Wenn es wahr ist, was die "Hamburger Freie Presse", das Blatt der LDP, berichtet – und wir zweifeln keineswegs daran – dann sind endlich die Verhältnisse halbwegs geklärt, soweit sie den "Klaren" (so nennt man im Rheinland und in Westfalen eine bestimmte Schnapssorte) betreffen: Die Behörde für Wirtschaftsüberwachung in Hamburg nämlich hat beschlossen, den Schnapsausschank nicht mehr zu überwachen. Nun ist es zwar denkbar, daß die Gegner des Süffelns diesen Entschluß für eine Art Bankerotterklärung der Wirtschaftsüberwachungsbehörde halten, und sie haben Recht, soweit es den Schnaps betrifft. Heißt es doch wörtlich mit schöner Offenheit, daß der Schnapsausschank, besonders in dem Vergnügungsviertel von St. Pauli, "von den Organen des Staates nicht mehr verhindert werden konnte". Die Eingeweihten immerhin werden es zu schätzen wissen, daß sie fortan der Mühe enthoben sind, den Alkohol als harmlos-heilsames Sprudelwasser getarnt zu trinken. Der Wirt stellte bisher die durch kein verräterisches Etikett verzierte "Buddel" diskret dem Gast zu Füßen; diese Prozedur fällt weg, der Wirt, braucht sich nicht mehr zu bücken. Und der Gast, kann seinen Triumph, für wenig Schnaps viel Geld oder für viel Schnaps eine geradezu unerschwingliche Summe ausgegeben zu-haben, in aller Ruhe durch alle Öffentlichkeit nach Hause tragen. Schwankt er dabei vielleicht auch wie schlankes Rohr im Winde und lallt er vielleicht auch wie ein Wiegenkind, so hat er doch die stolze Gewißheit auf seiner Seite, daß alles ganz; legal geschehen ist

Ganz legal? Man soll nicht unbedingt von Leuten, die "keine Freunde von Traurigkeit" sind, etwas Böses denken, Deshalb hat die Behörde, die fern jeder Bürokratie den Schnapsausschank legalisierte, ausdrücklich erklärt, sie setze voraus, daß "der verkaufte. Schnaps nicht aus Schwarzbrennereien, sondern aus der Ostzone stammt". Ja, das Vertrauen auf das Gute im Menschen geht noch weiter. Denn es steht geschrieben, daß eine Kontrolle über die Herkunft der Ware nicht vorgenommen werde. Zwar müssen die Wirte fortan den Ausschank der Spirituosen in ihren Büchern ausweisen und entsprechende Steuer zahlen, aber die "Vorlage der Rechnungen über den erworbenen Schnaps ist nicht erforderlich". Daher weiß man nun, welchen Markennamen dieser Schnaps verdient, nach dessen Herkunft nicht gefragt wird –: den Namen "Lohengrin" und das Motto: "Nie sollst du mich befragen". Allzu Neugierigen könnte es sonst wie Elsa ergehen, die es auf die Frage nach der Herkunft ihres "geliebten Gegenstandes" erleiden, mußte, daß das Idol ihres Herzens, vom Schwan gezogen, rheinwärts verschwand und so gleichsam zu Wasser wurde. Und was am grünen Rhein geschah, kann an der blauen Alster vielleicht ähnlich geschehen.

Die Herkunft des Schnapses in optimistischem Dunkel zu lassen –: das ist wahrhaftig ein herzhafter Entschluß. "Pater semper incertus", sagte schon das römische Recht. Und was Napoleon einst bezüglich der dunklen Kleinen erklärte, soll jetzt auf die kleinen "Klaren" angewandt sein: "La recherche de la paternité est interdite!" Das deutsche Sprichwort hat ähnliche Tendenz, welches sagt: "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!" Und ähnlich wiederum war es, was der alte, sonst so stolze Römer meinte, wenn er sein: "Non olet!" sagte, denn so wie ihm das Geld nicht stank, das aus unrechter Hand gekommen, so stinkt der Schnaps nicht, gleichgültig, ob er aus Schwarzbrennereien oder aus der Ostzone kommt, sofern er nur in den Steuerbüchern steht... Es sei denn, der Schnaps, Marke Lohengrin, stinkt sozusagen aus sich selber, riecht nach Tankstelle oder Apotheke, kurzum: Ein Prosit der Gemütlichkeit in diesen gemütlichen Zeiten!

Nur eines muß hier hinzugefügt werden: Die Kaufleute von Lübeck, unterstützt durch das Wirtschaftsamt dieser anderen Hansastadt, haben vor Monaten durchaus erfolgreich und vielversprechend begonnen, alte Handelsbeziehungen zum Lande Mecklenburg neu. zu knüpfen. Sie haben im Austausch neben stattlichen Holzlieferungen auch Spirituosen bekommen, wohlverstanden nicht irgendwelchen Ostzonenschnaps unbekannter Provenienz, sondern jenen Alkohol, der für die medizinische Chemie und für die Krankenhäuser bestimmt ist. Aber die zuständige Überwachungsstelle in Hamburg hat diesen Alkohol nicht freigegeben, ganz einfach unter den Hinweis, solcher heilsame Spiritus würde so dringend nicht benötigt. Die Kliniken freilich wissen es anders. Warum aber gestattet man den Trinkern, was man den Kranken, den Kliniken, der chemischen Industrie verwehrt? Warum duldet die eine Stelle Trinkbranntwein. aus dunklen Quellen, während die andere Behördenstelle Alkohol aus eindeutigem Handelsgeschäft blockiert? "Schnaps ist Schuaps." Gut, so laßt diesen Satz der Billigung erst recht für den Alkohol, zu Heilzwecken gelten! M.