So, nun aufgepaßt, nun spielen wir braven demokratischen Kinder einmal alle miteinander das neue Radiospiel, betitelt Übergabe des Nordwestdeutschen Rundfunks in deutsche Hände als eine Anstalt des öffentlichen Rechts. Jedes Kind nimmt einen Zettel und setzt einige Namen darauf, von denen wir annehmen – fälschlich annehmen, natürlich –, daß sie nicht gar soviel mit dem Radio zu tun haben: die kriegen dann, sofern hier nicht falsch gespielt wird, vielleicht den Nordwestdeutschen Rundfunk – vielleicht! Sind katholische Kinder unter uns? Und protestantische? Fein, die werden dann wohl den Erzbischof von Köln oder den Landesbischof von Hannover auf den Zettel schreiben. Wie? Die Herren Rektoren der britisch-zonalen Universitäten solten wir ebenfalls nehmen? Warum auch nicht! Es ist ja nur zum Spiel. Schreiben wir also: Bonn; Göttingen, Hamburg, Kiel: dort überall gibt’s Magnifizenzen, allwie – das weiß doch jedes Kind – die Universitätsrektoren angeredet werden. (Wer war hier vorlaut? Wer sagte hier: Köln? Nein, die Universitätsstadt Köln bitte nicht. Da haben wir ja schon statt der Magnifizenz die Eminenz genommen.) Und jetzt die Regierungschefs der vier Länder in der Zone! Dann haben wir schon zehn zünftige Titel beisammen, und dreizehn – bekanntlich eine Glückszahl – sollen’s nach der Spielregel werden. Nur weiter! Was? Man könnte den Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes nehmen? Exzellent! Und als Zwölften den Präsidenten des Nordwestdeutschen Zeitungsverlegerverbandes? Ausgezeichnet! Aber der Dreizehnte – aetsch! – ist nicht so leicht zu taten. Er ist im Spiel die unbekannte Größe; unbekannt, weil’s ihn noch gar nicht gibt, nämlich: den noch zu findenden Vorsitzenden der noch zu gründenden Nordwestdeutschen Verleger- und Buchhändlervereinigung. So, und diesen Dreizehn geben wir einen Namen und nennen sie den Hauptausschuß und geben ihm das Recht, einen Verwaltungsrat von sieben Mitgliedern zu wählen, und dieser soll dann den Rundfunk-Generaldirektor wählen und dieser soll dann den Rundfunk dirigieren mit Knecht und Magd, mit Ochs und Esel und allem, was sein ist...Ist dies nicht ein feines Spiel? Ein Spiel mit Bischöfen, Rektoren und Präsidenten! So, undweil’s so nett war, nehmen wir jetzt den Zettel mit all den Namen und werfen ihn in den Papierkorb. Denn das Spiel ist aus. Es war auch nur ein Spiele nichts Zweiter. Wie anders, sollen wir’s sonst verstehen, daß die Militärregierung, die zum Zweck der Übergabe des Nord westdeutschen Rundfunks in deutsche Hände uns jenen Hauptausschuß der dreizehn Männer vorschlug, gleich hinterher und noch mit demselben Atem andeutete, daß auf die Dauer der Besatzung eben jener Dreizehner-Rat nichts zu bestimmen, habe? Der Verwaltungsrat würde nämlich auf die Dauer der Besatzung von der Militärregierung selber; ernannt und ebenso der Generaldirektor. So wäre denn das ganze Aufgebot der dreizehn Namen vergeblich und umsonst geschehen. Und statt des gewählten Verwaltungsrats und des Generaldirektors hätten wir die ernannten Rundfunkleiter zu erwarten: wahrscheinlich erprobte Ja-Sager (denn es wäre abwegig, jemanden zu ernennen, von dem man von vornherein weiß, daß er Schwierigkeiten macht), kurz, eine gut gestimmte Yes-Band. Dies alles unter dem Motto, daß es zwar ein Rundfunkmonopol, aber keine Beeinflussung des Rundfunks durch den Staat oder politische Parteien geben solle.

Da aber die Besatzungsbehörde nach wie vor allein bestimmen will, bleibt uns nichts übrig als die Gleichzeitigkeit des Gebens und Nehmens, des Empfangens und Wieder-Herausgeben-Müssens zu bestaunen, ein Phänomen von solcher Seltenheit selbst in außergewöhnlichen Zeiten, daß philosophisch und nichtpolitisch geartete Männer wohl Anlaß hätten, einen Christian. Morgenstern zu zitieren, der uns aus dem Mund eines neuen Palmström erklären könnte, weshalb es offenbar nicht nur in der Natur, sondern auch im menschlichen Ratschluß Erscheinungen gibt, die vorhanden sind. ohne den geringsten Zwecke zu haben, "nur so" vorhanden, aus bloßem "L’art pour Van".

Politisch Geartete freilich sehen und begrüßen ein Symptom: sie erkennen in allem Negativen dieser praktisch sinnlosen Rundfunkreform einen guten Willen der Besatzungsbehörde, nämlich das Positivum, daß auf Jeden Fall der Rundfunk, so eminent politisch er immer sein muß, wenigstens nicht den politischen Parteien zum Fraß vorgeworfen werden soll – M.