Deutschlands Außenhandel ist einer Maschine vergleichbar, die zum Teil zerstört ist, zum (Teil aus den Trümmern des Krieges wieder freigelegt und nunmehr versuchsweise wieder in Betrieb genommen wurde. Mit großem Bangen standen die Ingenieure um sie versammelt, als dies vor sich Ehen sollte. Der Zeitpunkt fiel etwa mit der Exportmesse Hannover zusammen – obwohl es falsch wäre, diese Messe als den alleinigen Anlaufsversuch zu betrachten. Fände heute eine Besprechung der Ingenieure über das erste Anlaufen statt, das Ergebnis wäre wohl die mit erleichtertem Aufatmen getroffene Feststellung, daß gottlob der Kern der Anlage wieder langsam betriebsfähig gemacht werden kann.

Vorerst läßt sich verzeichnen, daß auch im September für die Doppelzone Exportverträge von 12,1 Mill. Dollar abgeschlossen werden konnten, nachdem die Exportmesse Hannover im August mit 31,7 Mill. Dollar an Aufträgen aufwarten: konnte. Doch wichtiger noch als diese Aufträge deren Ausführung sich über viele Monate erstrecken muß, ist, wie gesagt, der Anlauf an sich die Prüfung der deutschen Exportfähigkeit und die konkrete Fühlungnahme mit den Auslandsmärkten und die Unterrichtung darüber, ob und inwieweit diese Märkte aufnahmefähig sind, Um einen ständig funkionierenden Arbeitsgang der Maschine sicherzustellen, wird es allerdings noch vieler Monate bedürfen. Noch knirscht Sand zwischen ihren Walzen, noch ist der Betriebsstoff für die Maschine, weder ganz einwandfrei, noch in seiner Bereitstellung immer gesichert. Das Knirschen des Sandes vermeint man zu hören, wenn die Arbeitsrichtlinien für den Devisenbonus A noch immer nicht vorliegen und daher der Exporteur noch nicht von seiner Bank die Mitteilung über die Verfügbarkeit, seines Devisenbonus aus den seit dem 1. Juli abgewickelten Geschäften erhalten kann. Es knirscht auch, wenn sich die deutschen Vorschläge über die Verwendung des Devisenbonus B für die Arbeitnehmer länger als erwartet verzögern, auf die das Bipartite Board für seine Entscheidung wartet. Auch die Verzögerung der Anweisung über die Geschäfte bis zu 5000 Dollar gehört hierher. Derartige Geschäfte können im erleichterten Verfahren getätigt werden, wenn ein ausländischer Käufer sich in Deutschland aufhält, greifbare Ware kauft und sofort bezahlt. Diese Abschlüsse sind seit dem 7. Oktober grundsätzlich erlaubt, doch fehlen bisher noch die konkreten Bestimmungen. Allerdings braucht man dieser Erleichterung wohl deshalb. keine übermäßige Bedeutung beizumessen, weil „Geschäfte über den Ladentisch“ im Export nicht sehr üblich sind. Die wenigen ausländischen Geschäftsleute, die bisher die Westzonen besuchen, werden sich kaum die Taschen mit Dollar füllen, um an Ort und Stelle einzukaufen.

– Interessanter für Kleingeschäfte ist die Anregung, Globalgenehmigungen für Sortimentsgeschäfte an Exportfirmen zu erteilen, in deren Rahmen sie dann, ohne weiter ernstlich mit Formalitäten belastet zu werden, Einzelabschlüsse tätigen können. Es wäre denkbar, daß derartige Globalgenehmigungen für Sortimentsabschlüsse vielleicht für jeweils 10 000 Dollar erteilt werden und jeder einzeline Auslandsauftrag bis zur Höhe von 500 Dollar im Rahmen dieser allgemeinen Erlaubnis erledigt werden könnte. Dies würde gerade den Hamburger und Bremer. Exportfirmen sehr nützen können, deren Gewicht schon früher vielfach im Sortimentsgeschäft der vielen kleinen Artikel lag, und die zudem zur Wiederanknüpfung und Aufnahme neuer-Beziehungen gern kleine Partien als Muster der wieder greifbaren deutschen Ware in die Welt schicken würden.

Neben diesen nützlichen Kleinerleichterungen wird die Exportmaschine jedoch noch einiger grundsätzlicher Verbesserungen bedürfen, bevor sie reibungslos arbeitend wesentliche Devisenerlöse verspricht. Begreiflicherweise stammt in dieser ersten Phase der Wiederbelebung deutscher Ausfuhren der größte Teil der einkommenden Aufträge aus den europäischen Nachbarländern. Diese Nachbarn, altbewährte gute Kunden der deutschen Industrie, empfinden es als ein großes Hindernis, daß die Abrechnung in Dollar erfolgen muß. Zwar ist mit einer Reihe von Ländern eine Verrechnung eingeführt, deren Spitzen jedoch sehr kurzfristig, spätestens nach drei Monaten, in Dollar ausgeglichen werden müssen. Dieses Risiko, füt Waren aus Deutschland Dollar bereitstellen zu müssen, läßt jedoch die ausländischen Regierungen mit der Erteilung von Einfuhrgenehmigungen sehr zögern. So wird, von der Flensburger. Exportmusterschau gemeldet, dänische Kaufleute seien aus diesem Grund sehr zurückhaltend, um so mehr, als sie hofften, daß in nächster Zeit diese „Gefahr“ der Dollarbezahlung fortfallen oder doch sehr viel geringer werden könnte.

Langfristige Verrechnungsabkommen anzustreben, wird deshalb für die Förderung des deutschen Exportes eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Monate sein. Daß es sich dabei nicht nur um ein deutsches, sondern um ein gesamteuropäisches Problem handelt, zeigt die Pariser Besprechung von Vertretern Frankreichs, Italiens und der Benelux-Union über die Möglichkeiten eines zwischenstaatlichen Zahlungsausgleiches für die auf den Marshallplan hoffenden Länder. Eine zentrale Clearingstelle, die den Einsatz von freien Devisen teilweise überflüssig machen könnte, würde dabei dem gegenseitigen Warenaustausch sehr förderlich sein können. Für Deutschland kommt allerdings noch ein weiteres hinzu: Die deutschen Exporte an Kohle, Elektrizität und Kali sind noch der laufenden Verrechnung über die JEIA entzogen; sie wird vielmehr direkt von den Militärregierungen vorgenommen und der Erlös für Lebensmittellieferungen an Deutschland verwendet. Da Nachbarländer, wie Dänemark und Holland, in erster Linie landwirtschaftliche Erzeugwisse an Deutschland absetzen möchten, jedoch mir ihren hochwertigen Produkten aus den bekannten Gründen, nicht so stark herangezogen werden, liegt auch hier eine Erschwerung für das Gleichgewicht zwischen Ein- und Ausfuhr in den angestrebten Verrechnungsabkommen.

Auch von der Einfuhrseite erfährt die deutsche Außenhandelsmaschine manchmal noch unvorhergesehene Stößel wenn etwa in Abweichung von der ausgearbeiteten Dringlichkeitsrangordnung der deutschen Instanzen plötzlich durch andere Steller Lieferungen aus dem Ausland bewilligt werden die das Gleichgewicht der Einfuhrberechnungen vorübergehend stören. So angenehm auch derartige „Einfuhrüberraschungen“ für den Empfängerkreis sein mögen, ob es sich nun um Rohstoffe, Autoreifen oder andere Güter handelt, die naturgemäß alle sehr gut zu brauchen sind; so ist doch eine Verteilung der seltenen „Kuchen“ nach einheit. lichen Gesichtspunkten notwendig. Auch eine Verkürzung der Anrechnungsspanne für die neu zu erlaubenden Einfuhren aus den Ausfuhrerlösen kann jetzt interessant werden, da die deutsche Ausfuhr rascher als bisher zu steigen verspricht. Gegenwärtig errechnen sich die Einfuhrkontingente aus den Ausfuhrerlösen des voraufgegangenen Quartals. Dies kann bei steigenden Ausfuhren zu einer Blockierung tatsächlich vorhandener deutscher Devisenguthaben auf mehrere Monate führen. Bei der herrschenden Rohstoffknappheit hat dies entsprechende Verzögerungen bei der Ausführung der nächsten Exportaufträge zur Folge.

Denn die Rohstoffversorgung ist im Augenblick zweifellos, ein wichtiger Engpaß. Die deutsche Exportindustrie kann mit ihrem heute gegebenen Produktionsapparat noch ein Erkleckliches an weiterer Produktion für die Ausfuhr leisten, vorausgesetzt, daß ihr die Rohstoffe, aus dem Ausland zur Verfügung gestellt werden, eine Aufgabe-, an der bereits intensiv gearbeitet wird. Überhaupt darf allgemein die erfeuliche Feststellung getroffen werden, daß von den deutschen, wie von den anglo-amerikanischen Behörden die Schultern recht kräftig angesetzt werden, um den deutschen Exportwagen weite? in Bewegung zu bringen, nachdem der erste Ruck gezeigt hat, daß er sich doch bewegen kann. Gw.