Die Auseinandersetzungen um die moderne Kunst und insbesondere um ihre letzten, dem Publikum oft unzugänglich erscheinenden Beispiele, wie sie einige Ausstellungen in jüngster Zeit darbieten, kreisen fast ausschließlich um den Gegenstand, um das Abbildliche. Der in dem Dogma, daß die Kunst dem „Schönen“ zu dienen habe, lebende und darin irregeführte Bildungsmensch des 19. Jahrhunderts vererbte späteren Generationen die Auffassung der Naturnachahmungen in der bildenden Kunst, dabei von der Meinung ausgehend, es sei dies seit jenen frühen Tagen, da die Menschen ihren Vorstellungen und Empfindungen Ausdruck zu geben begannen, immer nur in dem Bestreben geschehen, ein Vorbild wiederzugeben. Indessen läßt die Geschichte der Menschheit deutlich erkennen, daß die Wandlungen der Kunst vom Realistisch-Abbildlichen zur Naturferne des Abstrakt-Sinnbildlichen sich schon mehrere Male in den Entwicklungsepochen des schöpferischen Geistes vollzogen haben und mit deren Veränderungen im Menschheitsgeschehen eng verknüpft sind: etwa in dem Wechsel der Wirtschaftsstufen vom frühen Jägertum zum Bauerntum, in der Umschichtung von Völkern und ihrer geistig-kulturellen Grundhaltung. In den Schichten der morphologischen Wandlungen steht die abstrakt-magische Kunst der jüngeren Steinzeit und der Bronzezeit sowie der gesamten nordischen Frühzeit als ausgesprochene Bauernkunst dem magischen Realismus der altsteinzeitlichen Jägerkunst gegenüber. Die wundervolle Wirklichkeitsnähe der kretisch-mykenischen Kunst wurde abgelöst durch den rustikalen „geometrischen Stil“ am Aufgang der hellenischen Antike. Die Vergeistigung der Spätantike durch Neuplatonismus und Christentum spiegelt sich in der neuen Sinnbildlichkeit eines formelhaften künstlerischen Ausdrucks und ist dann weiter erstarrt in der hieratischen Strenge byzantischer Mosaiken und Ikonen. Und am Anfang der Kunst der christlichen Epochen des nördlichen Abendlandes sehen wir die abstrakten verschlungenen Liniengebilde irischer und angelsächsischer Miniaturen aus dem 7. und 8. Jahrhundert, in denen noch Motive aus der gegenstandslosen Ornamentik nordischer Frühzeit nachzuklingen scheinen. – Auf diese Entfaltungsmöglichkeiten kann sich die sinnbildliche Kunst unserer Tage mit dem gleichen inneren Recht berufen, wie die Künstler seit der Renaissance die hellenische Plastik verehrt haben. Alles in allem: die Völker des Erdballs haben mehr entwirklichte oder arealistisch-sinnbildliche Kunst geschaffenes realistischabbildliche. Schon aus diesem Grunde darf der absolute Anspruch des Dogmas von der Vorbildlichkeit der Natur und von der Wiedergabe des Schönen in der Kunst recht fragwürdig erscheinen.

In jedem Falle aber waren die jeweiligen Ausdrucksformen der Kunst mit dem Weltbild des jeweiligen Zeitalters verbunden: Wie die christliche Sinnbildkunst eingebettet ist in die metaphysische Welt des mittelalterlichen Glaubensmenschen und mit dem Denkstil der scholastischen Philosophie zusammenklingt, so geht die Entwicklung der realistischen Abbildkunst seit den Tagen der van Eycks und der italienischen Renaissance mit dem neuen Weltbild der Astronomen und Naturforscher der Kopernikus, Kepler, Galilei und Newton einher. So hat die künstlerische Entdeckung der raumkörperlichen Wirklichkeit durch die italienischen Maler seit Giotto und durch die van Eycks geradezu den Weg freigemacht für die Erfahrungswissenschaft des neueren Geschichtszeitalters. Hier hat die Kunst wahrhaft vorausgefühlt. So entspricht auch der Malstil des Impressionismus fast wörtlich dem Positivismus, und der mechanistischen Auffassung der Philosophie und Physik des 19. Jahrhunderts. Der Verzicht auf gegenständliche Wirklichkeitstreue und Naturwahrheit im Expressionismus und Surrealismus hat eine ebenso bemerkenswerte Analogie in dem Verzicht auf Anschaulichkeit innerhalb der Erkenntnisse der modernen Physik vom mikrokosmischen wie vom makrokosmischen Geschehen.

Dies ist die geistige Situation der Gegenwart: Die Ergebnisse und Folgerungen der Quantenmechanik, der Relativitätstheorie und der atomaren Kernphysik lassen sich nicht mehr modellmäßig und anschaulich darstellen, sondern nur noch rechenmäßig erfassen durch abstrakte mathematische Formeln, denen die Bedeutung von Sinnbildern, von Symbolen zukommt. Alles, was mit Begriffen wie etwa Atomkern, Wirkungsquantum, Wellenpaket, Raum-Zeit-Kontmuum, gekrümmter Raum gemeint ist, liegt außerhalb der Grenzen unseres Anschauungsvermögens. Und innerhalb der weltgeschichtlichen Entfaltung des Menschengeistes ist damit für die universale Betrachtungsweise der Kunst eine ebenso polare Doppelschicht von Bezugssystemen – Naturbezogenheit oder Geistesbezogenheit – gegeben. Unter diesen Voraussetzungen haben die Kriterien der Wirklichkeitstreue, der Naturwahrheit und des Anschaulich-Schönen bei der Bewertung der Kunst ihren absoluten Geltungsanspruch eingebüßt.

Nun ist es geistesgeschichtlich überaus bemerkenswert, daß der Beginn im Wandel der geistigen Grundhaltung, der die abstrakte Physik und die abstrakte Kunst heraufbeschwor, in die gleiche Zeitspanne fällt: in die Jahrzehnte um die Jahrhundertwende und besonders in das Jahrzehnt vor dem ersten Weltkrieg, als auch die Pioniere des neuen Bauens die Architektur von der Scheinwelt des Historismus befreiten und den Weg zu einem neuen architektonischen Ausdruck fanden. Damit hat auch die Baukunst einen abstrakten Wesenszug bekommen, der auf die konservativen Anhänger einer historisierenden Bauweise anfangs sehr befremdlich wirkte. Freilich hätten sich die Ewiggestrigen daran erinnern dürfen, daß in der Kathedrale der Gotik französischer Prägung schon einmal so etwas wie ein skeletthaft-abstraktes Architekturgebilde geschaffen worden war ...

Mit der Feststellung der Gleichsinnigkeit in den abstrakten Tendenzen der physikalischen Erkenntnisse und der künstlerischen Formgebung ist schließlich die Möglichkeit gegeben, die entwirklichte Kunst von heute in eine zeitgemäß innere Beziehung zum Wesen des technischen Zeitalters und damit zu der gleichsam abstrakten Architektonik der Maschinen zu setzen, die dem physikalischmathematischen Denken des ingeniösen Menschen ihre Entstehung verdanken. Im Zeichen dieser. Relation würde sich das Gesamtbild eines aktuellen Weltstils vollends abrunden, eines Weltstils, in dem der schöpferische Geist des technisch-ingeniösen Menschen ganz zweifellos zur Führung berufen erscheint. Denn – in einem höchsten und umfassenden Sinn verstanden – bedeutet Stil – einst wie heute – die schöpferische Erfüllung eines Zeitalters in sichtbarer Form von einheitlichem Gepräge. Dieses gilt. gleicherweise für die Hellenik. für Romanik und Gotik, für Barock und Klassizismus wie für die Technik als schöpferische Ausdrucksform und damit für einen Weltstil, in dem der abstrakte Baustil der Architektur, der abstrakte Denkstil der Physik und der abstrakte Bildstil der heutigen Kunst einander entsprechen und sich als adäquat mit der abstrakten Architektonik der technischen Gebilde erweisen. Der dynamische Sinn des Zeitalters erscheint gleichsam in den abstrakten Ausdrucksformen sinnbildlich und zeicheihaft zusammengefaßt. Dabei kommt der Technik als schöpferischer Macht mit der Gestaltung der abstrakten Architektonik der Maschinen unbedingt die zeitliche Priorität und die führende Stimme zu.

In dem anspruchsvollen Bereich der technischen Wirklichkeit bildet die Kunst, so scheint es, heute freilich auch einen schöngeistigen Hintergrund. Doch auch diese Hintergrundstellung kann von einem wärmenden Glanz durchleuchtet sein gleich den klaren goldenen Fernen auf den idealen Landschaften des Claude Lorrain, wenn schöpferisches Menschentum selbst im stürmischen Wirbel unserer Zeitenwende sich der ewigen Aufgabe bewußt bleibt, aus reinem Herzen an der Vergeistigung des Seins zu arbeiten.