Glaubt es oder nicht: der Radioapparat, der die interessantesten Nachrichten bringt, ist der, den man nicht mehr besitzt. Ich zum Beispiel höre die packendsten Radionachrichten erst, nachdem eine Luftmine meinen Apparat in seine Bestandteile aufgelöst hat. Seitdem bin ich ohne Radio, und ich muß sagen, der nichtexistente Apparat ist die Quelle der erstaunlichsten Neuigkeiten. Ich bin Empfänger von Berichten, die an sensationeller Wildheit alles übertreffen, was ich aus meinem Lautsprecher, solange er heil war, jemals vernahm.

Haben Sie schon gehört? fragen mich die Leute. Wenn die Sirene einmal lang ertönt, bedeutet das Atombombenwarnung. Zweimal kurz hintereinander heißt chemischer Krieg, und zweimal lang gewöhnlicher Luftangriff. Dreimal kurz weiß ich nicht mehr. Im Radio ist es gekommen.

Ich kann es nicht nachprüfen, ich habe kein Radio. Was macht die Politik? fragt mich der Bäckermeister gegenüber. Die Russen, fährt er fort, sind ja schon in der Türkei einmarschiert. Im Radio ist es gekommen.

Was doch das Radio alles bringt! Ich denke mir, der Rundfunk ist schneller, die Zeitungen werden es auch noch veröffentlichen. Aber die Zeitungen bringen nichts. Und die Radionachrichten kann man leider nicht nachlesen, sie ertönen und sind weniger als Schall und Rauch, nicht einmal ein Wölkchen bleibt zurück. Aber in den Köpfen der Radio-Besitzer sind sie gegenwärtig, ihr braucht sie nur zu fragen. Jetzt kriegen wir Amerikaner, sagen sie zum Beispiel in der französischen Zone: amerikanische Besatzung, Im Radio ist es gekommen. Aber die Amerikaner kommen nicht. Dafür kommet weiterhin die verblüffendsten Mitteilungen, die reinsten Attraktionen der Politik. Die Russen stehen einmarschbereit an der Zonengrenze, kommt es zum Beispiel, in zwei Tagen sind sie am Atlantik. Im Radio ist es gekommen.

Ich aber komme aus der Aufregung nicht heraus, ein Leben voll dramatischer Spannungen verdanke ich dem Radioapparat, der nicht mehr da ist. Wem etwa die Nachrichten aus seinem Radio zu langweilig sind, dem rate ich, seinen Empfänger zu verschenken oder mit einem Hammer daraufzuschlagen.

Wie das Leben, so ist auch das Hören eine Kunst. Man muß es eben verstehen, aus Kommentaren und Erörterungen, Diskussionen und Zitaten nackte Tatsachen zu machen, aufrüttelnde Ereignisse, gelbrote Kolportage. Das aber kann nicht jeder. Immerhin ist die Zahl der Hörer, die es können, groß genug, um die korrekteste Nachrichtenredaktion eines Senders in fassungsloses Erstaunen zu stürzen, wenn sie es sich etwa einfallen lassen sollte, rund hundert Hörer über eine bestimmte Nachricht zu befragen,

Vielleicht wagt eine Sendeleitung den Versuch? Vielleicht auch bereichert sie ihr Programm um die Sendung "Wie man hört", was hiermit angeregt sei.

H. H. Der bekannte Labour-Abgeordnete Richard Stokes bittet uns festzustellen, daß er nicht für einen Abzug der britischen Truppen aus Deutschland eingetreten ist. Er hat in einer Zuschritt an die "Times" nur dafür plädiert, nicht mehr britische Streitkräfte in Deutschland zu belassen, als das militärisch für eine wirksame Sanktion für notwendig gehalten werde.