Von Peter Christian Baumann

Der lebenskranke Ästhet in Huysmans "A Rebours" stattet seinen Arbeitsraum pseudomönchisch aus: die Muster kostbarer Teppiche täuschen Steinfliesen vor, bemalte weiß-seidene Tapeten lassen rissige Wände erscheinen, erlesene, fein bearbeitete Hölzer bilden das Betpult. Da ihm die schöpferische Phantasie abgeht, soll die äußere Atmosphäre nachhelfen. Seine Impotenz ist doppelt: bricht nur braucht er Mönchszelle und Kutte zum erstrebten Asketenleben; die wirkliche Zelle aus nacktem Stein vertragen seine Nerven nicht.

Man kann nicht annehmen, daß im Zeitalter der Konzentrationslager die Nerven der Künstler so zart besaitet sind. Und doch hat eine amerikanische Rundfunkgesellschaft für ihre Hausdichter einen besonders ausgestatteten Arbeitsraum geschaffen, eine Illusionsfabrik, in der die jeweils benötigten Stimmungen auf elektro-mechanischem Weg erzeugt werden können. Soll ein exotisches Hörspiel gefertigt werden, so verwandelt sich der Raum urwaldmäßig. Der Dichter am Schreibtisch riecht Fäulnis, atmet Fieberdunst, hört Tiergebrüll, erblickt den südlichen Sternenhimmel. Zu einer Liebesnacht im Polarmeer fällt die Zimmertemperatur unter den Gefrierpunkt, Schnapsflaschen klirren, und die Zähne des Autors klappern. Huysmans‘ Dekadenz ist ins Positive pervertiert, die Schreibmaschine wird mit Lebenskraft geladen, und dem endlichen Produkt ist die künstliche Befruchtung nicht anzumerken.

Es wäre leichtfertig, diesen praktischen Ausschlag des Wissens um die Stützbedürftigkeit des menschlichen Geistes einfach zu glossieren. Es wäre richtiger, ihn auch da zu benutzen, wo der Geist über den rußigen Ruinen schwebt und sich nicht zu helfen weiß: bei uns in Deutschland. Wenn wir die Klagen der Verleger hören, daß der literarische Nachwuchs sich unverändert im embryonalen Zustand befinde, daß die Neuen nicht können, und die "Alten" nicht zum Dichten kommen, weil sie nervös nachblättern, was sie selbst und die Kollegen früher geschrieben haben, dann sollte man meinen, ein äußerer Anstoß sei notwendig. Ein fingerfertiger Feinmechaniker müßte diesem Elend abhelfen können, was ihm an pompöser Großartigkeit amerikanischer Apparaturen fehlt, wird ihm die mit Recht so gerühmte deutsche Gründlichkeit ersetzen. Das Resultat muß den Aufwand. rechtfertigen: jedem deutschen Dichter sein Taschen-Illusionator.

Endlich kommen wir in den Besitz dessen, was wir bei unserer Arbeit immer vergeblich angestrebt haben: der Wirklichkeit. Wir drücken auf den Knopf "Mondain", und die Luft der internationalen Salons füllt unsere Wohnküche und unsere Lungen, während die Feder ein hinreißendes Bild vom Leben in der großen Welt zeichnet. Wir drücken "Vornehmheit" und "Toleranz" und "Takt" und "Schlichtheit", und unsere holzigen grauen Blätter in der Schreibmaschine bedecken sich mit den reizendsten Schöpfungen graziösen Stilgefühls. Der Idealismus unserer Verleger wird reich belohnt, vielleicht sogar – wer weiß es – mit Devisen, und einige von uns erhalten probeweise eine Gastkarte für den PEN-Klub.

Dies alles gilt zunächst nur für die schöne Literatur. Denn nicht ohne Schwindelgefühl ließen sich die Möglichkeiten ausdenken, die der Wunderapparat dem politischen Schrifttum zu bieten hat: Der Leitartikler, der seiner Leserschaft die autoritären Variationen einer modernen Demokratie zu erläutern wünscht, schaltet und schon ist sein Kopf umwallt von den Ideen des Fortschritts, der prinzipiellen Humanität und der wahrhaften Volksherrschaft. Doch nein, das führt zu weit. Kehren wir zur Belletristik zurück. Zur Beschreibung eines Restaurants wird uns Beefsteakgeruch geliefert, Havanna-Aroma führt uns in die stillen Hallen der Diplomatie, während der Duft frisch gerösteten Kaffees uns bei einer Dichterreise weit, weit über den Ozean begleitet.

Shakespeare fuhr nicht Motorrad, Goethe hatte kein Flugzeug zur Verfügung, Flaubert ahnte nichts von der Konstruktion einer Illusionsfabrik – wieweit hätten es die drei bringen können!