Von Heinz Wrekk

Der vergangene Sommer ist freilich trocken ge-Wesen,so trocken, daß selbst die ältesten Leute behaupten dergleichen nicht im Gedächtnis zu haben. So war es denn kein Wunder, daß der kleine Bergbach – seit Menschengedenken heuer zum erstenmal – eintrocknete. Das war nun für die sechs Rinder schlimm, die auf der angrenzenden Waldwiese weideten. Kein Tröpfchen Tau fiel in den Nächten, und im Bergbach, der ihnen sonst als Tränke diente, war nicht der kleinste Tümpel mehr. So waren sie jedesmal von argem Durst geplagt, wenn der Bauer des Abends mit dem Tonnenwagen auf die Weide kam. Mit steil erhobenen Schwänzen raste das Rindvieh heran, wenn es das plätschernde Rinnen des Wassers in den Tränkkübel vernahm, Eine wilde, stürmende Herde, – doch siehe: kurz vor dem Kübel verhielten die Kühe in ihrem Lauf. Es war ja nicht möglich, alle sechs Köpfe zur gleichen Zeit in das Behältnis zu stecken. Die letzten drei Kühe jedenfalls blieben bewegungslos stehen, während die ersten drei langsam zum Kübel gingen. Die tauchten ihre Mäuler in das Wasser, und gemächlich, wie sie gekommen waren, schwenkten sie nach einer Weile zur linken Seite ab, gingen im Kreis herum und blieben geduldig hinter den drei anderen stehen, die sich indessen ebenso ruhig der Tränke genähert hatten. Auf diese Weise ging es noch ein nächstes und auchnoch ein übriges Mal. Etwa zur gleichen Zeit hielt in der nicht weit entfernten Stadt eine Straßenbahn an einer Haltestelle. Sechs Menschen drängten-und zwängten sich in einen der Wagen hinein. Dabei setzte ein Herr einer Dame so rücksichtslos zu, daß sie zu straucheln begann und gegen die Wagenwand fiel.

"Sie Rindvieh!rief die Dame empört. – Welch ein Irrtum, meine Dame! Dieser da, so will mir scheinen, war offensichtlich doch ein Mensch...