Unter den vielen surrealistischen Stücken, die man uns nun schon gezeigt hat, fehlt mir eins: die Operette. Denn wenn schon die Erinnerungen eines Selbstmörders, der soeben den tödlichen Schuß aus Eifersucht, nicht aus Not abfeuerte, in dem Augenblick zwischen Leben und Sterben Gestalt annehmenund wenn schon die Toten – der zwanzigjährige Großvater Arm inArm mit seinem sechzigjährigen Sohn – und wenn schon die Lebenden – die Frau, die Geliebte, die Freundin – visionär vorüberdefilieren und wenn nun die in einem Leben von 35 Jahren geschwätzten und gehörten Worte als tönende Lichteffekte in der Luft umherschwirren, so würde es mir sehr gefallen, wenn diese unnützen Sätze zu ihren eigenen Klängen ein kleines Ballett tanzen könnten. Es käme ja schließlich nicht mehr darauf an. Ein bißchen mehr Illusion könnte nur die Wirklichkeit des Unwirklichen erhöhen. Und warum gibt es unter den Toten keinen Komiker? Warum gebärden sie sich so feierlich, wenn sie doch nur dieselben Banalitäten reden wie die Lebenden auch? Ach, da das Leben schon so schlimm ist heuzutage, erfahren wir auch noch, daß es nicht einmal nett ist, tot zu sein!

Der Franzose Armand Salacrou läßt seinen Selbstmörder in der "Unerbittlichen Sekunde" die Scherben seines bürgerlichen Darchschnittslebens zusammenfegen, und auf der kleinen Bühne, der fortschrittlichen Jungen Bühne (Hamburg) wird es dabei unversehens etwas eng. Der Autor ist mit schillernder Virtuosität sehr emsig gewesen in seinem Eifer, die Brocken eines verfehlten Lebens möglichst vollzählig zusammenzutragen um zu demonstrieren, wie sehr all dies Gerümpel dem Durchschnittsbürger den Blick verengt, anstatt daß er die menschlicheUnzulänglichkeit als Gesetz erkennt, damit diese Erkenntnis seinen Horizont erweitert möge.

Da stehen sie nun also alle herum, Figuren in einem Panoptikum: der Selbstmörder mit ordens geschmückter Brust, ein Freund in zwiefacher Gestalt als 20- und als 37jähriger,in jugendlicher Gestalt den Alten häßlichbeschimpfend, der 20jährige gefallene Großvater, ein neidischer Toter. Und es fehlt auch der Sprecher nicht, der alles – quasi ein Führer durchs Panoptikum – erklärt. Doch wünschte man sich wohl mehr sachliche Erklärungen anstatt psalmodierende Reden, da es um die Abgabevon Binsenweisheiten geht. Es ist aber ein französisches Stück, das mit scharmanten Worten und pikanten Effekten gebaut ist und im Spiel der Erinnerungen galant den Frauen einen breiten Platz einräumt und der Arbeit nicht viel Raum läßt. Der Selbstmörder bedauert zwar am Schluß, daß die Sekunde, da er schoß, unerbittlich ist: er möchte wieder leben,aber die Zuschauer sind froh,daß er tot ist. Trotz der verwirrenden Fülle der Gesichte, trotz Aufhebung von Zeit und Raum, trotz jener Materialisationsphänomene.wie wir sie von dem berühmten Münchener Professor und Freiherrn von Schrenck-Notzing kennen, trotz Weite und Breite fehlt es an Tiefe Möglich auch, daß es dem Publikum an Konzentration und der Regie und Ausstattung angesichts so vieler Toten an Leichtigkeit mangelte und daß die Schauspieler zu gründlich waren in ihrem Spiel. Ein Teil der Premierenbesucher gähnte und endlich klatschten dennoch alle Beifall in dieser deutschen Erstaufführung, klatschten wie aus plötzlichem Entschluß, als wollten sie ausdrücklich demonstrieren, daß sie wenigstens lebendig waren. Erika Müller