Spanische Bauerntragödie in Stuttgart

Die Summe unserer Existenz, durch Vernunft dividiert, wird niemals rein aufgehen, sonimmerein wunderlicher Bruch bleiben.“ Diese Maxime Goethes trifft den Wesenskern, der Tragödie des spanischen Dramatikers Federico Garcia Lorca, die in der Regie von Hermine Körner im Kammertheater der Württembergischen Staatstheater zu Stuttgart ihre deutsche Erstaufführung erlebte, Spanien, das in seiner Kunst von je seine eigenen Wege ging – Wege, die immer dem Irrationalen näher lagen als der Ratio und dem Intellekt –, bleibt sich auch in diesem Dichter treu. Seine Tragödie „Die Bluthochzeit“ steht der klassischen Überlieferung Spaniens näher als dem Zeitgenosse schen weltlichen oder angelsächsischen Schauspiel des Existentialismus oder Surrealismus. Es ist kein Charakterdrama im schulmäßigen Sinne, sondern ein Werk der objektivierenden und überindividuellen Lebensschau,wie sie das zeitgenössische Opernschaffen am klarsten anstrebt. Die Grundfabel ist äußerst einfach: Der menschliche Willesteht ohnmächtig den Mächten des Blutes, der Rache und der Sinne gegenüber und geht an ihnen zugrunde. Mit diesem Stück hat Lorca, der Schöpfer der heutigen Dramatik Spaniens, 1933 in Madrid den Durchbruch einer neuen Theaterkunst vollzogen. –

Hermine Körner, die Regisseurin, verkörperte die Hauptrolle der Mutter; eine ihrer großartigsten Leistungen: Darstellung des Matriarchats schlechthin, neben dem das männliche Prinzip eine, tragische Verirrung wird, nur geschaffen zu zerstören. Gisela Uhlen spielte eine Braut, die, dem Schicksal verfallen, die Mütterlichkeit an die Sinne verrät. Friedrich Schönfelder, der Bräutigam, wuchs erschütternd zum Rächer und Opfer seines Sippenschicksals. Aus dem Reigen der Nebenrollen sei Erich Ponto genannt, dessen Leistung als die Erfüllung der dichterischen Vision erschien.

Im Vordergrund der Regie stand der Wirkungseffekt, nicht das Atmosphärische, Sie war abgestimmt auf knappe Andeutung, weit ausholend in der dramatischen Steigerung. – Die Begegnung mit diesem Werk dürfte für das deutsche Theater von größter Bedeutung sein. K. F. Reinking