In den Pausen dieser nicht gar pausenreichen Versammlungstage in Hermannsburg, nachdem, wie der Tagungsleiter sagte, "der heidnische Gong" zum Mittagessen und zur Erholung gerufen hatte, konnte man – was nicht viele der Akademie-Gäste taten – das Dorf durchschreiten. Sonntag vormittags trifft man da keinen Menschen in den Straßen, weil sie alle in der Kirche, sind, wo seit den Tagen des berühmten Pastors Hanns die Predigten mehr als eine Stunde dauern, wo die Gemeinde die letzten Verse der Kirchenlieder genau so deutlich und auswendig singt wie die ersten und wo noch eine feierliche lutherische Lithurgie im Gebrauch ist, die in Städtischen Kirchen längst gekürzt werden mußte. Jener Pastor Harms nämlich, der vor rund hundert Jahren in Hermannsburg wirkte, ist ein gewaltiger Eiferer Gottes gewesen, und die Hermannsburger sagen, ohne sich für ihre Altvorderen zu schämen, daß es not tat. Denn die Niedersachsen, die früher auch in Hermannsburg "eine Stange vertragen" konnten, waren – mit Verlaub gesagt – an den Suff geraten. Aber schließlich bekehrten sie sich und wurden so stark im Glauben, daß sie sogar Missionsschiffe aussandten, und besonders in Afrika, zumal in Abessinien, haben die Hermannsburger Missionare, wie alle Weit es rühmt, eine segensreiche Tätigkeit entfalten dürfen. Nicht nur, daß in Hermannsburg auch gegenwärtig noch das Missionshaus, die Ausbildungsstätte, junger Missionare, wirkt: das fromme Dorf, dessen Bewohnern ein gewisser ins Pietistische gehender Wesenszug wohl anzumerken ist, steht heute wie einst mit vielen fernen Orten der Welt in Verbindung.

Es ist ein schönes, behäbiges Dorf. Ein Bach, die Oertze benannt, fließt unter einer breiten Brücke, wandert quer durch Wiesen, die selbst nach diesem Jahr der Trockenheit nicht gänzlich ausgedörrt sind, und verschwindet in Wäldern, die in diesen Tagen herbstlich flammend leuchten. Von drei Ecken grüßen Kirchturmspitzen. Doch wenn sie auch die Frömmigkeit weithin verkündigen, die hier herrscht, so gibt es an den Kaufläden, wo "Senf" und "Ofenputzer" als soeben eingetroffen gemeldet werden, doch auch durchaus weltliche Plakate, beispielsweise die Ankündigung einer zweifellos strammen Operette "Der Jäger aus Kurpfalz" oder einer Unterhaltungskapelle "Die Uhlenköper" oder die Aufforderung des Sportvereins, an einer Boxerriege teilzunehmen. Rechnet man jedoch die Merkmale des Religiösen gegen die des Weltlichen auf, so ergibt sich immerhin ein deutliches Übergewicht für das Ernste, Beseelte, Verinnerlichte.

Mitten hinein in dieses seltsam beseelte Dorfleben, dem ein wenig die Atmosphäre des Altväterlichen und des "Nicht-von-dieser-Welt-Sein" anhaftet, hat die Regierung der Landeskirche Hannover die Evangelische Akademie gesetzt. Nicht freilich, daß man sich einen Neubau hätte leisten können! Man wählte ein ziemlich geräumiges Fachwerkgebäude. das früher ein so recht dörfliches Hotel gewesen war: weite Halle wie in einem Gutshaus. breite Treppen und einfach Gasthausstuben mit kleinen Fenstern. Nichts von Komfort und doch Behaglichkeit. Und dann ist ein schmuckloser Anbau vorhanden, nur durch das Freie, über den holprigen Vorhof erreichbar, ein Raum, so karg, daß ihm ein paar Bilder not täten. Dort sammeln sich die Gäste der Tagungen oder Kurse zu den Vorträgen und den öffentlichen Gesprächen. Und dies freilich erkennt man gleich: daß der Geist der Evangelischen. Akademie nichts Altväterliches, sondern etwas durch und durch Modernes hat.

In Hermannsburg nämlich so gut wie in den fünf oder sechs anderen Orten West- und Süddeutschlands, wo Evangelische Akademien gegründet werden, geht zweifellos etwas Besonderes vor, was Vielleicht ebenso wie eine religiöse auch eine politische Wirkung tun wird. Man hat – sowohl von kritisch-hellhöriger als auch von neutral-unbeteiligter Seite – behauptet, die Evangelischen Akademien seien als Forschungsstätten und zugleich als Zusammenkunftsorte quasi generalstäblicher Lagebesprechungen errichtet worden; sie seien Bastionen oder Ausgangspunkte eines Generalangriffs, den die evangelische Kirche beschlossen habe gegen den Unglauben des heutigen Menschen, gegen die Unbeseeltheit und Kälte dieser modernen Welt, gegen die Philosophie des Nihilismus, gegen die Gottesferne des gegenwärtigen Denkens, gegen die kühle Göttin der Ratio und alle Parteien, die ihr dienen. Kurzum: die Kirche – und dafür seien gerade die Evangelischen Akademien das deutlichste Zeugnis – See entschlossen, "aktiv zu werden" und "in Front zu gehen". Daran ist ohne Zweifel etwas Wahres. Denn sogar dem unbeteiligten Zeitchronisten prägte sich, obwohl er – wie heißt es immer im Freundeskreise mit leicht humoristischem Tadel? – zwar "gelernter Katholik, aber ein hartgesotten Weltkind" ist, eines deutlich ein: die Tatsache nämlich, daß in dieser ungewohnten Sphäre eines stark betonten Protestantismus etwas anderes ebenso stark betont, wird: ein aktives, ordnendes Eingreifenwollen in den Gang dieser so verworrenen Welt!

Deshalb also hat die Evangelische Akademie diesmal, da das schier unlösbare Flüchtlingsproblem zur Debatte steht, die Vertreter der kirchlichen Fürsorge und jener staatlichen Ämter, die mit gleichen Sorgen befaßt sind, an denselben Beratungstisch geladen, Als in ähnlicher Weise früher sehen Männer der Theologie und der Naturwissenchaft zusammensaßen, Physiker wie Pascual Jordan und Heisenberg mit Superintendenten, Konsistorialräten und dem Landesbischof, hat sich, wie es heißt, aus natürlichen Spannungen und gegenseitiger Belehrung die Tatsache eines gemeinsamen oder wenigstens gemeinsam möglichen Weltbildes ergeben. Immerhin hat sich also schon angesichts schwieriger Probleme gezeigt, daß der Boden christlicher Weltanschauung immer noch – oder heute wieder – ein tragfähiger Acker zukunftweisender Ideen sein kann. Nicht umsonst wirkt in der Atmosphäre dieser Akademie eines, was der Fromme einfach Frömmigkeit nennt und was das Weltkind aufatmend als erlösende Menschlichkeit begrüßt. Und davon hat der Studienleiter der Akademie. Pastor Döhring, der Sohn eben jene? berühmten Dompredigers zu Berlin, der liebte in der Gruft seines zerstörten Gotteshauses die Gemeinde versammelt, ein Beispiel erzählt: Es gibt da die Antworten auf drei Fragen, welche die Teilnehmer-der jeweiligen, stets mehrtägigen Akademiekurse einander zu stellen pflegen: "Wer bin ich?", "Wo komme ich her?" und "Was erwarte ich?" Und so erzählte anläßlich einer Tagung, zu der die Mediziner sich in Hermannsburg eingefunden hatten, ein Arzt aus Schlesien, daß er ausgeplündert und arm nach Westdeutschland gekommen sei, ohne genügende Kleidung, ohne nützliche Beziehungen zu irgendwein und – was noch schlimmer war – ohne das Instrumentarium, das nun einmal zur Ausübung des ärztlichen Berufs notwendig ist. Und was er erwarte, sei ein bißchen Trost, ein wenig Besinnung. Er erzählte dies-nur obenhin, absichtslos und ohne materielle Erwartungen. Aber ebenso ruhig erwiderte ihm sein Nachbar am Mittagstisch. ein Arzt aus Hannover, der bei seiner Heimkehr aus dem Kriege Familie. Haus und Praxis unversehrt und ungeschmälert angetroffen hatte: "Besuchen Sie mich, Herr Kollege; wir wollen meine Intsrumente teilen!"

Nun aber die Frage der Flüchtlinge, der Vertrebenen allgemein! Das Kernproblem unserer Zeit, ohne dessen Lösung eine Gesundung Deutschlands, ja Europas gar nicht möglich ist! Fürwahr, es war kein Wunder, daß die mit Vorträgen, Schilderungen und Debatten ausgefüllten Tage davonzueilen drohten, ohne daß zunächst praktische Früchte ans Licht traten, Ideen, die, heute noch Gedanken und Entschlüsse, morgen schon prägnant erkenntliche Taten zu sein vermöchten. Es liegt im Wesen der Deutschen, abstrakt formulieren zu wollen und sich, ist dies nur gelungen, auf dem Stuhl zurückzulehnen, als habe man wunders was geleistet. Aber da waren in Hermannsburg auch die Unruhigen, die Jüngeren in den Generationen der Pfarrer, in deren Wortschatz offenbar noch ein derberer Ton aus Kriegs- und Frontzeiten sich erhalten hat. Dies klang allerdings ein wenig sonderbar, wenn sie, etwa in Tischgesprächen, biblische Sentenzen anwandten wir den auf Einheimische und Flüchtlinge gemünzten Satz, es sei dem reichen Prasser gar nichts nütze, sich verheimlichen zu wollen, daß der arme Lazarus vor der Tür liegt, und wenn sie fast im selben Atem das Wort von der "postmortalen Klugscheißerei" prägten, womit sie ebenso rauh wie gelehrt andeuteten, daß es, analog dem Sprichwort vom Kind, das in den Brunnen fiel (worauf dann der Brunnen endlich zugedeckt wurde), gar nichts hülfe. Tiefgründiges zu denken und zu reden, derweil die Flüchtlinge vollends im Elend erstickt und verkommen sind,

Und doch – sie waren ermutigend, diese Jün- – geren unter den Pfarrern, die durchaus mit Zustimmung zur Kenntnis nahmen, daß jenes gerade erst in Eisenach "durchgepaukte" Memorandum ziemlich unumwunden denjenigen Pastoren und Kirchenvorstehern disziplinarische Bestrafung androht, die sich dem Ruf des Helferdienstes – aus Bequemlichkeit oder aus welch anderen Gründen immer – glauben entziehen zu dürfen. Diese Jüngeren sind nicht gesonnen, Rücksichten zu nehmen. Da ist unter ihnen der Pastor Albertz, der – vielleicht ein seltsamer Fall und sozusagen ein weißer Rabe – niedersächsischer Landtagsabgeordneter der Sozialdemokratischen Partei ist. Er sagte es den Vertretern der Behörden, den Sendboten der Flüchtlingskommissariate, eiskalt ins Gesicht, während er lässig am Rednerpult lehnte, daß dies, was heute mit den Flüchtlingen geschähe, die von Land zu Land verschöben würden, ganz einfach Menschenhände; sei. Und ferner: da höre man die Einheimischen klagen, es sei kein Platz mehr in Hütten und Herbergen. Dabei wisse der Seelsorger, der über Land geht, sehr wohl, daß die Flüchtlingsbaracken sticht etwa deshalb nicht geräumt. werden, weil nicht Häuser und Wohnungen genug vorhanden.sind, die Armen aufzunehmen, sondern weil man fürchtet, es könnten neue Obdachlose nachrücken, und so verstopfe man den Zuzug mit lebendigen Leibern. Und wie denn überhaupt? War es nicht so, daß damals die Kirche versagte, als mit dem Anbruch der Industrialisierung die Arbeiter in den "vierten Stand" hinabgerissen wurden? Und soll sie heute wieder versagen und stillschweigen und unbeteiligt verharren, da die Flüchtlinge drohen, zum "fünften Stand" zu werden? wurde, erst verließ, nachdem er von einem Überfall durch polnische Banditen einen Schädelbruch davongetragen und lange krank daniedergelegen hatte. Er erzählt, daß er in ein und derselben Woche, in der er sechs Kinder taufte, siebzehn Kinder beerdigen mußte, und er wiederholt das Sprichwort: "Wenn die Särge mehr werden als die Wiegen, ist es schlecht um ein Volk bestellt." Er schildert, wie sie zusammenhielten in der Not, die verbliebenen Deutschen, nun wirklich Brüder und Schwestern über: alle Konfessionsunterschiede hinaus, und nennt auch das Beispiel des katholischen deutschen Pfarrers, der in der evangelischen Gemeinde das Abendmahl in beiderlei Gestalt darreichte, während von den polnischen Geistlichen nur selten Hilfe kam. da sie sich eher als nationalistische Polen gebildeten, denn als Katholiken. Und er erzählt, daß heute immer noch an 300 Orten in Schlesien sonntags evangelischer Gottesdienst abgehalten werde, und zwar vornehmlich durch Lektoren, da keine zehn protestantischen Pfarrer mehr im Lande sind. Und was hat ein Redner aus dem weltlichen Lager berichtet, ein höherer Beamter aus dem Staatskommissariat für das Flüchtlingswesen in Niedersachsen? Er zitiert den Brief einer 70 Jahre alten Lehrerswitwe einer Vertriebenen aus dem Osten, die mit ihrer Tochter bei einer Arztfamilie zwar Unterschlupf, aber keine Barmherzigkeit fand. Sie wird beschimpft und ausgezankt – freilich, man will sie verjagen, hinausekeln aus dem Haus –; man hing die Heizungskörper in ihrem Zimmer winters mit Decken zu, und als dann immernoch ein wenig Wärme sich ausbreitete, montierte man die Anlage ab und schaffte sie beiseite. Man gibt ihr ein Verbot, das W.-C. zu benutzen und Weist ihr im Freien eine Gelegenheit an Und obendrein, um dennoch Barmherzigkeit zu demonstrieren, schenkt man ihr im letzten langen Winter drei Briketts, sage und schreibe: drei Briketts. Und dieser "Story", die leider Wahrheit ist und vielerorts typisch für das Verhalten, der Einheimischen; fügt der Vertreter der Behörde hinzu, daß er Antrag gestellt habe, man möge ein Gesetz erlassen, das derlei Grausamkeit, die sich in täglicher Schikane allzu leicht ungestraft breitmacht, unter Strafe stellt. Aber damit hat man sich nicht durchringen können ...