In der Zeit, da die Hakenkreuze begannen an den Hauswänden zu erblühen, hatte unsere kleine Stadt eine Sensation. In einem trüben schmutzigen Häuschen wohnte dort seit unvordenklichen Zeiten ein alter Trödeljude, eine bekannte Erscheinung. Er galt für reich wie alle Juden, genoß aber trotzdem eine gewisse Beliebtheit, denn er übervorteilte seine Kunden nicht mehr als ortsüblich, und im Kreise seiner Glaubensgenossen tat er sogar, wie man sagte, viel Gutes. Was aber wohl die Hauptsache war: er war sehr gut und freundlich gegen Kinder und machte dabei keinen Unterschied zwischen kleinen Juden- und kleinen Christenkindern.

Nun das Haus dieses alten Abraham war wie durch ein Wunder von dem "Schmuck" eines Hakenkreuzes verschont geblieben. Warum, wußte eigentlich niemand so recht zu sagen; alles an ihm und in ihm, sein Name, sein Äußeres, sein Gewerbe, schrie förmlich nach dem Hakenkreuz – doch blieb es aus. Jedermann empfand es als eine gewisse Ungehörigkeit, – ja, Abraham selbst schüttelte das Haupt, wenn er einmal aus seinem Laden kroch und die immer noch unverzierte Wand seines Hauses erblickte.

Eines Tages aber, am frühen Morgen schon, stand Abraham vor seinem Hause, in der einen Hand ein Töpfchen mit schwärzlicher Farbe, in der anderen einen Pinsel, und malte mit eigener Hand ein Hakenkreuz von nie gesehener Größe an sein Haus. Er nahm sich Zeit bei dem Geschäft, – seine schon etwas zittrigen alten Hände zogen vorsichtig Strich um Strich das verhaßte Zeichen. Die Zunge hatte er vor Eifer zwischen die Lippen gepreßt, und von Zeit zu Zeit trat er mit schiefgeneigtem Haupt zurück, um sein Werk kritisch zu betrachten. – Die Leute blieben stehen, wunderten sich, – (denn das sieht man nicht alle Tage, daß sich ein Jude selbst das Hakenkreuz an die Wand malt!) wollten lachen und Bemerkungen machen, doch fehlte dem Spott der rechte Angriffspunkt, man wußte nicht, wo und wie; und so stand denn ein Grüppchen schweigender Menschen und beobachtete den alten Abraham, der sich durchaus nicht stören ließ bei seinem seltsamen Werk.

Ein junger Mann kam. vorbei: der wohnte in derselben Straße und hatte schon als Kind eine Freundschaft mit dem alten Abraham gehabt. Jetzt studierte er Theologie, aber die Freundschaft hatte gehalten. Noch oft’stieg er abends in die bunte Trödelwohnung hinunter, ließ sich von dem Alten, der ein frommer und in seiner Art gelehrter Mann war, im Talmud unterweisen und führte lange Religionsgespräche mit ihm. Und der junge Christ verstand sich nicht schlecht mit dem alten Juden, denn die Frommen aus allen Lagern verstehen sich immer noch besser als Fromme und Unfromme aus demselben Lager! Als dieser junge Mann den Alten bei seiner Arbeit gewahrte, stutzte er, blieb stehen und sah ein Weilchen zu. Dann trat er näher und sagte leise: "Abraham, was machst du denn da?"

Der Alte drehte sich ohne Eile herum und sah den Sprecher an. "Nu, siehst du est denn nicht, Christian? Ich male mir ein Hakenkreuz an die Wand!"

-Christian schwieg eine Weile, dann sagte er Wieder leise und vorwurfsvoll: "Abraham, das solltest du nicht nun; das Schandzeichen hast du nicht verdient!"

Aber der Alte wies mit dem Pinsel die Straße entlang und sagte: ,,Nu? und die anderen? Haben es vielleicht die anderen verdient, denen sie es an die Häuser geschmiert haben? Warum soll ich es besser haben als meine Leut‘?" Damit wandte er sich wieder seinem Hakenkreuz zu, vollendete es mit einigen Strichen, ging in sein Haus und schlug die Tür hinter sich zu.