Die Versuche zur Reform des deutschen Schulwesens. die jetzt überall besprochen werden, sollten an das Wort bei der Gründung der Berliner Universität 1810 nach dem Zusammenbruch. Preußens gemahnen: „Es ist notwendig, durch geistige Kraft die verlorene physische zu ersetzen.“ So behandelte die Hamburger Tagung des Allgemeinen Deutschen Lehrerverbandes in der britischen Zone den Neubau des Schulwesens, in dem die Volks- und die höheren Schulen eine in sich verbundene Einheit darstellen sollen. Begabung und Leistung sollen dabei entweder über Aufbauklassen der höheren Schulen oder über Berufsschulen den Weg zu den Hochschulen finden können.

Wie freilich in sechs oder gar nur vier Jahren höherer Schule eine gründliche humanistische Bildung ermöglicht werden, soll, – bleibt abzuwarten, Und der niedersächsische Kultusminister Grimme hat. in seinem Festvortrag gerade doch auf die intensive Beschäftigung mit der Antike als einen wesentlichen Bestandteil unseres abendländischen Geisteslebens hingewiesen!

Mit den praktischen Fragen des Hochschulstudiums waren die Studenten aller Zonen – nur die französische Zone war offiziell nicht vertreten – in Hannover beschäftigt. Sie empfahlen vor allem eine Koordinierung der Zulassungsbestimmungen und der Hochschulprüfungen, so daß abgelegte Examina in allen deutschen Ländern, anerkannt werden könnten und auch ein Austausch der Studienplätze leichter möglich würde. Das Studium soll nach dem Wunsch der Studenten nicht nur eine praktische Berufsausbildung ermöglichen, sondern eine allgemeine Menschenbildung, die in die Zukunft weist. Hier erinnerte Minister Grimme die Studentenvertreter an das Wort von Paul deLagarde: „Die Nation lebt nicht von der Vergangenheit. sondern von der Zukunft.“ Es waren übrigens, die Kultusminister verschiedener Länder anwesend, die die Anregungender Studentenschaft, eine engere Fühlungnahme und eine kulturelle Einigung – zwischen den Besatzungszonen erstreben, begrüßten und beschlossen, Mitte Dezember in Stuttgart zu einer weiteren Aussprache zusammenzukommen.

Alle Bildungs- und Kulturfragen sollten von der Erkenntnis bestimmt sein, daß, je größer die allgemeine Geltung, kultureller Grundsätze ist, desto stärker auch der Geist sich auswirkt, der sie schafft. Nicht umsonst ist in Deutschland schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine geistige Einheit entstanden, lange bevor Bismarck die politische schaffen konnte. Die geistige, Kultur war damals der Nährboden der politischen und wirtschaftlichen Einheit Deutschlands. Und nur aus ihr ist dann eine allgemeine Lebenskraft erwachsen, wie sie – freilich unter ganz anderen Voraussetzungen – auch unsere Sehnsucht ist. B. Lenz