Wieder einmal hat sich die wirtschaftspolitische Diskussion in Deutschland auf eine Alternative zugespitzt, der die Schärfe der beiderseitigen Argumente den Charakter des Unausweichlichen verleiht – eine Schärfe, die keine Zwischentöne kennt und zum Dogma strebt. Ist das nötig? Wahrscheinlich nicht, wenn man sich etwas Mühe gibt, aus. dem Streit um Worte herauszukommen, die Orthodoxie zu vermeiden.

Das Jahrhundert der Planwirtschaft: so ruft die eine Seite; nur die Freiheit kann uns retten: das ist die Parole der andern. Ohne staatliche Lenkung keine soziale Gerechtigkeit, sagen die einen – aber Lenkung führt unversehens in die Totalität, erwidern die andern. Wer hat recht? Gibt es eine mittlere Linie? Wo könnte sie liegen?

Es gibt die mittlere Linie, es hat sie immer gegeben, sie ist nur heute und bei uns verschüttet, aber wir können sie wieder freilegen, und wenn wir den Versuch dazu machen, so wird dies nicht Kompromißlerei bedeuten, sondern die Besinnung auf eine Wirtschaftspolitik, die in der Vergangenheit manchen Erfolg auf ihr Konto buchen konnte! Es kommt nur darauf an, was man unter Lenkung versteht, und es kommt auf das Maß an, auf die Dosierung, darauf, daß Lenkung Lenkung bleibt und nicht Eingriff wird. Es ist nicht schwer, an Beispielen klarzumachen, was dieser Unterschied bedeutet. Man denke an die Kredit- und Diskontpolitik der alten – Schule: hatte die "Bank der Banken" den Eindruck, daß die Wirtschaft zu stark investiere, daß die Anlage von Kapital in neuen Fabriken, Kapazitätserweiterungen, Wohnungsbauten usw. zu rasch vor sich gehe, daß also die Konjunktur sich zu übersteigern drohe, so hatte sie ein Mittel: in der Hand, um bremsend zu wirken: sie setzte den Bankdiskont, herauf, verteuerte das Geld, wirkte also auf die Rentabilität von Neuinvestierungen ein, und zwar in drosselndem Sinne – damit wurde erreicht/daß der Überschwang gedämpft wurde. Bis 1913 hat diese Methode gut funktioniert, die Methode; die auch eine Art von Lenkung darstellte, aber eine sanfte und geräuschlose, eine – "konforme" Methode, keinen Eingriff in die Wirtschaftstätigkeit der Unternehmer selbst. Die Zinspolitik des Staates oder seiner Notenbank zog nur einen Rahmen, innerhalb dessen die Unternehmer die freie Wahl hätten, zu disponieren, ein Geschäft, abzuschließen oder es zu unterlassen. Das Ob und das Wie blieb Sache des Unternehmers, während bei der "unkonformen" Lenkung, bei der jetzigen Art der Steuerung, also bei der "Bewirtschaftung", es dem Unternehmer keineswegs überlassen wird, ob und wie; er disponieren will: er, wird zum Geschäftsabschluß gezwungen, und nicht nur dies, sondern es wird ihm auch vorgeschrieben, zu welchem Preis und unter welchen sonstigen Bedingungen er das Geschäft abzuschließen hat.

Lenkung – grob oder fein? Das ist also wohl die richtigere Art der Fragestellung, und nicht die Alternative Lenkung oder Freiheit. Eine freie Wirtschaft hat es nie gegeben. Schon die Steuerpolitik des Staates schließt eine gewisse Lenkungsabsicht ein, erst recht die Zollpolitik, ebenso auch die staatliche Zinspolitik. Auch die Gewerbepolitik, mit allen ihren Einzelheiten der Überwachung von Betriebserrichtungen, die Arbeitsschutzpolitik und vieles andere sind "Lenkung" im weiteren Sinne. Aber auch wer diese Art der Lenkung nicht missen will, weil er glaubt, daß man die Wirtschaft nicht völlig sich selbst überlassen könne (was tatsächlich auch der entschiedenste Liberale nicht glaubt) – auch wer sich diese milde, die konforme Lenkung gefallen läßt, der wird desto entschiedener Einspruch erheben gegen die grobe Methode, die heute üblich geworden ist. Der Seifenhändler von heute kann, wenn er gesetzesfromm ist, nur einkaufen, was der Staat ihm erlaubt; er muß den vom Staat festgesetzten Preis bezahlen, und wenn er die Seife wieder verkauft, so darf er es nur gegen vom Staat ausgegebene Bezugsscheine und nur mit einem vom Staat festgesetzten Preisaufschlag. Die Freunde der Lenkung werden sagen: gewiß, aber das ist nicht Lenkung, sondern Bewirtschaftung. Wir wollen uns über diese Terminologie nicht weiter streiten, aber so viel, steht doch wohl fest, daß, heute jede nicht "konforme" Lenkung zur Bewirtschaffung ausartet: auf dieser Bahn gibt es schwer, einen Halt, und wer A sagt, muß auch B sagen.

Ob die grobe Methode überall nötig ist, wo sie heute angewandt wird, ist schwer zu entscheiden. Die Brotbewirtschaftung können wir im Augenblick nicht aufheben, aber das wird auch; kein Mensch verlangen. Aber es gibt Sachgebiete, auf denen die grobe Lenkung, die Bewirtschaftung, mehr Schaden als Nutzen stiftet. Ein großer, gar nicht abzuschätzender Schaden ist es schon; daß alle Welt sich, an den Gedanken gewöhnt, die Bewirtschaftung sei ja doch etwas, was man umgehen könne, ja sogar umgehen müsse; wenn man es zu etwas bringen wolle. Dieser Zustand, ist erreicht – mit; allen abträglichen.-Folgen für die Moral und die Staatsautorität. Der Staat, der ein Maximum von Macht über die Wirtschaft erstrebt, bezahlt mit dem Verlust seines Prestiges. die verlorene. Zeche. Indem er seine Macht potenzieren, will, büßt er sie faktisch ein. Diese Entwicklung vollzieht sich jetzt in Deutschland mit täglich deutlicher werdender Folgerichtigkeit. Sie ist die krasse Lehre für alle, die die Lenkung in ihren groben Methoden für eine unvermeidliche Konsequenz der Mangelwirtschaft halten. Mangel ist ein relativer Begriff. Setzt Geld- und Warenseite der Wirtschaft in die richtige Beziehung zueinander, so werdet ihr sehen, wie arm wir sind, daß Bewirtschaftung den Mangel nicht überwinden, kann – sie kann die knappen Waren auf die Dauer nicht einmal "gerecht" verteilen, weil die grobe Lenkung, die Bewirtschaftung, den Staat zum Polizisten jedes Kaufmanns macht und ihm; damit eine Rolle gibt, in der er durchfallen muß. V. M. –