Kiel hat in diesen: Wochen die Chance, seinen durch das Ende der Kriegsmarine und durch die Zerstörung der Stadt lahmgelegten Wirtschaftsleben einen neuen Impuls zu geben. Die Landesregierung Schleswig-Holstein hat beim Wirtschaftsrat in Frankfurt a. M. beantragt, von den zu bauenden 100 deutschen Fischdampfern zwölf Neubauten nach Kiel zum Ausbau eines Hochseefischmarktes zu geben, und die Aussichten für die Annahme der Antrages waren bisher günstig. Damit würden auch in der Ostsee wieder deutsche Fischdampfer auf Fangr cise gehen können, nachdem rund 70 deutsche Fischdampfer während des Krieges mit besten Erfolgen die Ostsee befischten! Die Hochseefischerei der sowjetischen Zone wird augenblicklich nur mit Kuttern betrieben. Dagegen baut Polen eine umfangreiche Fischdampferflotte in allen ehemals deutschen Fischereihäfen emsig aus; auch die russische Flotte wird, zum Teil durch bauten Werften auf. Reparationskonto, stark erweitert.

Alle Überlegungen, die zugunsten des Kieler Antrages sprechen, haben jedoch den Verband der Deutschen Hochseefischerei V. in Bremerhaven nicht davon abgehalten, erneut in einem Protestschreiben an Dr. Schlange-Schöningen gegen die Forderungen Kiels zu Felde zu ziehen. Die Argumente, die man gegen Kiel anführt, lassen sich sehr leicht zerpflücken. Wenn man, sagt, daß die Lage Kiels den Dampfern eine zu lange Reisedauer und damit Fangminderungen auferlegt, dann dürfte wohl in Altona überhaupt kein Fischdampfer, und Hochseekutter löschen! Auch die Kohle soll der Konkurrenz dienen: Bremerhaven behauptet, der längere Weg erfordere erhöhte Transportkosten, die man für den Wasserweg Essen-Kiel mit 2 RM je Tonne berechnet hat. In Wirklichkeit macht dieser Unterschied nur 0.50 RM aus. Aber auch diese Mehrausgabe ist überhaupt nicht notwendig; im Verhältnis zu Bremerhaven ist die Bunkerkohle in Kiel sogar um 8 RM billiger, da sie auf dem Schienenstrang nach Kiel kommt.

Die Rührigkeit des Verbandes in Bremerhaven befremdet daher etwas. Sollte man nicht die Fischgründe der Ostsee der Ernährung der Westzonen nutzbar machen und zugleich Kiel die ersehnte Gelegenheit geben, seine vorhandenen Anlagen in den Dienst der Friedenswirtschaft zu stellen?

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