Seit der Veröffentlichung der Demontageliste gibt es in Deutschland eine Demontagekrise. Es wäre ohne Sinn und Nutzen, das bestreiten zu wollen. Und hierbei steht sehr, viel mehr auf dem Spiel als 682 Betriebe, die teils schon demontiert sind, teils noch demontiert werden sollen. Wir haben es in Wahrheit mit einer vielschichtigen Vertrauenskrise zu tun, die bei dieser Gelegenheit deutlich sichtbar. wird. Die Sieger mißtrauen den besiegten Deutschen. Die besiegten Deutschen mißtrauen den Siegern. Die Männer mit höchster politischer Verantwortung in Deutschland mißtrauen, ihren Wählern in der Furcht, daß diese ihnen mißtrauen könnten. Die Parteien mißtrauen sich wechselseitig, denn die Konkurrenz könnte profitieren. Und über dem Ganzen schwebt das Gespenst eines deutschen Nationalismus, dem alle am meisten mißtrauen I.

In einer solchen Atmosphäre sind weder die Nerven noch die Argumente auf der Höhe. Denn fast niemand spricht schlicht und einfach zur Sache der Demontage. Die alliierten Erklärungen kranken. daran, daß sie möglichen deutschen Gegengründen im voraus eine ungünstige moralische Zensur erteilen. Die Demontageliste wird als eine so, harmlose Selbstverständlichkeit hingestellt, daß jede Kritik an ihr vorweg als unsachlich emotional, als nationalistisch, als reparationsunwillig, kurzum als friedensfeindlich gedeutet wird. Die Besorgnis, es könne zu Streiks oder gar zu Unruhen kommen, trägt nicht dazu bei die. Kommentare von Übervereinfachungen freizuhalten. Wir werden in eine Position manövriert, in der wir nur entweder Ja und Amen zu sagen oder als böswillig zu gelten haben. Das ist schwerlich die Einleitung eines Gesprächs. Und die Besatzungsmächte der Doppelzone wollen auch gar nicht mit deutschen Stellen, am wenigsten mit den von ihnen selbst geschaffenen deutschen Zentralinstanzen in Frankfurt, über das Grundsätzliche der Demontagepolitik sprechen, geschweige denn verhandeln. Sie räumen allenfalls lokalen deutschen Behörden ein Vorschlagsrecht ein, so daß an Stelle des zu demontierenden Betriebs A der gleichwertige Betrieb B treten, kann, und sie gewähren hierbei, die für einigermaßen umfassende Erhebungen keinesfalls ausreichende Frist von vierzehn Tagen. Im übrigen wird kein Hehl daraus gemacht, daß es sich um Anordnungen handelt, die zu befolgen sind, also, abgesehen von Kleinigkeiten, um unabänderliche Befehle.

Hier stehen wir, wie so oft, vor dem Widerspruch, daß die Besatzungsmächte gleichzeitig, eine absolute Befehlsgewalt über Deutschland und eine Demokratie in Deutschland wollen. Das wäre nur dann reibungslos zu vereinigen, wenn der Kommandosektor der Sieger von dem demokratischen Sektor der Besiegten klar zu trennen wäre. Tatsächlich müssen aber gerade die Deutschen an verantwortlichen Stelle zugleich alliierten Befehlen gehorchen und dem Auftrag ihrer Wähler gerecht werden. Das geht solange gut, als die Anordnung gen der Sieger dem Volkswillen entsprechen. Dagegen müssen Konflikte entstehen, sobald das nicht mehr der Fall ist.

Nun gibt es fraglos einen Unterschied zwischen einem klaren Volkswillen und mehr oder minder dumpfen Massenstimmungen. Bei einem Volk, das. zwölf Jahre lang-totalitären Befehlen zu gehorchen Hatte und also als Masse organisiert war, ist es besonders schwierig zu entscheiden, wo die Grenze zwischen dem Volkswillen und der Massenstimmung liegt. Ohne Zweifel steckt in der Einstellung der Deutschen zu den Siegern ein erheblicher Faktor massenpsychologischer Erbitterung. Und wenn heute irgendein ,,Mann von der Straße", um seine Meinung zur Dempntagepolitik befragt, die Antwort gibt, das nächste Mal wähle er kommunistisch, denn in der Ostzone werde gearbeitet und im Westen werde demontiert, so ist das natürlich bare Unvernunft. Es wird dabei vergessen, daß die Ostzone ihre viel massivere und gewaltsamere, ihre ganz und gar "undemokratische" Demontage hinter sich hat. Aber gerade diese brutalere Methode hat nicht zu der Art von Konflikten geführt, die sich heute im Westen, zweieinhalb Jahre nach der Kapitulation, bei einer "Demontage in der Demokratie" ergeben. Es wäre fraglos sachlich schlimmer, aber zugleich massenpsychologisch günstiger, wenn wir auch im Westen die Demontage längst hinter uns hätten. In der Schrecksekunde der Niederlage wurde vieles hingenommen. Die Berliner wundern sich nicht darüber, daß sie sehr wenig Telefonanschlüsse haben, denn sie wissen. wer ihnen die Telefonapparate demontiert hat und wann sich das ereignet hat. Käme dagegen heute in Hamburg eine britische Anordnung, es müßte die Hälfte aller Telefonapparate abgeliefert werden, so würde es Proteste hageln, nicht allein gegen die Besatzungs-Macht, sondern gerade auch gegen einheimische Behörden. Die Schrecksekunde ist längst vorüber. Deshalb findet die sehr viel schonender und systematischer ausgearbeitete Demontageliste der Westmächte im Oktober 1947 eine wesentlich heftigere Reaktion als die ohne viel Federlesen und ohne beschwichtigende Erläuteungen seinerzeit durchgeführte Ostdemontage.

Demokratische Instanzen haben einige Möglichleiten, bei Massenstimmungen klar und besonnen zu bleiben und ihnen; mit sachlicher Aufklärung entgegenzuwirken. Aber sie können sich nicht legen den Volkswillen stellen und zugleich demokratische Instanzen bleiben. Am schwierigsten wird die Lage in einer Zeit wie der heutigen, da Volkswille und Massenstimmung so ineinander Verwoben ind, daß es dem weisesten Psychologen schwer im sie getrennt zu bewerten. Und es kommt hinzu, daß auch einer gebrannten Demokratie nicht verübelt werden, kann, wenn sie das Feuer scheut. Dieses "Feuer" ist das Gespenst des Nationalismus, nach 1918 hat sich der Nationalismus nicht allein, in der Politik der Sieger entfacht, sondern gerade ich an der Behauptung, die Weimarer Republik beuge sich dieser Politik ohne hinreichende Kraft in Würde. Die führenden deutschen Demokraten von 1947 wollen unter allen Umständen vermeiden, daß einem entsprechenden Vorwurf durch ihr Verhalten Nahrung gegeben werden könnte. Sie sind deshalb versucht, etwas zu laut zu sein und Töne anzuschlagen, die dann wieder in den Ohren der Sieger "nationalistisch" klingen. Es ist für sie nicht ganz einfach, einen Kurs zu steuern, bei dem sowohl die Scylla einer wirklich nationalistischen innerdeutschen Entwicklung vermieden wird wie die Charybdis eines alliierten Tadels, sie selber seien Nationalisten. Ohne Zweifel steckt viel ernste Verantwortung hinter der Erwägung, aus der Demontagekrise könne früher oder später eine Krise des Rechtsstaats werden. Und das heißt abermals, daß der jetzige Zustand letzten Endes eine Krise des Vertrauens ist.

Dies alles ist außerordentlich verwickelt. Weil die Sieger uns mißtrauen, halten sie eine deutsche Warnung vor dem Nationalismus für eine deutsche Drohung mit dem Nationalismus. Es ist ja gerade das Kennzeichen des allgemeinen Mißtrauens, daß jeder beim anderen immer nur Taktik und Propaganda vermutet. Man hält uns für ein Volk, das sich mit jedem Mittel den Folgen des nazistischen Krieges, und der Niederlage entziehen will. Unsere Argumente werden von diesem Urteil her gewertet. Bei uns wiederum glaubt man an einen unbedingten Vernichtungswillen der Sieger. Was immer sie tun oder sagen mögen, es wird von diesem Verdacht her verworfen. Das eine Mißtrauen beruht ebensosehr auf einem Vorurteil wie das andere. Aber auch dieser einfachen Feststellung droht schon wieder ein Vorwurf. Denn die Sieger neigen dazu, um zu sagen, wir sollten uns nach allem, was Deutschland angerichtet habe, überhaupt nur mit unseren eigenen Mängeln beschäftigen und gar nicht mit den Mängeln anderer. Sie sagen uns, alles was wir durchzumachen hätten, sei eine Folge des Nazismus und seiner Untaten; der Nazismus komme auf unser Konto und damit komme auch jede einzelne seiner Folgen auf unser Konto. Das gelte für die Vertreibung der Ostdeutschen wie für die Demontageliste.

So darf.es nicht bleiben. Wir sind allerdings in Versuchung, unter der Last dessen, was wir ertragen, zu vergessen oder; jedenfalls gering zu achten, was in diesem letzten Kriege von einem deutschen Staat verschuldet worden ist. Wir sind allzuoft geneigt, nur noch an erlittenes und nicht mehr an getanes Unrecht zu denken. Das gerade ist die ernste Gefahr der "verdrängten Geschichte". Aber es wäre unbillig, von uns zu fordern, daß wir überhaupt nur noch deutsches Unrecht kennen. Gewiß ist alles, was Jetzt geschieht, eine Folge der Hitlerjahre; insofern, als es ohne diese Hitlerjahre nicht geschehen würde. Aber das heißt nicht, daß es nur so und keinesfalls anders geschehen kann. Der Ablauf der Ereignisse hat einen Spielraum. Man kann mit uns besser oder schlechter, gerechter oder ungerechter verfahren. Und innerhalb dieses Spielraums gilt für unser Werturteil keine "bedingungslose Kapitulation". Es sagt nein zur Vertreibung der Deutschen aus dem Osten. Und es sagt nein zu so manchem anderen. Wenn wir nicht hier ja und dort nein sagen dürften, so hätten wir kein Werturteil mehr. Das blinde Jasagen hat man uns lange genug befohlen.