Den Spiegel und die abgekürzte Chronik – wenn nicht des Jahrhunderts, wie Hamlet will, so doch unseres Jahrzehnts –: das will Hermann Mostar in seinem neuen Schauspiel "Meier Helmbrecht" bieten. Es führt dabei ein gerader Weg von dem Münchener Kabarett "Die Hinterbliebene n", wo Mostar bayerischen Ministern, deutschen Spießern und einer Besatzungsmacht, die im Spaß den Ernst verträgt, die-Leviten liest, über den "Zimmerherrn", den Wuppertal zuerst auf die Bühne brachte, zu jenem "Acker im Bayerischen", – den der’Meier Helmbrecht pflügt. Er ist ein fruchtbares Stück Land für die deutsche Literatur geblieben, seitdem Wernher der Gartenäre seine volkstümlich kräftige Erzählung vom Bauern, der ein Ritter werden wollte, im 13. Jahrhundert im Gegensatz zu den welschen Epenstoffen. just im sozialen Spannungsfeld seiner Zeit und ihrer wankenden Moral ansiedelte. Unter den dramatischen Autoren, die die alte Fabel mit immer neuer Problematik aufladen, gibt Mostar ein richtiges rundes Legendenspiel, dessen altgetönte Handlung den Zuschauer ordentlich packt. Indes, schon die an den Nerven hämmernden Knittelverse alarmieren den Verstand des Hörers, daß er beginnt, hinter den Worten zu lauschen. Und plötzlich geht in der schlichten Fabel eine Laterna magica der doppelten Bedeutung auf ...

Da ist der junge Helmbrecht, vernarrt in mitterlches Wesen, der Geschichte machen, nichterleiden will, der sich als tumber Bauerntölpel einen Führer sucht: einen Räuber statt eines Ritters – wird hier nicht das deutsche Volk geschildert auf seinem Weg vom Traum der Macht über den Raub am Gut der andern in den Terror einer Führung, der es sich nicht mehr entwinden kann, bis es in der Katastrophe dem Richter gegenübersteht? Für Helmbrecht ist es der eigene Vater, vor dem er sich vergeblich darauf beruft, daß er nur Befehle ausgeführt habe. Mostar, der dies dramatisch demonstriert, ist nicht zimperlich. Verstümmelt und fehlender schickt er den Übeltäter als fahrenden Sänger auf die Straßen, wo er mit der Sage seines Elends die Jugend vergiftet, vielleicht, daß sie vollende, was ihm mißlang Da schlagen ihn die Nachbarn tot damit die Welt zur Ruhe komme. Das Recht jedoch, das nur strafte, das dem Schuldigen alles nahm und ihm nichts als die Flucht in den alten Traum von Glanz und Rache ließ, ist selbst schuldig geworden durch die Hypertrophie einer Vergeltung, die nicht bessert, sondern tötet. Man sieht: in dieser Allegorie des deutschen Schicksals wird keinem etwas geschenkt. Auch den andern nicht.

Daß dieses Schauspiel seine Uraufführung, an den Städtischen Bühnen in München-Gladbach und Rheydt fand, ist kein Zufall. Fritz Kranz, der es mit dem vorzüglichen Peter Probst als altem und Hans Gilbert als jungem Helmbrecht mehr vom mittelalterlichen Legendenton und der Bildkraft der Sprache als von jenem Kabarett her inszenierte, das noch immer heimlich in Diktion und Situationsdramatik verborgen ist. hat seit zwei Jahren an seinen Bühnen einen konsequent der zeitgenössischen Dramatik zugewandten Spielplan gepflegt, wobei vor allem das westliche Ausland vielfältig zu Worte kam. So bringt man hier inzwischen die erste Ernte einer gegenwartsnahen Kulturpflege in die Scheune, Das erkennt man schon daran, daß hier eine "Woche" ganz in den Dienst moderner. Kunst des Theaters und der Musik gestellt werden konnte.

Bei dieser Gelegenheit weitete sich der Theaterhimmel noch einmal zur politischen Bühne, diesmal der Weltpolitik. Kein Geringerer als der Papst stand – zunächst inkognito – auf der Szene und erörterte mit einem kleinen amerikanischen Landpfarrer bei der Betrachtung eines Gemäldes in einer vatikanischen Galerie die Wege, wie man – "zehn bis fünfzehn Jahre nach unserer Gegenwart" – einem unvermeidlich erscheinenden Weltkriege entgehen könne. Aus der Gottseligkeit eines Religiösen ergibt sich die zunächst utopisch anmutende Konzeption: der Papst soll die Gläubigen in aller Welt aufrufen, ihren Regierungen den Kriegsdienst zu verweigern. Dieser revolutionäre Vorschlag kommt aus Amerika, vom Verfasser des Jesuitendramas "Die erste Legion", dem Jesuitenschüler Emmet Lavery, leider hat er nur den Einakter "Monsignores. große Stunde" daraus gemacht. Ein Disputierstück voll fiebernder Spannung des Gedankens, der – theatralisch gesehen – ein bißchen fadenscheinig eingekleidet ist (aber im Dialog von Karl Otto Möderau und Bruno Kobelt. regielich von Norbert Hellmann geführt, sehr warmherzig und nobel interpretiert wurde). Welches Drama schlummert jedoch in dem großen Zwiegespräch: Der Papst und die anderen Kirchenführer als die Spitzen einer internationalen Widerstandsbewegung; der Gewaltlosigkeit! Widerstand schon im national differenzierten Kardinalskollegium! Der kirchliche Bruch mit der Theorie der "gerechten" Kriege, da die Gerechtigkeit in der Welt nur noch, eine Frage Propaganda zu sein scheint! Aufstand der Völker gegen die "Völker-Bünde ihrer Regierungen und Aufbruch der christlichen Welt vom Bekenntnis zu einer Tat, die mit ihrer revolutionären Widerstandskraft und der Leidensbereitschaft für alle Folgen noch einmal die Erde im Namen Christi umgestalten könnte! – Ist das nur die gedankliche Spielerei eines Schrift-, stellers aus dem Lande der unbegrenzten Möglichkeiten? Oder wird die planetarische Bedrohung der Menschheit durch einen Atomkrieg auch die Kirchen auf außerordentliche Wege der Rettung drängen? – Dies wäre auf alle Fälle ein erregendes Drama; nach keine Sorge: es ist noch nicht geschrieben worden! Johannes Jacobi