Von Paul Klee

Die Frage, wieso der moderne Künstler oft zu einer scheinbar willkürlichen "Deformation" der natürlichen Escheiuungsform kommt, geantwortet der Maler Paul Klee in seinem im Verlage Beusch. A. G., Beru-Bimlitz erschienenem Bekenntuisbuch.

Einmal mißt er natürlichen Erscheinungsformenlicht die zwingende Bedeutung bei, wie die vielen Kritik übenden Realisten. Er fühlt sich an diese Realitäten nicht so sehr gebunden, weil er an diesen Form-Enden nicht das Wesen des natürlichen Schöpfungsprozesses sieht. Denn ihm liegt mehr an den formenden Kräften als an den Form-Enden Er ist vielleicht, ohne es gerade zu wollen, Philosoph. Und wenn er nicht wie die Optimisten diese Welt für die beste aller Welten erklärt und auch nicht sagen will, diese uns umgebende Welt sei zu schlecht, als daß man sie sich zum Beispiel nehmen könne, so sagt er sich doch: In dieser ausgeformten Gestalt ist sie nicht die einzige aller Welten!

So besieht er sich die Dinge, die ihm die Natur geformt vor Augen führt, mit durchdringendem Blick. Je tiefer er schaut, desto leichter vermag er Gesichtspunkte von heute nach gestern zu spannen, Desto mehr prägt sich ihm an der Stelle eines fertigen Naturbildes das allein wesentliche Bild. der Schöpfung als Genesis ein. Er erlaubt sich dann auch den Gedanken, daß die Schöpfung heute kaum schon abgeschlossen sein könne, und dehnt damit jenes weltschöpferische Tun von rückwärts nach vorwärts, der Genesis Dauer verleihend ...

Uni es ist nicht wahr, daß schon der relativ kleine desSchritt des Blickes durch das Mikroskop Bilder vor Augen führt, die wir alle für phantastisch und verstiegen erklären würden, wenn wir sie, ohne den Witz zu begreifen, so ganz zufällig irgendwo sähen? Herr X aber riefe, in einer sensationellen Zeitschrift auf eine solche Abbildung stoßend, entrüstet: das sollen Naturformen sein? das ist ja schlechtes Kunstgewerbe. Also befaßt sich denn der Künstler mit Mikroskopie? Historie? Paläontologie? Nur Vergleichsweise, nur im Sinne der Beweglichkeit. Und nicht im Sinne einer wissenschaftlichen Kontrollierbarkeit auf Naturtreue! Nur im Sinne der Freiheit. Im Sinne einer Freiheit, die nicht zu bestimmten Entwicklungsphasen führt, welche in der Natur einmal genau so waren oder sein werden, oder die auf anderen Sternen (dereinst vielleicht einmal nachweisbar) genau so sein könnten, sondern im Sinne einer Freiheit, die lediglich ihr Recht fordert, ebenso beweglich zu sein, wie die große Natur beweglich ist. Vom Vorbildlichen zum Urbildlichen!

Aber nicht alle sollen dahin! Jeder soll sich da bewegen, wohin ihn der Schlag seines Herzens, verweist. So hatten zu ihrer Zeit unsere gestrigen Antipoden, die Impressionisten, völlig ‚recht, bei den Wurzelschößlingen, beim – Bodengestrüpp der täglichen Erscheinungen zu wohnen. Unser pochendes Herz aber treibt uns hinab, tief hinunter zum Urgrund. Was dann aus diesem Treiben erwächst, – möge es heißen, wie es mag: Traum, Idee, Phantasie –, ist erst ganz ernst zu nehmen, wenn es verbindet. Dann werden jene Kuriosa zu Realitäten, zu Realitäten der Kunst, welche das Leben etwas weiter machen, als es durchschnittlich scheint. Weil sie nicht nur Gesehenes mehr oder weniger temperamentvoll wiedergeben, sondern geheim Erschautes sichtbar machen!