildschwein! Und die Fische, hier die "Friture" aus Monte Carlo, nicht länger, als ein Streichholz und auch dünn, dort der Katzenhai, fett wie ein Schwein! Es war schwer, sich durch die schmalen Gassen zwischen den Ständen durch die Menge zu drängen. Eine bunte,bewegte, wohlgelaunte Menge von Frauen, Mädchen, Kindern, Männern und Burschen. Und bei all der Bewegung, bei all dem Lärm –, welche Behaglichkeit. "Leben, wie Gott in Frankreich"... Ich denke bei diesem Wort nicht daran, daß sich Gott von seinem Thron zu begeben pflegte, um sich, würdig im bequemen Sessel eines der gepflegten Restaurants von Paris niederzulassen, sondern ich sehe ihn, wie er sich gemächlich durch die Stände der Märkte bewegte, und wie ihm das Herz dabei gelacht hat. Hier war wirklich Reichtum und Überfluß, und an diesem Reichtum, und Überfluß nahmen alle teil.

Es gibt noch kein Bild, wenn ich sage, daß damals Gurken 60 Centimes kosteten, für die man heute 75 Francs zahlt, daß man damals für eine Artischocke 1 Sou (5 Centimes), bezahlte. Ich sah heute auf dem Markt Artischocken, klägliche, halb verwelkte Ware, wie man sie früher überhaupt nicht zu Gesicht bekam, für 170 Francs das Kilo. Früher, da. brauchte man nur in irgendein Arbeiterrestaurant in einer Pariser Vorstadt zu gehen, um sich zu überzeugen, wie sehr man es sich wohl sein ließ in diesem Land. Da hätte jeder seine Flasche Wein vor. sich, da standen auf jedem Tisch die Körbe voll duftendem, Weißbrot mit goldbrauner Kruste zurfreien. Benutzung, und man aß, und trank, was das Herz begehrte. Es ist wahr, daßder Franzose immer einen größeren Teil seines Budgets für Essen verausgabte, als derDeutsche, während sein Aufwand für Wohnung und Kleidung einen etwas geringeren Teil ausmachte. Aber auf jeden Fall bewies diese Lebenshaltung selbst der unbemittelten Schichten der Bevölkerung augenfällig, welche, Fülle von Reichtum in diesem Land vorhanden war.

Krieg und Besatzung und die darauf folgende allgemeine europäische Krise haben hier gründlichen Wandel geschaffen. Überlassen wir es wiederum den Nationalökonomen an Hand von Zahlen die schweren wirtschaftlichen Nöte des heutigen Frankreichs zu analysieren; begnügen wir uns hier damit, zu zeigen, wie sich die Zerrüttung des Landes auf das Leben des einzelnen Bürgers auswirkt.

Natürlich ist, wie heute in fast allen Ländern, auch in Frankreich ein Teil der Lebensmittel kontingentiert. Jeder Franzose hat seine Lebensmittelkarte mit einer Unzahl von Ziffern und Buchstaben, seine Fettkarte mit noch viel mehr Ziffern und Buchstaben, und seineBrotkarte. Wenn man am Tag der Ausgabe der Lebensmittelkarten all diese hübschen bunten Papierchen in die Hand bekommt, sollte man meinen, daß eine Unzahl von schönen Dingen zur Verteilung kommen müßten. In Wirklichkeit legt man am-Monatsende den weitaus größten Teil dieser. grünen, grauen, blauen, gelben, roten Hieroglyphenbogen resigniert zur Seite, weil es fast nichts darauf gegeben hat – aber nicht zu weit, denn nach irgendeinem unerforschlichen Ratschluß könnte es vielleicht sein, daß man für ein Quadratzentimeter großes Schnipselchen vom Septemberim Oktober plötzlich doch etwas bekommen könnte. Die Verteilung der Rationen ist überhaupt ziemlich unregelmäßig, und wenn sie stattfindet, gilt es, sehr schnell hinterher zu sein, weil oft nicht, genügend Ware vorhanden ist und die Ziffern, sobald die vorhandene Ware an die zuerst gekommenen Kunden verkauft ist, einfach verfallen.

Theoretisch soll es auf Karten Zucker, Kaffee, Öl, Butter,’ Margarine oder Pflanzenfett, Käse, Nudeln oder andere Teigwaren, Hülsenfrüchte, Marmelade, Fischkonserven geben. Und natürlich Brot, Von all diesen Dingen werden praktisch jedoch mit einer gewissen Regelmäßigkeit lediglich Zucker (500 g pro Monat), Kaffee (125 g pro Monat) und Öl (300 g pro Monat? verteilt. Alle übrigen Waren gibt es nur sehr unregelmäßig und periodenweise. Es bleiben die nichtkontingentierten Lebensmittel: Fleisch, Wurstwaren, Geflügel, Gemüse und Früchte. – Fleisch und Wurstwaren gibt es nach den neuesten -Bestimmungen nur noch an zwei aufeinanderfolgenden Tagen der Woche. Es waren davon in letzter Zeit genügende Quantitäten auf dem Markt, aber wohl nicht in genügender Quantität für jedermann erschwinglich. Rindfleisch kostet augenblicklich je nach der Qualität 200 bis 400 Francs, Kalbfleisch 300 bis 400 Francs, Schweinefleisch 350 bis 400 Francs, 1 Kilo Wurst 350 bis 500 Francs, Speck 300 Francs, Schinken 800 Francs (wobei nach dem offiziellen Kurs Zwölf französische Francs einer deutschen Mark entsprechen). Auch Gemüse und Früchte waren selbst zur Saison erstaunlich teuer. Hier einige Beispiele: Tomaten pro Kilo 40 Francs, Kohl 60, Zwiebeln 35, Bohnen 120 Francs. Außerdem ist es oft so, daß plötzlich gerade die notwendigsten Gemüse wie weggezaubert von der Bildfläche verschwinden,ohne daß ein vernünftiger Grund dafür vorläge, es sei denn, daß man gewisse Spekulationsmanöver als Ursache bezeichnen will. So sind jetzt von einem Tag zum andern plötzlich die Kartoffeln gänzlich vom Markt verschwunden. Am Vortag waren, sie noch in reichlichem Maße da,am nächsten Morgen gab es keine einzige Kartoffel mehr. Transportschwierigkeiten, sagte man, und es wurde versichert, daß es am folgenden oder nächstfolgenden Tag wieder Kartoffeln geben würde. Aber dieses Spiel kann Wochen dauern (augenblicklich dauert es bereits vierzehn Tage an) – oh, unbesorgt, sie werden wiederkommen, denn die Kartoffelernte war dieses Jahr ganz ausnahmsweise gut, aber sie werden-sich dann unter? des an die Preise des inzwischen entwickelten Schwarzhandels listig angeglichen haben. Am schlimmsten jedoch wird von der Bevölkerung die Brotkalamität empfunden. Die Brotration war auf 350 g pro Tag festgesetzt und wurde in diesem Land, in dem das Brot einen, wichtigen Bestandteil jeder Mahlzeit darstellt, allgemein als völlig unzureichend erachtet, zumal auch die Qualität noch weit davon entfernt war, dem weißen Friedensbrot zu entsprechen. Das weiße Friedensbrot, das nach deutschem Geschmack etwas fade ist, war für die Franzosen gewissermaßen von einer Art symbolischer Bedeutung, weil es eine Errungenschaft der Großen Revolution war. Vor der Revolution war der Genuß von Weißbrot ausschließlich dem Adel vorbehalten. Heute essen es nur noch die Könige des Schwarzen, Marktes, während sich der übrige Teil der Bevölkerung mit einem grauen und nicht, immer sehr bekömmlichen Nachkriegsbrot begnügen muß.

Nein, man lebt nichtmehr "wie Gott" in Frankreich. Es sei denn, daß man über genügend Mittel verfügt, sich völlig auf dem Schwarzen Markt zu versorgen. Tatsächlich ist hier alles, aber auch alles erhältlich, und dies auf die einfachste Weise der Welt. Der Schwarze Markt ist fast eine öffentliche Angelegenheit, bei der selbst dieBehörden ein Augezudrücken, soweit es den einfachen Konsumenten betrifft, weil sie wissen, daß praktischdieHausfrauohne ihn. schwerlich auskommen kann. Butter, die offiziell 250 Francs pro Kilo kostet, bezahlt man auf. dem SchwarzenMarkt mit 800 Francs, Öl mit 600 statt 110, Zucker mit 400 statt 38 Francs. Man geht ins Café und der Kellner fragt automatisch: "Café du du vrai?"("Kaffee oder echten?"). Mit dieser amüsanten Formulierung erkennt er gleichzeitig die Autorität der behördlichen Bestimmungen an, denn Kaffee ist eben das, was die den vorschreiben. Und er ist ebenso bereit, diese Bestimmungen zu übertreten.

"Il faut vivre, qu’est-ce que vous voulez" ("Was wollen Sie? Man muß doch leben!"). Das ist die ständige Redensart. Aber dem "vivre" sind halt doch Grenzen gesetzt, die vom Geldbeutel bestimmt werden, und so lebt heute ein großer Teil von Hausfrauen in Angst und Beklemmung, weil sie nicht mehr wissen, wiesie die Ihren ernähren sollen. Die Löhne und Gehälter, befinden sich in einem ständigen Wettlauf mit der Erhöhung der Preise, und bei diesem Wettlauf sind die Preise immer an der Spitze. Die französischen Gewerkschaften haben vor einigen. Monaten das Existenzminimum auf 8000 Francs im Monat festgesetzt, eine Zahl, die infolge der inzwischen ständigerfolgten Preissteigerungen reichlich überholt sein dürfte, außerdem noch keineswegs für alle Arbeitskategorien tatsächlich bezahlt wird. 8000 Francs im Monat, das macht nach Adam Riese etwa 265 Francs pro Tag. Es ist klar, daß bei den oben angeführten Preisen niemand, und erst recht nicht eine Familie von dieser Summe auch nur einigermaßen erträglich leben – kann, zumal es ja auch noch andere Ausgaben als die für Lebensmittel gibt...