Fünf Tage hindurch waren Berlin 300 deutsche Autoren und eine Anzahl ausländischer Gäste zum Ersten Deutschen Schriftstellerkongreß 1947 versammelt. Veranstalter war der Schutzverband deutscher Autoren, Tagungsort waren die Kammer spiele des Deutschen Theaters. Aufsehenerregend war der Disput, der sich zwischen dem Russen Wischnewsky dem Autor des Filmes „Wir von Kronstadt“, und der Engländerin Mrs. Brainsford entfaltete, Wischnewsky sprach gegen die „schwarze Reaktion, die England und Amerika heißt“ und rief: „Die Atombombe kann uns nicht schrecken, wir wissen zu antworten.“ Mrs. Brailsford, die Gattin des bekannten englischen Humanisten, beklagte es „mit tiefer Erschütterung“, daß zwei Jahre nach dem Kriege Studenten spurlos aus Berlin verschwinden könnten. Die Kontroverse zwischen dem amerikanischen Journalisten Melville Lasky, der unter Zwischenrufen und Protesten Beispiele für die „totalitäre Lenkung der Intelligenz in Rußland anführte, und dem russischen Dramatiker Katajew, der seinen Gegner einen „Lügner und Kriegsbrandstifter“ nannte, zeigte in aller Schärfe die krassen Gegensätze auf, die sich zwischen östlichem und westlichem Denken aufgetan haben. „Prophete rechts. Prophete links. Deutschland in der Mitte“, so könnte man das Goehte-Wortvariieren. – Ricarda Huch, die Ehrenpräsidentin des Kongresses, Johannes R. Becher, Axel Eggebrecht und andere Autoren vertraten deutsche Thesen der Sehnsucht nach Frieden, Klärung und Aufbau: auf richtige Äußerungen-, deren Nachhall im Lärm des Meinungsstreites östlicher und westlicher Gesinnungen fast unterzugehen drohten. – Damit die Repräsentation nicht fehlte: es gab ein Festmahl auf russische Einladung. Und damit der Humor nicht ausblieb: Ironiker hatten in die Anwesenheitsliste den Namen des Pseudo-Lyrikers nazistischen Gedenkens, Heinrich Anacker, und den des kürzlich in westliche Zonen ausgewanderten Autors des „Stalingrad“-Romanes, Theodor Plivier, eingetragen.

Lag es daran, daß der Westen im Vorstand nicht repräsentiert war oder daran, daß der Kongreß im russischen Sektor stattfand – jedenfalls: die freie Aussprache auf dem ersten Deutschen Schriftstellerkongreß wurde von vielen, zumal vondenen, die an Berlin gebunden waren, als Risiko empfunden. Dennoch blieb die leidenschaftliche Aussprache unbehelligt, Sie wurde auf zwei Ebenen geführt: der alliierten und der deutschen Ebene. Und das Motto hieß entweder: „Literatur und Gewalt“ oder „Der Schriftsteller und die geistige Freiheit.“ – „Freiheit“ und „Frieden“, diese beiden Zauberformeln des Kongresses waren zwar in der Diskussion zum Versagen verurteilt, aber seltsamerweise. nicht in der Praxis, denn es wurde tatsächlich auf der einzig möglichen, nämlich der europäischdeutschen Basis einer echten schriftstellerischen Solidarität die notwendige Übereinkunft erzielt. Eliot hat einmal ein Poem von den Schwierigkeiten eines Staatsmanns mit dem Aufschrei beendet: „We demand a committee, a representative committee, a committce of investigation-Resign, Resign, Resign...“ („Wir fordern ein Komitee, ein repräsentatives Komitee, eine Untersuchungskommission-Resignation. Resignation, Resignation...“). Der Vorstand, der in Berlin den--Kongreß durch die Scylla und Charybdis, der globalen Meinungsspaltung zu steuern hatte, wußte sich auch nicht anders als durch die Gründung eines Komitees zu helfen, durch den „Koordinationsausschuß“, dem der konstitutive Vorschlag Rudolf Leonhards, eine deutsche Literaturakademie vorzubereiten, anvertraut wurde. Aber dort, wo der echte Streit begann und die Regelung der Berufsinteressen endete, in der Gewissensfrage nach Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit, triumphierte das Resign, resign, resign...

Bisher hat allerdings noch kein Kongreß die geistigen Auseinandersetzungen der Menschheit entschieden. Immerhin richtete sich auf diesem Kongreß die Frage wie ein drohender Schatten auf, welche globalen Mächte heute die Chance hätten, diesen unsern Erdball zu beherrschen. Ein geistvoller Franzose hat auf den Genfer ,,Rencontres“ die Formel gefunden, wir müßten zwischen der „Freiheit ohne Gerechtigkeit“. (Amerika) und der „Gerechtigkeit ohne Freiheit“ (Rußland) wählen. Auf dem Berliner Kongreß wurde zwar nicht mit überlegenem Witz und nicht mit derselben geistigen Souveränität gefochten, wie sie den Genfer „Rencontres“ ihren Stempel aufgedrückt haben, aber gemeint war dasselbe.

Es ging um die Auseinandersetzungen zwischen einer metaphysischen und einer sozial-materialistischen Tendenz des Abendlandes. Die Korruption dieser Begriffe war dabei so offenkundig und das feuilletonistische Spiegelgefecht so rhetorisch gewandt im Gange, daß die Positionen, um die es in Wirklichkeit ging, nicht in voller Klarheit bezogen wurden. Obwohl zumal Elisabeth Langgässer und Rudolf Hagelstange, wohl auch der Emigrant Stübs, ganz eindeutig eine metaphysische Haltung herausgearbeitet hatten, wurde diese These von der – Gegenseite gar nicht erfaßt, geschweige widerlegt: sie hing halb und halb widersprochen in der Luft, wurde jedoch nicht fruchtbar, und darum mußte der Streit um die „Freiheit“ unauswertbar leer laufen. Denn im Grunde, meinte jeder die Freiheit, die er für sich in Anspruch nahm. Sobald sich der Streit um Namen verfestigte – wobei bedauerlicherweise der Name André Gides von den Russen (offenbar in Erwiderung auf sein unverziehenes Buch „A’ retour de l’URSS“) polemisch in die Diskussion gezogen wurde – focht man nicht mehr um die Sache, sondern um Worte. Dieser Streit ist eigentlich in Europa so alt wie der Kampf zwischen den Symbolisten und den Materialisten und Naturalisten. Er hat mit Pro- und Kontrafaschismus – wie man immer wieder. glauben machen will – überhaupt nichts zu schaffen. Oder will man so ehrwürdige Erscheinungen wie den Juden Franz Kafka, der zweifellos Metaphysiker ist, will man Kierkegaard oder Rainer Maria Rilke deswegen aus der Literatur ausmerzen, weil sie für den Tageskampf um Humanität auf der einen und Sozialethik auf der anderen Seite nicht verwendbar sind? Ist nicht jeder geistige Mensch Repräsentant einer Welt, die mit Öl- und sonstigen Wirtschaftsinteressen nicht das geringste zu tun hat? Kein Staat der Welt würde einen Atomforscher die Freiheit des Fragens und, Untersuchens einschränken wollen. weil er sich wichtige Ergebnisse erhofft; aber dem Metaphysiker, der fragend der Wahrheit näher zu kommen sucht, wird offenbar die Freiheit des Forschens von den Verfechtern des historischen Materialismus glatt verweigert – genau so wie dies einst dem Naturforscher durch die mittelalterliche Kirche geschah Da jedoch eine echte Relation zwischen jederlei Forschung besteht, schneidet der Staat, der den Metaphysiker begrenzt, auch dem Atomforscher das Wort ab, weil es ganz einfach nur eine unteilbare Freiheit gibt! So ist der Kampf um die Freiheit letzterdings ein Kampf um Selbsterhaltung. Es gibt hier nur (ein Entweder-Oder. Fortschritt oder Rückschritt; denn die Gedanken,-die gedacht werden müssen, werden schließlich doch einmal das – eiserne Tor des Zwangs durchbrechen, und sei es injahrhundertelanger Arbeit.

Nun ist die Position des Schriftstellers freilich nicht so sehr von den Metaphysikern, als vielmehr von den Sozialethikern ausgebaut worden; dies geschah in Frankreich, wo im revolutionären Schrifttum der Begriff des verantwortlichen Schriftstellers begründet worden ist. So mag es sein, daß die schriftstellerische Organisation immer vom publizistisch versierten, aktiven Sozialethiker profitiert hat. wie dies auch auf dem Berliner Schriftstellerkongreß noch einmal in der mustergültigen Kongreßführung zum Ausdruck kam. Die Franzosen und Angelsachsen. waren es, die stets als höchste Aufgabe des – Schriftstellers die Pflicht erachteten, für das entrechtete Individuum einzutreten. Darum ist der Prozeß um Dreyfus der Prüfstein für eine ganze französische Schriftstellergeneration geworden. Der Angriff von Mrs. Brailsford gegen die Verschleppung der Berliner Studenten ohne förmliches Prozeß-Verfahren war aus derselben schriftstellerischen Verantwortung hervorgegangen. Er hat denn auch die Leidenschaften aufs höchste entfacht, weil er die typische schriftstellerische. Verpflichtung in die Debatte geworfen hatte: für das entrechtete Individuum einzutreten. Auch solche Angriffe gehören zur, schriftstellerischen Verantwortlichkeit, nicht weniger als die Anprangerung von kriegshetzerischen Monopolisten oder Rüstungsfabrikanten.

Öl aber zukünftig das geistige Gespräch weitergeführt wird? Ohne eine gewisse Liberalität muß die Auseinandersetzung, mit einem Kurzschluß enden. Immerhin ist eine gemeinsame Basis vorhanden: unser gemeinsames deutsches Leid, unsere jüngste Vergangenheit und der ethische Abscheu vor dem, was den Menschen und damit Europa, vergewaltigt hat. Es gibt, genau so wie gegen Hitler, auch jetzt die innere Solidarität der Dichter und Schriftsteller, die sich ein echtes Verhältnis zum Menschlichen bewahrt haben und sich über den zonalen Doktrinarismus erhaben wissen. In der Ansprache, die Johannes R. Becher im „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung“ vor den Schriftstellern hielt und in den ergreifenden Schlußworten, die der Kongreß stehend aus dem Munde der greisen Ricarda Huch in Empfang nahm, war die ideologische Kluft durchs Dichterische überbrückt. Ist also die Sehnsucht nach Frieden stark genug, den ideologischen Alpdruck ins unmittelbare, menschliche Gespräch aufzulösen, wie es die große europäische Dichtung und Musik jahrhundertelang gepredigt hat? Wird uns aus Schuld, Leid und Trauer einmal eine völkerversöhnende Mission erwachsen?

Es ist die letzte Alternative, die uns geblieben ist: die Alternative für den Geist. Denn die europäisch Situation erinnert an die tragische Blickverengung. an der das alte Griechenland vor der makedonischen Annexion gescheitert ist. Den griechischen Stadtstaaten, von einst entsprechen die Nationalismen von heute. Die kontinentale Weite des siegreichen Helenismus hat Europa bis in die Gegenwart hinein bestimmt, und schon stehen neue, globale Perspektiven vor den Toren Europas. Die russischen Schriftsteller – Boris Gorbatow. W. Wischnewski und Valentin Katajew – sind zweifellos ideologische Repräsentanten, für die das Erlebnis der „einheitlichen Gedankenführung“. wie einer von ihnen es betont hat, bestimmend geworden ist. Aber sie sind zugleich Repräsentanten einer Literatur, die von Puschkin bis Majakowski und Boris Pasternak, von Tolstoi, Dostojewski bis Berdjajew einen Universalismus entwickelt hat, der Europa nicht gegeben war. Gorbatow dem das Schlußwort der ausländischen Gäste zufiel – war wie sein massiver, von Gogolschem Humor überglänzter. Block: Da war dieselbe Menschlichkeit wie Westeuropa bewundert, da war eine warme künstlerische Weite und Besonnenheit, die aus einem anderen Kontinent gedacht und erfühlt war. Es war falsch, dies Faktum aus Verbitterung über schen Doktrinarismus der Russen zu leugnen: er scheint künstlerisch weitsichtiger als im Westen angenommen wird, aber das Janusgesicht der Ideologien verstellt nicht nur dem der davon befallen ist, sondern auch dem Außenstehenden die Sicht. Es stiftet Verwirrung. Eines sollte jedoch die Wort- und Begriffsverwirrung dieses Kongresses gelehrt haben: daß der einzig gültige Lehrmeister des Schriftstellers das Leid und das Mitleiden mit dem Menschen ist. Von Puschkin selbst stammt die entscheidende Einsicht, wo die Taten der Dichter zu suchen sind: im Wort.

Die Verantwortung des Schriftstellers liegt daher im Wort und nicht in irgendeiner Form, irregeleiteter Aktivität.