Wann man uns fragen würde, wie eigentlich msere Gemeinschaft entstanden sei, so wäre des sehr schwer beantworten. Sie war schon nach wenigen Tagen da, es kamen noch einige hin-So, und keiner schied aus, weil er etwa nicht hineingepaßt hätte. –

Es war im schönen Bad Teinach, umgeben von den Schwarzwaldbergen, die ihren eigenartigen Zauber auf uns ausstrahlten. Er begann bei einer Tasse Tee auf unserer Männerbudeim "Herren"haus des Bad-Hotels. Natürlich war es Abend und wurde eine schöne Sommernacht: Es folgten viele fassen Tee, viele Abends, und Nächte und viele Gespräche. Wir waren schließlich zwölf: Bernard, Marcel, Jean Paul und Marie-Thérèse aus Frankreich Dora, Derek und Maurice am England Wolf, Ludwig, Jürgen und Walter aus Deutschland und Henrik aus Dänemark.

Die französische Militärregierung von Württemberg-Baden hatte, wie schon im vergangenen-Jahre, im "Internationalen Hochschulwochen", nach Tüfangen eingeladen. Etwa 450 Teilnehmer von den verschiedensten Universitäten Westeuropas (Osteuropa hatte nicht geantwortet) hatten sich dort zusammengefunden und waren in einzelnen autonomen Gruppen (Arbeitsgemeinschaften) auf das schöne Land verteilt worden. Zu Beginn und am Ende des Treffens verlebten alle gemeinsame Tags in Tübingen. Planung und Organisation waren großzügig und in vieler Hinsicht vorbildlich.

Im Rahmen dieses Treffens hatten wir uns gefunden, um miteinander zu leben und zu sprechen, ohne die Belastung irgendwelcher nationaler oder politischer Ressentiments. Unser Gespräch bewegte sich vorwiegend um die geistige Situation unserer Zeit. Nicht leidenschaftlich, einer den anderen überzeugen wollend, sondern voll ausgeglichener Ruhe die Frage an den anderen richtend: "Was meinst du dazu, Bernard?" Und dieser sagte dann zum Beispiel: "Ja siehst du, ich bin katholisch erzogen worden, aber ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt, ich zweifle...." Christentum und Kirche, Existentialismus Und Nihilismus, Macht und Recht, die heutige Zeit und unsere Generation waren Grundthemen, die uns beschäftigten. Wir wurden uns auch klar darüber, was uns bisher getrennt hatte, innerhalb unserer Grenzen und im Rahmen unserer Nationen, und was uns in Zukunft nicht mehr trennen dürfe. Für uns zerbrachen die Kollektivbegriffe: Der Franzose ist..., der Engländer, der Däne, der Deutsche glaubt, haßt oder stellt dar. Füruns deutsche. Menschen-hinter-dem-Stacheldraht war. es besonders aufschlußreich, mit Kameraden zusammen zu sein, die, auch von anderem Blickpunkt her gesehen, für sich persönlich die Enge traditionsschweren nationaler Grenzen weitgehend überwunden hatten und den Gedanken einer übernationalen. Staaten- und Völkergemeinschaftvoller Ernst vertraten. Gewiß, wir waren nur einzelne und es war nur ein hypothetisches Dach, das vor unseren Augen stand. Noch schwebte es als Fiktion in der Luft, weil jeder Unterbau aus-realen Steinen fehlte. Aber vielleicht gibt uns die Zeit eine Chance, selbst einmal mit Erfolg daran bauen zu können – vielleicht.

Und so kam es, daß wir das Heute zwar realistisch beurteilten, wobei die Regierungen unserer Staaten nicht restlos bewundert, wurden, es anderseits aber wagten, eine schüchterne und ungewisse Hoffnung auf das Morgen, ein gemeinsames Morgen zu richten und damit möglicherweise an das Weiterbestehen einer vielleicht geläuterten Menschheit zu glauben. Hatten wir uns nicht selbst noch vor kurzem als Soldaten, Partisanen und Resistance-Kämpfer in erbittertem Kampf gegenübergestanden? Die Voraussetzungen hatten gewechselt, aus vielen Gründen radikal gewechselt. Wir warenzusammengekommen, um uns zu finden, und wir haben uns gefunden. Das Stück. Mißtrauen, das von jeder Seite mitgebracht worden war, fiel – ab. Mensch stand dem Menschen gegenüber und verstand sich-überraschend schnell.

Als wir uns nach über vier Wochen gemeinsamen Erlebens trennen mußten, fiel unserem Freundeskreis der Abschied schwer. Aber es blieb etwas Wesentliches zurück, wurde mitgenommen in jedes Land, das irgendwo wieder hinter einer Grenze lag. Auf Wiedersehen, irgendwo – bei uns oder bei euch! Jürgen Reine