Unzufriedeuen Europäern, denen als letztes höchstes Lebensziel vorschwebt, die Wolkenkratzer von New York zu sehen und dann zu sterben (mit einer möglichst langen genußvollen Lebensspanne auf amerikanischem Boden zwischen diesen beiden Ereignissen), wird es äußerst unglaubhaft erscheinen, von Auswanderungsbestrebungen aus dem von ihnen gelobten Lande zu hören. Doch es stimmt. Es gibt fiele Tausende von ernsthaften amerikanischen Interessenten an einer Auswanderung nach Australien. Der fünfte Erdteil, dem sehr an einer Auffüllung seiner dünn besiedelten Gebiete in der Nachbarschaft des übervölkerten asiatischen Kontinents gelegen ist, hat die Situation bereits erfaßt und einen Werbefeldzug vor allem unter ehemaligen amerikanischen Kriegsteilnehmern für die Übersiedlung nach Australien eingeleitet.

Man machte sich die Erklärung zu einfach, würde man den Grund für diese Wanderlust nur in der Ruhelosigkeit suchen, die noch für eine Reihe von Jahren ehemaligen Kriegsteilnehmern im Blute steckt! Die Angaben über den Anstoß zur Auswanderungsabsicht deuten vielmehr auf recht nachhaltige Überlegungen bei einem Teil dieser jungen Menschen hin. Zum Teil lockt sie das günstigere Verhältnis zwischen Einkommen und Lebensstandard, das sie in Australien erwarten oder während des Krieges dort glauben gesehen zu haben. In anderen Worten, sie halten es für den Arbeitnehmer bei gleicher Leistung für billiger, in Australien als in den USA zu leben. Andere fürchten, daß Nordamerika eher eine Krise mit scharfer Arbeitslosigkeit erleben werde, als das noch in der Erschließung begriffene Australien. Wieder andere spekulieren darauf, daß sie als Pioniere mit den in Amerika gelernten Geschäfts- und Produktionsmethoden in Australien größere Erfolge erzielen könnten als in der "überfüllten" alten Heimat.

Hinter all diesen Gründen steckt eine Erkenntnis, die schon vor dem letzten Kriege von manchen europäischen Beobachtern als der tiefere Grund für das Ende der selbstgewählten Isolierung Amerikas herausgestellt worden ist: Die Generation um Generation, von der Ostküste ausgehend, nach Westen vorgetragene pioniermäßige Erschließung des amerikanischen Kontinents hat an der Pazificküste zwangsläufig ein Ende gefunden. Bisher gab es für diese Expansionskraft der Amerikaner zwei andere "Ventile", die zunehmende Industrialisierung, die immer weitergehende Nutzbarmachung des technischen Fortschritts für die Erhöhung der zivilisatorischen Ansprüche und zweitens den Drang, diese industrielle Fortentwicklung durch Export von Gütern und von Kapital über die Grenzen der USA hinaus in die übrigen amerikanischen Länder und in andere Erdteile zu tragen. Doch die zunehmenden Hindernisse, für diese Expansion lassen offenbar das Pionierblut des Amerikaners zu der dritten Möglichkeit der Expansion, auf persönliche Auswanderung drängen.

Australien, das schon: in den letzten beiden Jahrzehnten sehr viel an amerikanischen Zivilisationsformen übernommen hat, kommt diesem Pionierdrang der jungen. Amerikaner offensichtlich am weitesten entgegen. Von den 70 000 Einwanderern, die Australien glaubt, jährlich aufnehmen zu können, dürfte deshalb ein wesentlicher Teil aus den USA kommen, die damit ihre Rolle als "Neue Welt" an den fünften Erdteil weiterreichen.

eg.