Die außenpolitische Tragweite der dänischen Reichstagswahlen vom 28. Oktober geht schon aus der Tatsache hervor, daß es die Südschleswigfrage war, über die Ministerpräsident Kristensen. gestürzt wurde. Aus den Reden, die Kristensen in jüngster Zeit bei verschiedenen Gelegenheiten gehalten hat, schien eindeutig hervorzugehen, daß er in der Südschleswig-Frage den von seinen Kabi-, nettskollegen, bisher verfolgten und von der großen Mehrheit der Parteien des Landes gebilligten Kurs zu verlassen gewillt ist. Die unmittelbare folge dieser Beobachtung bestand in einem Mißtrauensantrag der Radikalen Linken, der mit 80 gegen 66 Stimmen angenommen wurde. Unmittelbar vor dieser Abstimmung waren drei Anträge in der Südschleswig-Frage, die sämtlich entweder die Abtrennung dieses Gebietes von Deutschland oder einen Volksentscheid forderten, verworfen worden. – Nach dem erfolgreichen Mißtrauensvotum der Radikalen Linken entsprach König Frederik IX. dem Vorschlag des Ministerpräsidenten Knud Kristensen, den Reichstag aufzulösen und Neuwahlen ausschreiben zu lassen. Der dänischen Verfassung nach bleibt das gestürzte Kabinett bis zur beendeten Durchführung der Wahlen im Amt.

Der Gedanke einer Lostrennung Südschleswigs von Deutschland oder der Abhaltung einer Volksabstimmung mit dem gleichen Ziel, als dessen An-Valfsich Kristensen neuerdings betätigt, fand bisher seine Stütze vor allem in den Kreisen der Konservativen Partei, die mit 26 Abgeordneten im auflösten Reichstage vertreten war, sowie in dem Kristensen nahestehenden Flügel der liberalen Venstre-Partei, die bei den Wahlen des Jahres 1945 Mandate erreichte. Alle übrigen Parteien, Tor allem aber die sozialistischen, stehen dem Gedanken mehr oder weniger ablehnend gegenüber; Die Erkenntnis, daß die pro-dänische Konjunktur in Südschleswig ein reines Erzeugnis der gegenwärtigen deutschen Not ist, hat sich unter den nüchternen und realpolitischen Elementen in Dänemark gerade in letzter Zeit immer mehr durchgesetzt. Immer klarer ist in-diesem Zusammenhang ausgesprochen worden, daß es sich in Südschleswig weniger um eine "Hin-zu-Dänemark". als um eine "Fort-von-Deutschland"-Bewegung handelt, deren drastische Kennzeichnung als "Speck-Dänentum" keineswegs zu Unrecht in deutschen Kreisen üblich geworden ist. Der Widerstand dänischer Parteien und Politiker gegen eine unter Ausnutzung der gegenwärtigen Lage erreichte Angliederung Süd-Schleswigs geht von der sehr richtigen Überlegung aus, daß dieses Danaergeschenk die Dänen in zwanzig Jahren mir einer außenpolitischen Hypothek belasten würde, die niemand im eigenen wohlverstandenen nationalen Interesse würde wünschen dürfen.

Gegenüber diesem brennenden außenpolitischen Problem, das nach erst zweijährigem Bestehen dem im Oktober 1945 gewählten Reichstage ein Ende, gemacht hat, obwohl seine verfassungsmäßig vorgesehene Legislaturperiode sich normalerweise über vier fahre zu erstrecken hat; tritt die Frage der künftigen Wirtschaftspolitik auf den zweiten, wenn auch nicht unwichtigen Platz! Im Warenverkehr mit dem Auslande haben die handelspolitischen Enttäuschungen mit England bei gleichzeitiger Fortdauer der erzwungenen Abwesenheit des deutschen Handelspartners ihre Spuren im dänischen Wirtschaftssystem hinterlassen. Entscheidend wird darum die Frage, ob es Dänemark gelingen wird, das endgültige Einverständnis der JEIA dafür zu erreichen, daß die dänischen Importe aus Deutschland in Zukunft in dänischen Kronen bezahlt werden dürfen. Das Streben nach Lohnerhöhungen, wie es sich im dänischen Setzerstreik äußerte, gibt die sozialpolitische Parallele zu ähnlichen Auseinandersetzungen in Frankreich und Italien ab, spielt aber eine ungleich schwächere Rolle in diesen beidenLändern. Das Problem des Unterhalts der sich immer noch auf Kind 80 000 beziffernden deutschen Flüchtlinge in Dänemark, die täglich pro Kopf 3 bis 5 Kronen kosten, bildet eine budgetäre Belastung des dänischen Staates, die das Strebennach Lösung dieses Problems verständlich macht.

rtz.