Von Friedrich Peres val Reck-Malleczcwen

Fritz Reck, geboren auf dem Dominium Malleczewen in Ostpreußen, wohnhaft auf eigenem Landsitz im bayrischen Alz-Tal wurde nach seelischen und körperlichen Martern am 24. Februar 1945 im Konzentrationslager Dachau "durch Genickschuß erledigt". Er war das, was man im gängigen Sinne des Wortes unter einem Herrenmeischen versteht, auf jeden Fall ein eigenwilliger Kopf, der seine eigenen Ansichten über Deutschtum und Preußentum, über Konservativismus und Marxismus hatte und der grimmig stolz war auf viele Feinde von rechts und luks. Als Romancier und glänzender Solist war er von bemerkenswertem Range. Bewundernswert an der menschlichen Figur dieses oft unduldsamen-Grandseigneurs war neben der Unbestechlichkeit seines Scharfblicks sein persönlicher Mut, den man auch dort anerkennen mußte, wo man seinen Folgerungen nicht recht geben wollte. Glühend hat er den Nationalsozialismus gehaßt. Und aus der Qual des Schweigenmüssens hat Reck in diesen düstersten Tagen der deutschen Geschichte das "Tagebuch eines Verzweifelten" geführt, das durch den Bürger-Verlag, Lord Und Stuttgart, der Öffentlichkeit vorgelegt wurde. Ein echtes Tagebuch, von dem Reck nicht erwartet hatte, daß es einmal veröffentlicht werden könnte. (Der glänzende Stil darf darüber nicht hinwegtäuschen, denn glänzend zu schreiben, war mein nur seine Absicht, sondern seine Natur.) – Die folgenden Aufzeichnungen – Erinnerungen an zufällige Begegnungen mit Hitler – stammen aus dem Jahre 1936.

Letzthin in Seebruck sah ich Herrn Hitler, bewacht von seinen vorausfahrenden Scharfschützen, beschirmt von den Panzerwänden seines Autos, langsam vorübergleiten: versulzt, verschlackt, ein teigiges Mondgesicht, in dem wie Rosinen zwei melancholische Pettaugen stecken. So traurig, so über die Maßen unbedeutend, so tief mißraten, daß noch vor dreißig Jahren, in den trübsten Zeiten des Wilhelminismus, dieses Antlitz schon aus physiognomischen Gründen unmöglich gewesen wäre und auf einem Ministersessel, sofort die Gehorsamsverweigerung. nicht der vortragenden Räte, nein, selbst die des Portiers und der Rein-, machefrauen zur Folge gehabt, hätte.

Heute? Ich höre, daß Herr Hitler letzthin einen Vortrag des Herrn Keitel. der seine Unzufriedenheit erregte, damit beendete, daß er dem General (der physiognomisch freilich gut zu ihm paßt) eine Bronzevase an den Kopf warf. Heute also’? Im Zeichen einer im Pfuhl ihrer Schmach versinkenden Menge? ..Und alles, was sie taten, das mußte recht sein, so war es Gottes Wille." Das lese ich in einer Münsterischen Chronik des sechzehnten Jahrhunderts. Ich bin weder Okkultist noch Phantast, ich bin mit all meinen Ahnungen ein Kind meiner, Zeit und halte mich nur an das was ich sah und was sich mir immer wieder aufdrängt als des-Rätsels einzige Lösung.

Nein, dieser, den ich da vorüberziehen sah, im Gehege seiner Mamelucken, wie den Fürst dieser Welt, er ist kein Mensch. Er ist eine Figur aus einer Gespenstergeschichte.

Persönlich, keineswegs in seinen Versammlungen, sondern eben von Mann zu Mann und mithin sozusagen in "freier Wildbahn", bin ich ihm ein paarmal begegnet.

Neunzehnhundertundzwanzig fand ich bei meinem Freunde Clemens zu Franckenstein, der damals die Lenbachvilla bewohnte, einen seltsamen Heiligen vor, der nach Abgaben des Dieners Anton partout sich nicht hatte abweisen lassen und schon eine volle Stunde dort saß, Er war es, er selbst! Bei Clé, der bis zur Revolution ja Generalintendant der Königlichen Hofbühnen gewesen war. hatte er sich Eintritt verschafft unter Berufung auf sein Interesse für Operninszenierung, die er mit seinem früheren Beruf in Zusammenhang brachte und die er sich vermutlich als eine Kette von Dekorateur- und Tapeziererkunststücken vorstellte. Gekommen war er, damals noch ein unbekannter Outsider, sozusagen "en pleine carmagnole", hatte für diesen Besuch bei einem Unbekannten sich mit Reitgamaschen Reitpeitsche, Schäferhund- und Schlapphut ausstaffiert und wirkte auf diese Weise zwischen diesen Gobelins und diesen kühlen Marmorwänden seltsam wie ein Cowboy, der es für richtig befunden hatte, mir Lederhosen, Monstresporen und Coltrevolver sich auf den Stufen eines Barockaltars niederzulassen. So – damals noch hager und scheinbar sogar ein wenig verhungert – saß er da mit dem Gesicht eines stigmatisierten Oberkellners, fühlte sich durch die Anwesenheit eines leibhaftigen "Herrn Baron" ebenso beglückt wie gehemmt, wagte aus lauter Ehrfurcht gewissermaßen nur auf der einen Hälfte seines asketischen Allerwertesten zu sitzen und schnappte nach den liebenswürdigkühlen Zwischenbemerkungen des Hausherrn beglückt wie ein verhungerter Straßenköter, dem man einen Brocken Fleisch zuwirft. Vom Hundertsten ins Tausendste kommend, bestritt er die Unterhaltung durchweg allein, predigte dabei wie ein Divisionspfarrer und geriet, ohne etwa in Differenz mit uns geraten zu sein, lediglich in unbewußte Erinnerung an die gewohnte Akustik des Zirkus Krone dermaßen ins Schreien, daß schließlich Franckensteins Hauspersonal einen Auftritt zwischen Hausherrn und Gast befürchtend, zusammenlief und zum Schutz meines Freundes ins Zimmer kam. Als er ging, saßen wir schweigend und in einer gewissen Ratlosigkeit uns gegenüber ... keineswegs amüsiert, sondern mit jenem peinlichen Gefühl, das-man haben mag. wenn-der einzige Mitreisende, mit dem man ein Coupé geteilt hat. sich als ein Geistesgestörter erweist, Lange saßen wir, ohne daß ein Gespräch in Gang kommen wollte. Schließlich stand Clé auf öffnete eines der riesigen Fenster und ließ von draußen, die föhnwarme Frühlingsluft herein, ich Will nicht sagen, daß jener trübe Gast unsauber gewesen wäre und die Atmosphäre auf die in Bayern landesübliche Weise verdorben hätte. Gleichwohl wurden wir nach ein paar Atemzügen unseren, beklemmenden Eindruck los. Es war kein unsauberer Leib, wohl aber der unsaubere Geist eines Mißratenen im Zimmer gewesen.